Fall gelöst (Signale 72-93)

Das Geheimnis um den "Kunststoffversuchswagen DDR" ist gelüftet

Der „Kunststoffversuchswagen DDR“ ist enttarnt

In der letzten Ausgabe baten wir die „Bevölkerung“ um Mithilfe bei der Aufklärung um den mysteriösen „Kunststoff-Versuchswagen DDR“. Stolz können wir nun melden, dass das Geheimnis nunmehr gelöst ist. Nach Befragung von Eisenacher Zeitzeugen, wie dem ehemaligen Auftragsleiter Plaste im AWE, Sigmund Baier,

dem Gruppenleiter Motorenkonstruktion Konrad von Freyberg und dem Karosseriegestalter Manfred Dempwolf, sowie Recherchen im AWE-Archiv, ergibt sich folgender Stand:

Es handelt sich bei dem abgebildeten Fahrzeug um eine Karosserie aus glasfaserverstärkten Polyester auf  einen Wartburg 353 Fahrgestell mit einem Sechszylinder – V – Zweitaktmotor (Müller-Andernach)!

Die Karosserie wurde von der Fa. Hans Wax in Berlin-Köpenick erstellt und auf den aus Eisenach angelieferten Rahmen gebaut.

 

Der Hintergrund ist Folgender:

Die in Berlin Köpenick ansässige Privatfirma Wax beschäftigte sich zur damaligen Zeit mit der Herstellung von Motorbooten für den Wassersport aus Glasfaserverstärkten Kunststoff GFP (glass-fibre reinforced plastic). Diese Boote waren offensichtlich beliebt und erfolgreich und die Firma Wax beherrschte als eine der ersten auch die Technologie des Beschichtens der Glasfasermatten mit den entsprechenden Harzen soweit, dass diese nach dem Aushärten ihre Neutralität behielten und sich bei der weiteren Bearbeitung nicht verwarfen.

Dazu kommt, dass nach heutigem Kenntnisstand, die Rechtskonstruktion der Fa. Wax und deren Verbindungen zu obersten DDR-Kreisen nicht mehr genau nachvollziehbar ist. Hans Wax war offensichtlich ein Westberliner Bürger, der sowohl in Westberlin, als auch in Ostberlin je eine Firma betrieb. So bleibt auch offen, wie Wax ursprünglich zu der GFP-Technologie gekommen ist.

Zu diesem Zeitpunkt ist in Eisenach der Ingenieur Siegmund Baier gerade im  AWE zum Auftragsleiter Plastik bestellt worden.

Wie so oft, war auch im Jahr 1968 wieder das Ziel die Blecheinsparung bei der Pkw-Fertigung. Daher wurde im Bereich Forschung und Entwicklung die Plastegruppe gegründet.

In dieser Funktion führte Siegmund Baier Gespräche mit dem Institut für Leichtbau in Dresden auf der Suche nach neutralen Glasfasermatten und verhandelte mit dem Chemiekombinat Buna über die Lieferung von entsprechenden Harzen.

In diesem Zusammenhang ist dann Siegmund Baier, der selber begeisterter Bootsbesitzer und Wasserskifahrer war, auf die Firma Wax in Berlin aufmerksam geworden und nahm Kontakt auf.

Ziel war es, die GFP-Technologie zu erlernen und dazu wurden für ein Vierteljahr fünf AWE-Mitarbeiter aus dem Bereich Versuch und Werkzeugbau zur Fa. Wax nach Berlin Köpenick abgestellt. Wax sah seine Chance in den Automobilbau einzusteigen und erklärte sich bereit mit den AWE-Mitarbeitern ein eigenes Urmodell auf einem Eisenacher Fahrzeugrahmen anzufertigen.

Wieso dazu aber nun aus Eisenach ausgerechnet ein Fahrwerk mit einem Sechszylinder-V-Zweitakt-Motor nach dem System Müller-Andernach angeliefert wurde, bleibt heute ein Rätsel der Geschichte.

War es seine Bedingung, um überhaupt die GFP-Lamelliert-Technologie weiterzugeben oder waren es seine guten „DDR-Beziehungen“?

Im Archiv der AWE-Stiftung findet sich ein Protokoll vom 1. August 1968, wo von AWE-Seite neben dem damaligen Technischen Direktor Dankward Fehr, die Kollegen K.-H. Hartung, Schütze, Lehmann und auch Hans Fleischer nach Berlin reisten. Völlig unüblich war bei allen Gesprächen immer ein Vertreter des Ministeriums für Wissenschaft und Technik, namens Hartung anwesend, so dass sich die AWE-Seite vorsorglich auch vom Juristen Koll. Schütze begleiten ließ.

Als Ergebnis dieses Gespräches ist vermerkt: „Das Urmodell der Firma Wax soll nach Eisenach überführt werden. Koll. Fleischer soll die vorgeschlagenen Änderungen gestalterisch ausarbeiten. Danach soll am Urmodell die neue Form als Spantenmodell angebracht werden.“

Und so kam es dann wohl auch. Das Fahrzeug, einschließlich Motor, kehrte nach Eisenach zurück. Hans Fleischer hat am Wax-Urmodell wohl noch einige Änderungen vorgenommen, dann ist es aber nicht weiter verfolgt worden. Von da an wurde aber mit der neuen GFP-Technologie mit Hochdruck an einer neuen Plaste-Coupé-Studie gearbeitet, woraus noch im Jahr 1968 das Funktionsmuster Wartburg 355 Coupé entstand. Ebenfalls wurde die von Wax aus dem Bootsbau eingeführte Spantentechnologie bei den folgenden Karosserieentwürfen von den AWE-Formgestaltern übernommen und Grundlage der weiteren Arbeit.

 

Über das Schicksal der Firma Wax ist aus Eisenacher Sicht nichts weiter bekannt, wohl aber über das Fahrzeug.

Das „Wax-Wartburg“ oder „Plaste-Wartburg“ genannte Fahrzeug wurde Anfang der 1970er Jahre auf einen „normalen“ Dreizylinder-Zweitakt-Motor mit 50 PS zurückgebaut und an einen AWE-Mitarbeiter, der als Versuchsfahrer gearbeitet hatte, verkauft. Als man beim Aufspüren von ehemaligen Prototypen 1991/92 diesen ehemaligen Mitarbeiter konsultierte kam man leider zu spät. Der Wagen war wenige Wochen nach der Wende verschrottet worden und es waren keine Reste mehr auffindbar.