Wartburg Limousine de luxe (Signale 71-92)

Nach flüchtigem Blick könnte man ihn mit dem Opel Rekord verwechseln

Historischer Test aus westdeutscher Perspektive, erschienen in „Das Tankstellen- und Garagen-Gewerbe" Nr. 7/1959.

Nach flüchtigem Blick könnte man ihn mit dem Opel Rekord verwechseln, dem er in Größe und Geräumigkeit fast ent­spricht. Er hat tatsächlich durchaus Mittelklasse-Format, wirkt bei gepflegtem Finish stattlich und zugleich gefällig. — Im westlichen Ausland sieht man ihn häufiger als bei uns. Bei­spielsweise besonders auch in Belgien.

Und die Belgier sind Leute, die rechnen können... Ach ja, Vorurteile sind zählebig. Aber Vogel-Strauß-Politik war noch nie eine gute. Aufklärung kann nicht schaden. Sehen wir uns das Ding mal ganz genau an.

Ich habe also den Wartburg der Automobil-Werke Eisenach, den man seit einigen Monaten auch bei uns für wenig Geld kaufen kann, besonders lange und gründlich über Wege und Umwege gejagt, bergauf, bergab und sogar querfeldein. Um so unermüdlicher, weil er seinen Fahrer nicht ermüdet. Infolge seiner leichtgängigen Handlichkeit. Und infolge seiner Sitze und Scheinwerfer. Die anatomisch richtige Formung und Polsterung der Sitze ließ mich nach 8 pausenlosen Stunden Autobahn noch so frisch sein, als sei nichts gewesen. Und die Scheinwerfer gehören zu den überhaupt besten, die ich kenne. Da wird einem erst klar, woran es eigentlich liegt, wenn sonst das Fahren im Düstern oft so strapaziös ist.

Unumgänglich, daß der Wartburg sich den Vergleich mit unserem DKW 3=6 gefallen lassen muß. Beide entstammen der gleichen Zschopauer Kinderstube.

Entwickelten sich aus der gleichen Zweitakt-Frontantrieb-Grundkonzeption. Wenn auch in manchen Details verschiedene Lösungen gefunden wurden. Entscheidende 'Frage: hat man es auch drüben fertig gebracht, den Zweitakter so zu dressieren, daß er unseren heutigen verwöhnten Ansprüchen genügt? Man hat.

In puncto Motor- und Auspuff-Geräuschdämpfung vielleicht noch nicht ganz so perfekt wie beim 3=6, dem er dafür in den Fahr­leistungen etwas über ist. Im oberen Drehzahlbereich wird der Motor sportlich röhrend. Dunkel, voll und potent. Doch ohne irgend Vibrationen auf die Karosserie zu übertragen. —Überhaupt sind die Fahrleistungen auch für die ganze Hub-raumklasse anständig, Sitzkomfort, Geräumigkeit und Aus­stattung aber für die Preisklasse geradezu unanständig erst­klassig.

Er hat spürbar „unten" mehr drin. Das „Drehmomenterl" dieses relativen Langhubers bleibt im ganzen Bereich von 2000-2800 U/min oberhalb 8 mkg. Und der III. Gang ist schon eine patente Sache.

Erstaunlich universal. Zieht auch bei langen Autobahnsteigungen gleichmäßig durch und er­möglicht, schaltfaul egalweg im III. durch den dicken Stadt­verkehr zu gondeln.

Von 15-90 km/h ohne Mucken und Stuckern. Pfundig bequem. Auch kann man sich wegen des Freilaufs das Auskuppeln beim Gangwechsel sparen, beson­ders beim Runterschalten.

Straßenlage eisern. Nicht zuletzt infolge reichlichen Reifen­volumens und Raddurchmessers. Daher auch völlige Unemp­findlichkeit gegen Tramschienen und Autobahn-Längsfugen.

Wie bei allen Eisernen liegen die kritischen Grenzwerte so hoch, daß sie vom Normalverbraucher praktisch kaum jemals erreicht werden. Geht aber das Heck endlich mal weg, — ja, dann geht es weg. Keine Medaille ohne Kehrseite. Übrigens befindet sich der Wartburg damit in der besten Gesellschaft. —

 

Besonders gefiel: Vollschutz der Antriebsaggregate durch massiven Räumer, Zentralschmierung, wirklich wirksame Handbremse, serienmäßige Liegesitze und Rückscheinwerfer, die sich durch Einlegen des Rückwärtsgangs automatisch einschalten, Beleuchtung von Motor- und Kofferraum, starkes Karosserieblech.

Wünsche: Lenkung noch leichtgängiger und stoßfreier, Drehflügel in den vorderen Fenstern, Armaturenbrettpolsterung, Lichthupe, bessere Instrumentenbeleuchtung, einfachere, direktere Zugänglichkeit des Tankeinfüllstutzens, sinnfälligere Unterschiedlichkeit der Tastenreihe für die Elek­trik. Schließlich, um auch das noch zu erwähnen: das Marken­zeichen könnte weniger aufdringlich, weniger bunt sein, denn weniger wär' da mehr.

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Ja, dieser „Ostwind" aus Eisenach ist schon in Ordnung. Fegt Mißtrauen, Vorurteile, Ressentiments hinweg. Er bringt Aufklärung — nicht nur meteorologisch.

Ungemein preiswerter Gebrauchswagen, ansehnlich und komfortabel, wartungs­bescheiden und robust. Von Zweitakt-Liebhabern ernsthaft in die engere Wahl zu ziehen.

 

/ Carl Conrad.

erschienen in „Das Tankstellen- und Garagen-Gewerbe" Nr. 7/1959, Verlag Kirchheim & Co. GmbH Mainz/Rhein.

 


Motor: 3-Zylinder-Zweitakt. Termosiphonkühlung mit Kühlerjalousie. Bohrung 70 mm, Hub 78 mm, Hubraum 894 ccm. Verdichtung 6,6 :1. Leistung 37 PS bei 4000 U/min. Max. Drehmoment 8,3 mkg bei 2200 U/min.

Benzin: 40 Ltr., Gemisch 1 :40, Einfüllung unter Klappe am Heck rechts. Kühlwasser 10 Ltr. Getriebeöl 2, 25 Ltr. SAE 90 alle 12000 km. Reifen 5, 90-15, vorn 1,5 atü, hinten 1,6 atü.

Kraftübertragung: Frontantrieb. Einscheiben-Trockenkupplung. Vier­ganggetriebe, II.—IV. Gang sperrsynchronisiert. Sperrbarer Freilauf. Fahrwerk: Kastenprofilrahmen. Querblattfeder mit Dreieckquerlenkern vorn, Starrachse mit hochliegender Querblattfeder und Längslenkern hinten. 4 Teleskopstoßdämpfer. Hydraul. Vierradbremse, vom Duplex. Gesamtbremsfläche 920 cm'.

Abmessungen: Spur vorn 1190 mm, hinten 1260 mm. Radstand 2450 mm. Länge 4300 mm, Breite 1570 mm, Höhe 1450 mm. Bodenfreiheit 180 mm. Wendekreis 11 m. Gewicht 960 kg. Leistungsgewicht fahrfertig mit zwei Personen etwa 29 kg/PS.

Beschleunigung: 0-60 km/h in 8,5 sec., 0-80 km/h in 16 sec., 0-100 km/h in 29,5 sec.

Höchstgeschwindigkeit: Etwa 123 km/h.

Preis: 4990,— DM a. W. für Limousine, 4türig.