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Zweitakt-BMW? (Signale 75-96)

Zweitakt-BMW? (Signale 75-96)

Gespeichert von Stephan am Mo., 14.09.2020 - 17:36
Das Holzmodell ist im Eisenacher Museum zu bewundern

Seit Ende letzten Jahres ist in der Dauerausstellung des Eisenacher Automobilmuseums ein Holzmodell eines Stromlinienfahrzeugs für einen „BMW P40“ zu sehen, das so gar nicht in die Eisenacher Chronologie der BMW-Awtowelo-Nach-kriegszeit passt.

Die Entstehung dieses Entwicklungsvorschlags im Maßstab 1:10 geschah in der heute unübersichtlichen Nachkriegszeit im Jahr 1949 und stammt aus Sachsen. Nachdem nach Kriegsende in Zwickau  die Horch- und Audi-Werke durch die sowjetischen Besatzungstruppen demontiert waren, wurde das in Chemnitz ansässige ehemalige Auto-Union-Konstruktionsbüro Mitte 1948 der SAG Awtowelo- Werk BMW Eisenach angegliedert.

Offensichtlich gab es aber keinerlei inhaltliche Abstimmungen und an beiden Standorten wurde parallel gearbeitet. Während in Eisenach auf sowjetischen Befehl mit Hochdruck an der Entwicklung des viertürigen Limousine BMW 340 gearbeitet wurde, setzten die Sachsen die Traditionslinie der bisherigen Auto-Union fort.

Die Basis der Eisenacher Entwicklung, war der seit 1936 in Thüringen produzierte Vorkriegs-BMW 326 mit Standardantrieb durch einen Sechszylinder-Viertaktmotor und 50 PS Leistung. In Chemnitz hingegen war man in DKW-Tradition vom Zweitaktmotor überzeugt. So entstand dort ein Entwurf eines stromlinienförmigen, sechssitzigen Pkws, der durch einen Sechszylinder-Zweitakt-Boxermotor im Heck angetrieben werden sollte. Federführend für dieses Projekt war der ehemalige Auto-Union-Konstrukteur Otto Seidan. Während die Karosseriekonstruktion sich an der Vorkriegslimousine Horch 930S orientierte, war als Antrieb ein Sechszylinder-Zweitakt-Boxermotor im Heck vorgesehen. Der Motor sollte einen Hubraum von 2.250 cm³ haben und bei 3.500 U/min eine Leistung von 65 PS auf die Straße bringen. Durch die Anordnung als Heckmotor war eine Luftkühlung mittels Axialgebläse vorgesehen. Die Einlasssteuerung des Zweitakters erfolgte über ein Walzendrehschieber und der Auslass durch übliche Schlitze. Der Motor hatte bereits eine Benzineinspritzung und eine Frischölschmierung. Auch war ein Automatikgetriebe vorgesehen.

Die Chemnitzer Ingenieure versuchten den Entwurf als Typ P40 offensichtlich den Eisenachern schmackhaft zu machen und die Fahrzeugfront war nicht nur mit dem BMW-Markenzeichen gekennzeichnet, sondern wies auch noch zwei nach untern spitz auslaufende BMW-Nieren auf. In einem Schreiben vom 11.12.1949 an das Eisenacher Awtowelo-Werk begründet der Chemnitzer Ingenieur Otto Seidan den Entwicklungsvorschlag mit der Notwendigkeit „sofort mit der Entwicklung eines Fahrzeuges unter Zugrundelegung modernster Erkenntnisse zu beginnen.“

In Eisenach hatte man daran aber überhaupt kein Interesse, denn zu diesem Zeitpunkt war der Serienstart des neuen BMW 340 gerade angelaufen. Da mit Jahresende 1949 die Zugehörigkeit des Chemnitzer Büros zur SAG Awtowelo Eisenach beendet wurde, ist dieser Entwicklungsvorschlag nicht weiter verfolgt worden und offensichtlich wurde nicht einmal mehr auf das Schreiben reagiert. Damit war die Vision eines Zweitakt-BMW schon im Vorfeld gestorben und in Eisenach rollte der BMW 340 mit dem Sechszylinder-Viertaktmotor mit 1.971 cm³ Hubraum und 55 PS ganz in der Vorkriegstradition vom Band. So blieb es hier bei dem Holzmodell.

In Chemnitz wurden allerdings offensichtlich auf dieser Basis als Reparationsauftrag für die Sowjetunion ein Prototyp mit Sechszylinder-Zweitakt-Boxer-motor gefertigt, der als Typ 666 sofort nach Fertigstellung und ohne weitere Erprobung direkt an das sowjetische Oberkommando in Berlin-Karlshorst übergeben wurde. Da verlieren sich alles Spuren und über das weitere Schicksal ist nichts weiter bekannt, da die Sowjets ohnehin keinerlei Erfahrung mit Zweiaktern hatten. Beliebt war die Konstruktion allerdings offensichtlich nie, denn auf Grund der Zweitakt-Abgasfahne erhielt er bereits in Chemnitz den Spitznamen „Nebelkrähe“.

 

 

Foto: Matthias Doht