Besuch in einem Fahr(T)raum (Signale 68-89)

Automobilmuseum „fahr(T)raum“ in Mattsee (Österreich)

In der Rubrik „Das Museum am anderen Ende der Welt“ stellen wir normalerweise interessante Museen vor, die sicherlich noch nicht Jeder besichtigen konnte. Einfach weil sie eben nicht ganz so einfach zu erreichen sind.

Dieses Mal machen wir wieder einmal eine Ausnahme.

Im August 2014 besuchten wir nämlich ein ganz besonderes Museum, welches hier unbedingt erwähnt werden muss.

 

Wenn man am anderen Ende von Deutschland auf der A 8 in Höhe Bad Reichenhall Bayern verlässt, kann man ruhig einmal Salzburg einfach liegen lassen. Vielmehr lohnt es sich in nördliche Richtung über die österreichische Landstraße L101 nur ca. 35 km zu fahren und den kleinen Ort Mattsee zu erreichen. Hier befindet sich in einer ehemaligen Schuhfabrik das erst 2013 neu eröffnete Automobilmuseum „fahr(T)raum“.

Dieses Museum beschäftigt sich mit den Anfängen der österreichischen Mobilität und ist bewusst dem Lebenswerk des großen Automobilpioniers Ferdinand Porsche gewidmet. Was man hier sieht, wird bei dem Namen Porsche auf den ersten Blick verwundern, aber kein einziger Porsche befindet sich im Museum. Vielmehr werden die Konstruktionen des jungen Porsche bei Lohner, Austro-Daimler und Steyr bis hin zum KdF-Wagen gezeigt, und es erwartet einen eine einmalige Sammlung großartiger Automobile der Vorkriegszeit. Das Fahr(T)raum-Museum ist ein Privatmuseum des ältesten Porsche-Enkels Ernst Piëch aus der legendären VW-Dynastie. Ernst Piëch, der nach dem Krieg bei seinem Großvater im Konstruktionsbüro angefangen und gelernt hat, wollte bewusst dem bemerkenswerten Schaffen von Ferdinand Porsche ein Denkmal setzen, weil ihm dies im Porsche-Museum in Stuttgart zu kurz kommt. Und er hat damit nicht gegeizt. Es erwartet einen, neben den einmaligen Fahrzeugen, auch eine hochprofessionelle Museumseinrichtung mit vielen Facetten, die die Besucher begeistern.

 

So hört man beim Herantreten an ein Fahrzeug über einen Deckenlautsprecher sofort das Originalmotorengeräusch, und die „Beschilderung“ der Fahrzeuge erfolgt über ein elektronisches Display, wo man per Touchscreen wahlweise die technischen Daten, Originalfotos, Geschichten, historische Werbefilme oder aktuelle Filme von Fahrzeugvorführungen abrufen kann. Alle ausgestellten Automobile sind nämlich fahrbereit und werden von Ernst Piëch auch jedes Jahr mindestens einmal bewegt.

Bei meinem Besuch im Sommer 2014 hatte ich das große Glück, den 85 jährigen Ernst Piëch persönlich anzutreffen und von ihm eine Privatführung zu erhalten.

 

Der Rundgang beginnt an der ältesten Porsche-Konstruktion aus dem Jahr 1899,  dem legendären Lohner-Porsche - das erste Hybrid- und Allradfahrzeug der Welt. Es ist schon beeindruckend, über welche technischen Details der über 4 Radscheiben-Elektromotoren angetriebene Wagen hinsichtlich Steuerung und Ausnutzung der Elektroenergie verfügt. Vieles ist noch heute Stand der Technik und bei dem schon damaligen Problem, der Lebensdauer der Elektroenergie, ist man auch 115 Jahre später noch nicht viel weiter.

Es folgt ein Austro-Daimler von 1911 mit einer besonders hohen Karosse, und Ernst Piëch erzählt, dass dies die Staatskarosse für Kaiser Franz Josef I. war. Da ein k.u.k. Kaiser seinen Kopf nur vor Gott allein beugt, musste der Wagen so hoch sein, dass Franz Josef aufrecht mit Zylinder in den Wagen steigen konnte. Außerdem mochte ausgerechnet der kettenrauchende Kaiser keine stinkenden Benzinmotoren, und Ferdinand Porsche musste neben 4 Aschenbechern extra einen Elektromotor einbauen.

 

Zwischenzeitlich wurde der aber durch einen Reihen-Vierzylinder mit 28 PS ersetzt, und Ernst Piëch ist immer noch weltweit auf der Suche nach einem vergleichbaren Elektromotor, um den Originalzustand wieder herzustellen.

 

Es folgen mehrere Sport- und Rennwagen der Marke Austro-Daimler, wo Ferdinand Porsche bis 1923 tätig war, und Ernst Piëch gerät beim 1910er Rennwagen, der einst die Prinz-Heinrich-Fahrt gewann, ins Schwärmen.

Mit diesem Wagen war er selber vor 2 Jahren in Bad Homburg und ist die legendäre Originalstrecke abgefahren. Sein Motto: „Autos werden vom Stehen nicht besser“, ist Grundphilosophie für alle Ausstellungsfahrzeuge. Der Zustand aller Exponate ist einfach perfekt, von jeden Auto glaubt man sofort, das man damit sofort auf die Straße fahren kann. Aber eigentlich viel zu schade dafür.

 

Es folgen noch viele Raritäten, und die Fülle der Informationen zu jedem Fahrzeug ist einfach überwältigend. Nach der Austro-Daimler-Zeit folgte nach einer kurzen Episode bei Daimler-Benz Porsches Schaffen  bei Steyr.

 

Auch aus dieser Zeit wird eine ganze Armada repräsentativer Wagen gezeigt. Auszugweise für die großen Automobile mit dem Pfeil als Logo soll hier nur der 1930er Steyr mit dem 6-Zylinder-Reihenmotor und 40 PS erwähnt werden. Diese Motorkonstruktion war die Grundlage für alle weiteren 6-Zylinder-Steyr-Fahrzeuge bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs.

 

Nach Steyr ging dann Porsche nach Deutschland und gründete in Stuttgart sein eigenes Konstruktionsbüro. Aus dieser Zeit ist ein Original-Konstruktionsbüro der 1930er Jahre zu sehen. Hier entstanden die erfolgreichen Konstruktionen für die 12 Zylinder Auto-Union Grand-Prix-Rennwagen, und hier begann auch die berühmte Entwicklung des KdF-Wagens, der als VW-Käfer in die Geschichte eingehen sollte. Einer dieser Urkäfer aus der Vorserie ist auch zu sehen, aber mit der Nachkriegsfertigung hatte Ferdinand Porsche nichts zu tun, betont sein Enkel. Und die gesamte Sportwagenentwicklung des berühmten Heckmotor-Porsches in Stuttgart ist das Ergebnis von Ferdinands Sohn Ferry Porsche.

 

Überhaupt erlebte ich ein persönliches Aha-Erlebnis, als wir in den Keller gingen, wo uns eine große, aber bewusst schlicht gehaltene, Traktorenausstellung empfing. Ab 1950 entwickelte Porsche zusammen mit der Traktorenfirma Allgaier den ersten Dieselschlepper „System Porsche“, und Porsche wurde Traktorenproduzent.

 

Ernst Piëch erzählt hier für mich erstmals ganz offen, dass nur die Traktorenfertigung die Rettung für die Firma Porsche war, ansonsten wäre man wirtschaftlich am Ende gewesen. Ferdinand Porsche bekam nach dem Krieg wegen seiner Zusammenarbeit mit den Nazis für den Volkswagen keinerlei Aufträge mehr aus Österreich und von den Alliierten. Und Traktoren waren dann auch der Einstieg von Ernst Piëch als junger Techniker im Büro seines Großvaters.

 

So beherbergt das Untergeschoss eine umfangreiche Traktorensammlung, die hier in Zusammenarbeit mit dem Traktoren- und Landwirtschaftsverein Mattsee zusammengetragen wurde.

 

Wenn man dann nach ca. 2 Stunden am Ende der Ausstellung ist, empfängt einen - neben einer Kinderspielecke - noch die größte Carrera-Rennbahn Österreichs, wo gleichzeitig 6 Personen spielen können. Eine ganz andere Form des „Spielens“ bieten dann noch zwei High-Tech Rennsimulatoren an. 

 

Hier kann man von futuristischen Rennwagen bis zum Oldtimer das Fahrzeug und die Strecke auswählen, und man hat wirklich das Gefühl mit 240 km/h durch die Kurven zu rasen.

Nach einem abschließenden Besuch im gut sortierten Shop für Bücher und Edelmodelle aus eigener Produktion konnten wir den Besuch noch mit einem gemeinsamen Kaffee im dafür vorgesehenen Bereich abschließen.

Alles in allem ein beeindruckender Besuch mit dem Prädikat „besonders empfehlenswert“.

Informationen zum Museum erhält man über die Homepage www.fahrtraum.at. Das Museum ist jeden Tag von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr geöffnet, und nur in den Wintermonaten November bis März schließt man schon 17.00 Uhr.

 

Die Eintrittspreise haben sich seit 2014 leider auch etwas erhöht und betragen nun laut Internet für:

Erwachsene: 12,00 €

Senioren: 10,00 €

Schüler u. Studenten:   8,00 €

Kinder ab 6 Jahre:   5,00 €

 

Es wird für 23,00 € auch eine Familienkarte angeboten.