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Das Museum an diesem Ende der Welt (Signale 75-96)

Das Museum an diesem Ende der Welt (Signale 75-96)

Gespeichert von Stephan am Mo., 14.09.2020 - 17:23
Der Eingang des Fahrzeugmuseums Chemnitz

Museum für sächsische Fahrzeuge Chemnitz

Mit einem Möbelhaus teilt sich das Museum für sächsische Fahrzeuge in Chemnitz eine wirklich geschichtsträchtige Location: Die „Stern-Garagen“ ist eines der ältesten erhaltenen Hochgaragen-Gebäude in Deutschland.

Das bemerkenswerte für beide Mieter ist: Im Inneren ist die ursprüngliche Gestaltung der Garage mit Einzelstellplätzen, Beschriftungen und sehr industrieller Gestaltung erhalten geblieben.

Das geht nur, weil das 1928 erbaute Haus heute unter Denkmalschutz steht. Das seinerzeit hochmoderne Gebäude am Industriestandort Chemnitz wurde in Stahlbetonbauweise ausgeführt. Es bot auf seinen sechs Etagen fast 300 Autos Platz und war die zeitgemäße Antwort auf Problem, die wir heute noch viel deutlicher erkennen: Wohin mit dem Kfz, wenn es gerade nicht gefahren wird?

Erstaunlich fortschrittlich auch die Innenausstattung: Ein Fahrstuhl beförderte die abzustellenden Fahrzeuge in die einzelnen Geschosse.

Auf jeder Etage gab es Autowaschplätze.

Heute steht nur noch das Parkhaus selbst. Ursprünglich wurde die Garage mit einer Kraftfahrzeugwerkstatt und einer eigenen Tankstelle komplettiert.

Auf nur 1000m² stellt das Museum 200 Exponate aus. Das geht natürlich nur, weil viele dieser Exponate nur 2 oder 3 Räder haben. Allerdings heißt viele längst nicht alle.

Der Aufbau der Ausstellung orientiert sich am zeitlichen Verlauf der Entwicklung der Mobilität. Dabei startet das Museum mit dem Ende des 19. Jahrhunderts, dem klassischen Einstieg in die moderne Motorisierung.

Ein besonderer Schwerpunkt der Ausstellung sind Zweiräder, Reparatur und Erhaltung und Motorsport.

Besondere Highlights sind u.a. ein Wanderer W10 von 1930 mit einer voll funktionsfähigen Holzvergaseranlage, die DKW-Werkstatt „Josef Simson“ mit zeitgenössischer Ausstattung und viele Sonderfahrzeuge aller Art.

Darunter so außergewöhnliches wie  den Rennsportwagen auf Basis des IFA F9 von 1950. Davon gab es ursprünglich sogar mal zwei, Beide galten lange als verschollen, ehe der hier ausgestellte Wagen auf der Techno Classica in Essen wieder unvermutet auftauchte und bei „normalen“ IFA-Freunden und –Kennern für Ratlosigkeit sorgte, während echte DKW-Kenner (die es zweifellos in diesem Museum gibt), das Auto erkannten.

Es wird gemunkelt, dass beide Rennsportwagen im Zuge der Produktionsverlagerung nach Eisenach in die dortige Versuchsabteilung umzogen. Einer soll auseinandergebaut worden sein und einer pendelte als Kurierfahrzeug zwischen Eisenach und Zwickau. Nicht minder interessant ein Eigenbau von Dr. Glaubrecht aus Torgau: Ein Wartburg 353 von 1979. Nichts besonderes? Dieser Wartburg hat nicht nur ein verkürztes Fahrgestell, sondern vor allem einen echten Turbinenantrieb! Als Kraftstoff diente Wasserstoffperoxid. Im Betrieb wurde dieser in Wasserdampf und Sauerstoff umgewandelt. Greta würde sich darüber freuen.

Dabei war dieser Wartburg alles andere als leistungsarm. Bei 16.000 U/min leistet er 120PS.

Nicht weniger interessant für echte Enthusiasten sind die Exponate zum Thema Stoye-Seitenwagen.

Insgesamt sind die Chemnitzer Sensationen keine großen, marktschreierischen Ereignisse. Vielmehr handelt es sich ganz häufig um kleine, feine und oft umso überraschende Exponate.

In letztgenannte Kategorie fällt sicherlich eine blau-weiße MZ ES 125, die über einen Elektroantrieb verfügt.

Dieser Antrieb sorgt zwar für Greta-freundliche Vermeidung von Auspuffschwaden, allerdings nicht für unbedingt angenehme Fahrerlebnisse. Das Ding fuhr nämlich gar nicht mehr, sondern diente angehenden Zweiradpiloten zum Kennenlernen der notwenigen Bedienelemente einer MZ.

Wer diesen Umbau vornahm ist leider nicht bekannt. Die ursprünglich für zivilen Einsatz hergestellte ES stand jedoch offenbar bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) im Einsatz. Diese paramilitärische Organisation lockte ihre meist jugendlichen Mitglieder mit einem schnellen Zugang zum Führerschein, den die normalen Fahrschulen nur umständlich und mit endloser Wartezeit offerierten.

Gern gezeigtes Exponat zur Abrundung jeder ernstzunehmenden MZ-Ausstellung sind die ehemaligen Eskort-Modelle von MZ. Mit diesen modifizierten MZ ETS 250 wurden ab 1970 Staatsgäste in ihren Luxuskarossen begleitet. Nicht allzu selten zum Unwohlsein dieser so ausgezeichneten Persönlichkeiten, denn die Zweitaktabgase aus gleich mehreren begleitenden MZ schmeichelten längst nicht jeder verwöhnten Nase gleichermaßen. Kein Wunder, das die Staatssicherheit, der dieser Dienst oblag, auf einen Modellwechsel zu Viertaktmotoren drängte, der letztlich in der Kooperation mit Rotax mündete. Immerhin konnte die Eskort mit einem Mischungsverhältnis von bis zu 1:100 gefahren werden. Die Oldtimer-Markt munkelte vor Jahren etwas über Zylinder mit zwei Kerzen, zwischen den umgeschaltet werden konnte, um Pannen durch verölte Kerzen infolge von langsamem Fahren zu vermeiden. Nur 30 der insgesamt 60 jemals gebauten Fahrzeuge verblieben in der DDR. Die andere Hälfte wurde komplett nach Ungarn verkauft. Damit ist die Eskort unter den seltenen ETS-Maschinen die seltenste.

Wer die Gelegenheit hat, noch bis zum 04.Oktober 2020 das Museum in Chemnitz zu besuchen, wird mit einer Sonderausstellung zum Thema 90 Jahre DKW-Rennsportwagen noch einmal zusätzlich belohnt.

Das Museum öffnet zwischen Dienstag und Sonntag an jedem Tag von 10-17:00 Uhr. Letzter Einlass ist 16:30 Uhr.

Die Eintrittspreise liegen bei 5,-€ normal und 3,-€ ermäßigt (für Studenten und Schwerbeschädigte). Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Schüler sogar noch dann, wenn sie bereits über 18 Jahre alt sind.

Das Museum sitzt unmittelbar an der Zwickauer Straße (Hausnummer 77, stadteinwärtige Seite) in 09112 Chemnitz. Es liegt in mittelbarer Nachbarschaft zur Innenstadt bzw. zum Museum für Industriekultur Chemnitz.

Weitere Informationen finden sich auf der Webseite des Museums unter: fahrzeugmuseum-chemnitz.de.