Tradition triff Moderne (Signale 68-89)

Ausstellungsstand der Fahrzeugfabrik Eisenach auf der Motorwagen-Ausstellung Berlin 1899 (Quelle: Matthias Doht, aus „Sport und Bild“, Nr. 39 vom 29.Sept. 1899)

120 Jahre Automobilbau in Eisenach

Am 03. Dezember 2016 wird in Eisenach groß gefeiert. Dazu besteht auch ein guter Grund. Immerhin jährt sich der Tag der Gründung der Fahrzeugfabrik Eisenach. Viel ist seither passiert und manches Mal sah es sehr danach aus, als ob die Ära der Automobile, hergestellt in der Wartburgstadt, enden würde.

Doch auch wenn die familiäre Linie zwischen den Erhardtschen Petroliumkutschen und den heutigen Opel Kleinwagen Corsa oder Opel Adam nicht ganz lupenrein ist, die Produktion dauert an. In Eisenach steht heute noch immer eines der modernsten Automobilwerke der Welt.

Doch zurück zum Beginn dieser Geschichte. Am 03. Dezember 1896 veranlasste der Geheime Baurat Heinrich Erhardt die Gründung der Fahrzeugfabrik Eisenach A.G.. Sein Sohn Gustav Erhardt, ein Ingenieur, wird Direktor.

Nur knapp zwei Jahre dauert es, bis am 17. September 1898 der erste Wartburg-Motorwagen die Fabrikhallen verlässt. Damit ist Eisenach nach Daimler und Benz der drittälteste Automobilhersteller Deutschlands.

 

Zwar hatte der Motorwagen noch viel mehr Ähnlichkeit mit einer der damals noch allgegenwärtigen Kutschen und der Siegeszug des Automobils war längst noch nicht für Jedermann eine ausgemachte Sache. Doch der Anfang war gemacht und ständige Weiterentwicklung der Technik und Konstruktion, der Wartungsfreundlichkeit, der Infrastruktur und der Produktionsmethoden machten das Automobil zu dem Symbol des 20. Jahrhunderts schlechthin.

 

Heute diskutieren wir intensiv das Für und Wider elektrisch angetriebener Kraftfahrzeuge. Für die Fahrzeugfabrik Eisenach ein alter Hut. Einen elektrisch betriebenen Wagen hatte man hier ebenfalls konstruiert und gebaut.

Insgesamt muss man feststellen, dass die wesentlichen Gestaltungsmerkmale moderner Pkw bereits vor 100 Jahren festgelegt wurden. Ob das die ständig verfeinerte Bedienung oder den grundsätzlichen Aufbau der Fahrzeuge betrifft: So weit unterscheiden sich Kraftfahrzeuge von 1920 bis heute nicht.

 

Interessant wird das erst mit den aktuellen Technologien und einem veränderten Umgang mit dem Thema Kraftfahrzeug. Stand weit über 100 Jahre die individuelle und autonome Fortbewegung mittels Verbrennungsmotor im Mittelpunkt der Entwicklung, ist das Interesse junger Autofahrer an eigenen Kraftfahrzeugen merklich abgekühlt. Aus technischen, ökonomischen und aus umweltpolitischen Gründen gelten Verbrennungsmotoren längst nicht mehr als die Spitze der Ingenieursleistung.

 

Konsequent schwenkt die Automobilindustrie um. Ob wir nun in Zukunft nur noch als Passagiere in ausschließlich zeitweise überlassenen, autonom gesteuerten Elektroautos sein werden, überlasse ich gern den Kristallkugeln von Experten.

Zu erwarten ist jedoch ganz sicher, dass sich die Grundkonstruktion des Kraftfahrzeugs mit aktuellen Technologien vollständig neu denken läßt. Ein Motor muss nicht mehr im Motorraum untergebracht werden. Der könnte zukünftig direkt im Rad oder den Rädern sitzen. Fahren, Steuern, Bremsen, Kommunikation und Design lassen sich fast beliebig verändern.

 

Mercedes hat bereits angedeutet, dass Lenkräder in Zukunft vielleicht nur noch betuchten Kunden besonderer Modelle vorbehalten sein könnten.

 

Wie dem auch sei, entgegen der Annahme des damaligen deutschen Kaisers, hat sich das Automobil keineswegs als eine vorübergehende Erscheinung herausgestellt. Es wird uns ganz sicher auch noch eine ganze Zeit begleiten. Wie auch immer es dann auch aussehen mag und unabhängig von Steuerungs- und Eigentumsverhältnissen, das Automobil ist auch morgen noch nicht von gestern. Aus diesem Grund besteht auch jeder Grund zur Freude über das anstehende Jubiläum.

 

Umso mehr, als aus gegebenem Anlass auch das längst fällige Sachbuch zum Beginn der Fahrzeugfabrik endlich vorgestellt werden kann. Matthias Doht hat viele Jahre intensiv recherchiert und einige, bislang unbekannte oder falsch überlieferte Sachverhalte aufklären können.

 

Ein weiterer Grund zur Freude kann die längst noch nicht abgeschlossene Entwicklung des Automobils sein. Immerhin bleibt es in jedem Fall spannend. Und allen Nostalgikern sei versichert: Egal, wie die Autos in 15-30 Jahren fahren und gesteuert werden, es muss und wird auch immer noch Platz für unsere Schätzchen aus der „Frühzeit“ des Automobils geben.

 

In diesem Sinne freuen wir uns über das Jubiläum und hoffen sehr, dass es noch lange Automobile „Made in Eisenach“ geben wird.

Herzlichen Glückwunsch Eisenach!

 

 

 

 

 


Titelbild: Ausstellungsstand der Fahrzeugfabrik Eisenach auf der Motorwagen-Ausstellung Berlin 1899 (Quelle: Matthias Doht, aus „Sport und Bild“, Nr. 39 vom 29.Sept. 1899)