Das Museum... (Signale 73-94)

„Geisterstadt“ am Three Valley Lake mit original umgesetzten und restaurierten Häusern der Pionierzeit

Three Valleys Gap in Kanada

In der Rubrik „Das Museum am anderen Ende der Welt“ stellen wir normalerweise interessante Museen vor, die sicherlich noch nicht Jeder besichtigen konnte. Einfach weil sie eben nicht ganz so einfach zu erreichen sind.

Dieses Mal verschlägt es uns nach Kanada.

Der Oldsmobile Curved Dash Modell R, 1901-04 das meistverkaufte Auto der Welt Wer im Westen Kanadas in Vancouver startet, und den legendären Trans-Canada-Highway-Nr.1 Richtung Osten fährt, erreicht nach einer Tagesfahrt den Three-Valley- Lake in den Monashee Montains. Da der Beginn des nächsten Nationalparks mit seinem Wintersportort Revelstoke nicht mehr weit ist, wird dieser kleine Ort in der Lücke dreier Täler der kanadischen Rocky Mountains oft übersehen, aber ein Stopp lohnt sich immer, denn hier gibt es einiges Überraschendes zu sehen. Neben einem großen, modernen Hotel am Seeufer ist eine „Geisterstadt“ zu besichtigen. Mit viel Aufwand wurden hier über Jahre 25 historische und restaurierte Gebäude einer typischen britischen Westernstadt wieder errichtet, und schon nach dem Eintreten fühlt man sich in die Pioniertage der Erschließung Kanadas zurückversetzt. Dankenswerter Weise können nicht nur die hierher umgesetzten Wohnhäuser, Saloons, Bank- und Sheriff-Gebäude und die vielfältige Läden besichtigt werden, sondern auch die originalgetreu wieder errichteten Werkstätten und Produktionsanlagen. Schnell wird die ehemalige Rolle dieses Orts klar, denn hier wurde Kohle abgebaut und verbunden mit dem Wasser des Sees, war dieser eine der ersten Stationen der kanadischen Eisenbahn. So sind auch in einem riesigen Lokschuppen einige dieser legendären Dampfrösser zu sehen, ebenso wie historische Eisenbahnwagen, während andere noch restauriert werden.  Aber nicht nur die Eisenbahn war wichtig für die Erschließung des weiten Landes. So ist in einem separaten Gebäude auch ein kleines Automobilmuseum zu besichtigen, das einige Raritäten bereithält.

Dogde 1927, Ford T 1927, Chrysler M50 1927  (v.l.n.r.) In einer separaten kleinen Scheune stehen 16 wunderschöne Oldtimer aus den Anfängen des Motorwagenbaus, allerdings leider viel zu eng, denn Platz wäre auf dem Gelände genügend vorhanden. Natürlich dominieren die Ford-Typen, aber auch top-restaurierte Fahrzeuge der Marken Cadillac, Chrysler, Dodge, Studebaker oder auch Overland sind zu bestaunen. So eröffneten sich mir einige neue Einblicke in die amerikanische Automobilgeschichte.

Am ausgestellten Curved Dash Olds Modell R aus dem Jahr 1902 konnte ich lernen, das dieser Wagen mit seinem 4,5 PS wassergekühlten Einzylinder-Motor der erste je in Großserie gebaute Motorwagen der Welt war und in den Jahren 1901-1904 als das meistverkaufte Auto der Welt galt.

Ebenso neu war für mich, dass das ausgestellte Cadillac Modell M im Jahr 1903 von Henry Ford konstruiert wurde. Beim genauen Hinsehen kann man dann an dem grünen Cadillac mit seinen Einzylinder-10-PS-Motor durchaus Ähnlichkeiten zu den späteren Ford-Modellen erkennen. Nur leider fehlt eben in der kleinen Scheune der Platz, um die Fahrzeuge herumzugehen.

Gleich daneben fallen am nächsten Fahrzeug aus dem Jahr 1909 die großen Holzspeichen-Räder aus dem Kutschenbau auf. Es ist ein sogenannter High-Wheeler, eine Karosserieform, die in Nordamerika einzigartig ist. Es handelt sich dabei um umgebaute Pferdewagen, für die es in den USA dutzende Hersteller gab. Die großen Holzräder sollten für eine genügende Bodenfreiheit auf den primitiven Wegen bei der Erschließung des Westens sorgen. Während es bei der Vielzahl der amerikanischen High-Wheelers die unterschiedlichsten Antriebe vom Elektromotor bis zur Dampfmaschine gab, war der ausgestellte Wagen mit einem Zweizylinder-Benzinmotor mit einer Leistung von 14 PS ausgestattet. So formschön der obere Karosserieaufbau mit seinen schwarzen Ledersitzen ausgeprägt war, der Kettenantrieb und die Betätigung von Bremsen und Schaltung über Seilzüge unter dem Wagen war schon abenteuerlich.

Mit einem wunderschönen grünen Vierzylinder-Overland Modell 59, aus dem Jahr 1912 beginnt der Reigen der Automobile der Messing-Klasse die bis in das Jahr 1929 reicht. Von da an sind die ausgestellten Wagen „richtige“ Autos, das heißt mit Standardantrieb und die Leistung des vorn stehenden Motors wird über eine Kardanwelle auf die Hinterachse übertragen.

Historisches Schmiede und mechanische Werkstatt Es folgt dann die Armada der Ford-Modelle, wobei mir besonders ein weißes Ford-Modell T aus dem Jahr 1912 ins Auge stach. Jeder kennt doch den berühmten Satz von Henry Ford, dass alle seine Autos schwarz zu sein haben. Offensichtlich gab es aber in den Jahren 1908-1913 davon noch einige Ausnahmen, wie das ausgestellte Modell eindeutig beweist. Ebenso neu war für mich, dass Ford bereits seit 1904 im kanadischen Winsor (Ontario) eine Niederlassung hatte, und dort seine Automobile für Kanada und gesamten britischen Commonwealth bauen ließ. Das erste, dort gebaute, Ford-Modell vom Typ AC, wurde bereits 1904 in größere Stückzahlen von Kanada aus bis nach Indien exportiert. Allein vom legendären Ford Modell T, der auch Tin Lizzie genannten „Blechliesel“, gab es 700.000 Fahrzeuge Made in Canada. Inzwischen befindet sich die kanadische Ford-Niederlassung in Windsor (Ontario) und somit gilt Kanada auch heute noch als Automobilproduzent, was in Europa gar nicht so bewusst ist.

Die Ausstellung der Vorkriegsoldtimer ist in jedem Fall sehenswert und wer danach noch durch die großflächigen Eisenbahnwerkstätten geht, wird auch da noch eine ganze Reihe von historischen Automobilen vergangener Zeiten sehen, die dort offensichtlich noch auf ihre Restaurierung warten. Es ist also anzunehmen, dass sich die Ausstellung in den nächsten Jahren noch vergrößern wird, und es bleibt zu hoffen, dass damit auch die Ausstellungsfläche erweitert wird.

Alles in allem ist der Besuch des Automuseums Three Valleys Gap interessant und durch die europäische Brille sehr lehrreich. Wer jemals dort vorbeikommt, sollte unbedingt einen Stopp machen.

 

 


 

Die Geisterstadt, einschließlich Automuseum ist von Mitte April bis Ende Oktober jeden Tag geöffnet. Im Winter bleibt es geschlossen.

Der Eintritt beträgt für Erwachsene 12 Can.$, für Kinder 7 Can.$.

Zur Vorinformation gibt es die Internetseite http://www.3valley.com, die teilweise auch in Deutsch verfügbar ist.

Alle Fotos: Matthias Doht