Das Museum... (Signale 69-90)

Der Eingang des R.E. Olds Museums in Lansing

In der Rubrik „Das Museum am anderen Ende der Welt“ stellen wir normalerweise interessante Museen vor, die sicherlich noch nicht Jeder besichtigen konnte. Einfach weil sie eben nicht ganz so einfach zu erreichen sind. Dieses Mal verschlägt es uns wieder in die USA nach Lansing in Michigan.

Ransom Eli Olds - schon mal gehört?

In den USA ist R.E. Olds einer bekanntesten der Pioniere der Automobilindustrie.

Olds wurde 1864 in Ohio geboren. Mit ungefähr 25 Jahren siedelte er nach Lansing in Michigan um.

Für alle, die sich in den USA nicht so genau auskennen, ein kleiner Exkurs: Michigan ist einer der 10 am stärksten besiedelten Staaten der USA und liegt in der „Great Lakes“ und „Midwestern“ Region im Nordosten der Vereinigten Staaten. Die Hauptstadt von Michigan ist seit 1847 Lansing. Hier wohnen heute etwas über 110.000 Einwohner.

Als Mr. Olds hier ankam waren es gerade einmal ~15.000.

Bereits um 1894 konstruierte Olds sein erstes dampfgetriebenes Auto.

1896 stellte er sein erstes Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor vor.

Er fuhr 1897 das erste Automobil durch die Straßen der Stadt und gründete noch im gleichen Jahr die erste Automobilfabrik der Stadt.

Diese hieß „Olds Motor Vehicle Company“.

Heute gilt Lansing als der Ursprung der Automobilindustrie, denn Mr. Olds entwickelte noch vor Henry Ford ein Konzept moderner industrieller Fertigungslinien und baute das erste „Großserienauto“ der Welt, den Curved Dash. Dieses Fahrzeug erinnert heute konzeptionell und vom Design an die Wartburg Motorwagen aus Eisenach. Es war also noch sehr stark an den Kutschenbau angelehnt.

Nur 2 Jahre später verkaufte Olds das Unternehmen an einen Kupferbaron in Detroit. Er selbst war danach nur noch Geschäftsführer.

Bis 1901 baute Olds Motor Works 11 Prototypen mit allen damals erdenklichen Antrieben: Dampf, Elektrik und Benzin.

Als im März 1901 das Unternehmen fast vollständig abbrannte blieb nur ein einziger dieser Prototypen erhalten: Ein Curved Dash Runabout.  Olds selbst sagte später, dies wäre der Grund, warum er zuerst dieses Modell in die Serienproduktion überführte. Diese Geschichte jedoch gilt heute, erwiesenermaßen, als Märchen. Schon vor dem Brand waren mehr als 300 Bestellungen für das Fahrzeug eingegangen.

Der Curved Dash wurde aggressiv vermarktet. Im ersten Herstellungsjahr verkaufte Olds fast 600 Stück des damals 650US$ teuren Fahrzeugs. 1902 waren es 3000 und 1904 4000 Stück.

Stückzahlen, von denen deutsche Automobilhersteller jener Tage nur träumen konnten.

Im Jahr 1904 kam es zu Auseinandersetzzungen zwischen RE Olds und dem Eigentümer Smith, in deren Folge Olds die Firma verließ. 1908 kaufte General Motors das Unternehmen und benannte es in „Oldsmobile“ um. GM nutzte die Marke noch bis 2004 und stellte dann die Produktion von Fahrzeugen mit diesem Branding nach immerhin 96 Jahren ein.

R.E. Olds Geschichte im Automobilbau endete damit aber nicht. Direkt nach seinem Ausscheiden bei Olds gründete er die spätere REO Motor Car Company.

Doch nun tauchen wir wieder auf in die Gegenwart. An RE Olds und die, mit seinem Namen und Wirken verbundenen Fahrzeuge, erinnert heute das R.E. Olds Transportation Museum in Lansing.

Das 1977 gegründete und 1981 eröffnete Museum beherbergt eine interessante Sammlung von Meilensteinen der Automobilgeschichte. Der Beginn des Automobilbaus wird mit der Replika einer 1893er Dampfkutsche von RE Olds markiert.

Ältestes Ausstellungsobjekt ist der einzige überlebende von 4  Olds, die im Jahr 1897 gebaut wurden. Er ist eine Leihgabe des berühmten Smithsonian Institutes.

Neben einer beeindruckenden Sammlung an 63 Kraftfahrzeugen  der Marke Oldsmobile, beherbergt das Museum auch einige sehenswerte Stücke von REO und ein paar Stücke aus dem, um 1900 erbauten, Wohnhaus von RE Olds.

Dieses Haus wurde nämlich 1966 abgerissen um der Interstate 496 Platz zu machen, die in diesem Bereich nach Mr. Olds benannt ist.

Der 1897er Olds ist der größte Stolz des Museums und wird in einer klimatisierten Glaskammer präsentiert. Es war mir unmöglich das Auto in seiner Vitrine zu fotografieren. Zu stark waren die Spiegelungen durch die außen angebrachten Scheinwerfer. Erst als ich meinen Fotoapparat direkt auf das Glas presste, konnte ich ein paar Fotos machen.

Wer mehr von diesem Fahrzeug sehen wollte konnte sich im Nachbarraum eine originalgetreue Replika ansehen, die neben dem einzige heute bekannten Olds-Elektroauto steht.

Direkt daneben ein sogenannter „Depot Hack“. Bei diesem Fahrzeug handelt es sich um einen, zu unbekannter aber früher Zeit umgebauten, REO Pkw von 1911.

Depot Hack war die Bezeichnung für die Shuttlefahrzeuge, die Passagiere von und zu Bahnhöfen transportierten. Eine Art Minibus könnte man sagen.

Ebenfalls sehr interessant ist die gegenüber befindliche Ausstellung zum „Curved Dash“. Jenem Auto, dass noch vor der Tin Lizzy von Henry Ford das Industrialisierungszeitalter im Automobilbau begründete.

Ford führte das Fließband ein. Grundsätzlich musste dafür aber erst einmal ein Design für eine Fertigungsstraße entwickelt werden, die durch das Fließband unterstützt wird. Diese Idee stammt von RE Olds.

Das Fahrzeug dazu war der Curved Dash.

Als vor einigen Jahren ein ehemaliger Oldsmobile-Arbeiter daran ging, die Karosse des Curved Dash  nachzubauen wurde entdeckt, dass heute niemand mehr weiß, wie die gebogene Front des Fahrzeugs herzustellen ist.

Es war schlicht unmöglich das massive Roteichen-Holz der Zeichnung mit heutigen Mitteln und Maschinen in die entsprechende Form zu bringen.

Roland Anderson, der dieses Experiment durchführte, musste es abbrechen und deutete die geschwungene Front durch geleimte Holzstäbe an.

Amerikaner lieben gute Geschichten. Aus genau diesem Grund präsentiert das REOTM auch besonders aufwändig ein Pärchen aus 2 Automobilen, wie es so wahrscheinlich kaum noch einmal auf der Welt vorkommen dürfte: Mama & Baby REO.

Die beiden in identischer Farbgebung restaurierten Fahrzeuge sind ein „ausgewachsener“ REO A von 1906 und eine voll funktionsfähige Miniatur aus 1905.

Baby REO war mit mehr als 3000 $ doppelt so teuer wie Mama REO.

Der Grund für den teuren Bau des fast 120 Kilogramm schweren Modells mit 2PS-Motor waren die schlechten Straßen in der Anfangszeit des Automobils. Um den REO A seinen potentiellen Kunden auf Messen überall in den Staaten präsentieren zu können, wurde Baby REO einfach auf ein Pferdefuhrwerk oder die Bahn verfrachtet und transportiert. Das ging so viel leichter. In den Jahren 1907 und 1908 wurde Baby REO immer wieder modifiziert, um den jeweils aktuellen Stand des Originals zu repräsentieren.

Später wurde Baby REO an einen Zirkus vermietet und auch immer wieder für Ausstellungen und Messen genutzt.

Irgendwann verlor sich seine Spur in Vicksburg (Mississippi). Erst in den 1980er Jahren wurde er wieder gefunden und für 3000 $ (soviel, wie er ursprünglich kostete) erworben.

Erst jetzt kam Mama REO zu dem Miniauto hinzu.

Die beiden nunmehr identisch restaurierten Fahrzeuge wurde 1988 in Pebble Beach versteigert und von der Ururenkelin von RE Olds gekauft.

Die neuen Besitzer verliehen es an das REOTM, damit Baby REO nach 102 Jahren auf Reisen endlich wieder nach Hause kommen kann.

Ein sehr amerikanisches Exponat ist der Mini Tor von 1965. Dieses Auto ist ein Einzelumbau eines serienmäßigen Oldsmobile Toronado. Der Wagen wurde vorn und hinten extrem verkürzt und mit „Stoßfront“ und „Stoßheck“ (als Stoßstangen lassen sich die riesigen Bumper vorn und hinten unmöglich bezeichnen) ausgestattet.

Sein Zweck war es, Autos in die verschneiten Parkplätze auf dem Werksgelände in Lansing zu schubsen.

Michigan gilt als das Water- & Winterwonderland der USA. Schnee in Massen ist hier durchaus bekannt. Statt zu räumen werden die Autos aber einfach in den Parkplatz gedrückt…!

Es gäbe noch viele weitere Exponate hervorzuheben. An dieser Stelle aber nur noch ein weiteres Fahrzeug, welches ich persönlich sehr interessant fand und vor meinem Besuch im REOTM nicht kannte: Der General Motors EV-1.

Seine Geschichte begann Ende der 1980er Jahre. Als die Arbeiten an einem E-Auto begannen war GM in einer angespannten finanziellen Situation. Am 03. Januar 1990 wurde das Impact Electric Vehicle auf der Los Angeles Motor Show vorgestellt.

Nur 16 Monate später stoppte CEO Smith das Projekt fast völlig. Nur ein Team von 100 Ingenieuren durfte sich dem Thema weiter widmen und erarbeitete eine Kleinserie von knapp 50 Fahrzeugen. Die Fahrzeuge wurden normalen Autofahrern für jeweils drei Monate zu Testzwecken überlassen.

Dadurch erhielten die Techniker viele wertvolle Informationen aus der täglichen Praxis auf der Straße.

1994 wurde innerhalb GM eine eigene Division für Advanced Technology Vehicles gegründet. Der Auftrag lautete: Elektroautos zu verbessern, die Industrie in diesem Bereich anzuführen und damit Gewinne zu erzielen.

1996 wurde der im Museum ausgestellte Typ EV-1 vorgestellt. Aber nicht jeder, der es wollte, konnte sich das über 30.000 $ teure Stück zulegen. Es gab ihn nur zu leasen und ausschließlich Einwohner von Los Angeles, Phoenix, Tucson und später auch San Francisco und Sacramento durften das für 399$/Monat tun.

Leider war das Programm nicht erfolgreich und wurde im Folgejahr mit dem EV1II eingestellt.

 

Das R.E. Olds Transportation Museum gilt als Non-Profit-Organisation im Bildungsbereich und wird durch Spenden finanziert. Die Gebäude und das Grundstück werden von der Stadt Lansing zur Verfügung gestellt.

Es liegt im Flutland des Great Rivers und kann nicht mehr weiter ausgebaut werden. Deswegen wird intensiv nach einem neuen Platz für die Ausstellung gesucht. Den akuten Platzmangel spürt der Besucher in der Ausstellung an jeder Stelle. Die Fahrzeuge sind so dicht geparkt, dass man sie stets nur von einer einzigen Seite betrachten kann. Viele Exponate wirken, als wären sie einfach auf dem nächsten freien Platz abgestellt worden. Allerdings ist das Museum weit davon entfernt eine Art Rumpelkammer zu sein.

Alles ist sortiert, thematisch und zeitlich.

Die Beschriftungen sind übersichtlich und leicht verständlich.

 

R.E. Olds Transportation Museum (REOTM),

240 Museum Drive,

Lansing, Michigan 48933.

 

Das Museum ist montags geschlossen und öffnet jeden Dienstag bis Samstag zwischen 10:00 und 17:00 Uhr. An Sonntagen öffnet es  von 12:00 bis 17:00 Uhr.

 

Eintritt:

Erwachsene 7 $, Ermäßigte (über 65 Jahren, Studenten, Angehörige der US-Streitkräfte) 5$, Familien 15$.

 

 

/ Stephan Uske