Zum Heimweh... (Signale 68-89)

Blick über das Festplatz-Areal (Foto: Dirk Köhne)

...mit etwas Zahnweh

Da sitze ich am Montag-Mittag zu Hause und tippe meinen Bericht über das Heimweh-Treffen in den PC. Das hätte ich letzte Woche Montag nicht gedacht! Um es zu präzisieren, letzten Montag habe ich gar nicht daran gedacht, dass Heimweh vom 05. bis 07. Aug. 2016 in Eisenach stattfinden wird. (bzw. stattgefunden hat…)

Da muss erst Martin aus Prenzlau nach Essen kommen, um mich daran zu erinnern. Und um mich ins Grübeln darüber zu bringen, ob ich nicht auch mal wieder nach Eisenach fahren sollte. Martin jedenfalls fährt von Essen aus hin, sagt er.

Na ja, die Küche ist fertig renoviert. Der neue Wohnzimmerboden ist bestellt, aber noch nicht geliefert. Da könnte ich doch mal wieder…

Klasse! Claudia gibt mir frei und ich rufe direkt Martin an: Ich fahre mit! Wann geht´s los?

 

Freitag um 14:00 Uhr machen sich also zwei Wartburg mit ihren Fahrern frohgemut auf den Weg.

Doch was haben die da gerade in den Verkehrsnachrichten gesagt? Sperrung der A40 im Bereich Bochum in Richtung Dortmund? Egal!

Also rauf auf die A40 und sofort nächste Ausfahrt wieder runter. Tatsächlich; Vollsperrung der A40 ab Bochum West in Richtung Dortmund; Umleitung über A448 schon vier Kilometer Stau! Da wollen wir nicht mitspielen, also denke ich mir eine innerstädtische Route durch Bochum aus, um auf Höhe der Starlighthalle wieder auf die A40 aufzufahren.

Da diese Idee anscheinend auch andere Autofahrer hatten, läuft mein med bald nur noch auf zwei Pötten.

 

Aber das wird ja gleich wieder, denke ich. Auf der A40 läuft sich der Motor schon wieder frei. Denke ich… Doch auch hier ist die Autobahnauffahrt gesperrt. Tatsächlich; die A40, unser Ruhrschnellweg, die Lebensader des Ruhrgebiets ist für mehrere Tage in Richtung Osten voll gesperrt!

Na gut… fahren wir also „unten“ herum, über die A44, A45 und A1 wieder auf die A44 in Richtung Kassel.

Aber auch diese Idee haben ebenfalls andere Autofahrer…

Eine Ampelkreuzung und gefühlte zehn Rotphasen übersteht die Zündwilligkeit des med noch. Aber an der nächsten Ampel steigt ein weiterer Zylinder aus und ich steuere den med ohne Kraft auf den Parkstreifen.

Ein Kerzenwechsel, nochmaliges Nachziehen aller Zündkabelverbindungen und bedeutend besser laufender Verkehr auf der Bochumer Ausfallstraße bringen Erfolg! Alle drei Zylinder arbeiten mit. Und das bleibt auch bis zur Rückankunft am Sonntagabend so.

 

Zwar beginnen sich Martin und ich noch mal kurz beim Wechsel auf die A45 die Haare zu raufen, weil wir in einen Stau fahren (Martins Ihling-Trans muckte zündungsmäßig in Bochum auch etwas), aber der Stau ist kurz und allem Anschein nach durch schwachbrüstige LKW an einer langen Steigung verursacht.

 

Wir erreichen ohne weitere Vorfälle Kassel, steuern dort kurz nordwärts und fahren über die B7 und Teile der sich im Bau befindlichen Weiterführung der A44 in Richtung Eisenach. Bei einer kleinen P-Pause wechseln wir die Führung und Martin fährt bis Eisenach vor.

Ihm beim Stopp zu sagen, dass mein med Sprit fassen muss, hatte ich vergessen. Aber man hat ja heute Handys. Direkt am Festplatz sind ja Tankstellen. Im Telefongespräch schätze ich ein, noch bis dort hin zu kommen. Auf den letzten Metern mit rot leuchtender Tankanzeige höre ich wohl die sprichwörtlichen Flöhe husten, doch ich glaube, dass ich kaum zehn Meter weiter gekommen wäre.

 

Freitag, 19:15 Uhr. Wir stehen auf dem Platz, schalten die Triebwerke aus, steigen aus und strecken uns.

Falls diese Fahrt als Rekord dienen sollte, dann als Negativrekord. 5 ¼ Stunden von Essen nach Eisenach, wow!

Wir bekommen Teilnehmernummer 290 und 291. Zwei Biere und zwei Thüringer Bratwürste später hören wir von Enrico, dass schon 380 Teilnehmer eingetroffen sind. Bei rund 400 Fahrzeuge ist der Platz voll, sagt er.

Auch wenn es auf dem Bild anders aussieht, hatten wir übers ganze Wochenende bestes Wetter. Höchstens 20 Tropfen Regen. Ich hab mir sogar den Nacken ziemlich verbrannt.

Als Martin und ich bei Wurst und Bier stehen, kommt Torsten auf uns zu. Zusammen mit ihm gehen wir dann zu Olaf dem Restaurierer und bekommen zum netten Plausch ein Bier spendiert.

Auf dem Rückweg zu unseren Autos machen wir noch kurz Halt bei Bekannten von Martin aus Prenzlau. Auch hier Pläuschchen und Bier.

Es ist so 23:00 Uhr als Martin sagt: „Lass uns nach Hause gehen.“ So landen wir in unseren Bettchen. Martin auf der Ladefläche seines Ihling und ich im med.

 

Samstag, 06:49 Uhr. Die Sonne steht strahlend über dem Festplatz und lässt mich nicht mehr schlafen. Allerdings kann ich das mit der Sonne aus dem Innenraum des med nicht so 100%ig beurteilen; denn die Scheiben sind ziemlich beschlagen. Von außen und innen.

Frühstück ab 08:00 Uhr. Gute Auswahl und preiswert, aber mit dem Kaffeenachschub hapert es noch. Vom Frühstückstisch rufen wir Stephan an. Tanja und er sind auch schon in Eisenach. Wir verabreden uns für den Nachmittag am Museum.

Dann drehen wir eine von vielen Runden über den Platz und treffen auf Olaf, der uns dringend etwas zeigen muss. Nämlich die Motorhaube eines 311-300 HT, die er (sehr sauber und ordentlich) nachgefertigt hat. Sieht klasse an dem Auto aus. Wie auch das Auto klasse aussieht. Aber in diesem Fall kann Olaf zu nichts; denn er hat ihn nicht restauriert, sagt er.

Viele, viele Autos. Tolle Autos. Schöne Autos. Aufwendig restaurierte Autos. Und Autos im Zustand, wie sie angeblich aufgefunden wurden oder im sogenannten Alltagszustand.

Will sagen, die Autos wurden in der DDR über Jahre am Laufen gehalten und häufig modernisiert. Nun stellt sich häufig die Frage, wie man damit umgehen soll. Zählt der geschichtliche Aspekt dieses Zustands mit teilweise dem Baujahr nicht entsprechenden Anbauteilen nichts?

Ist die originalgetreue, dem Baujahr entsprechende, häufig nur mit viel Aufwand zu erreichende Restaurierung der einzig gangbare Weg?

Müssen die Umbauten alle weg?

 

Und wie ist eigentlich mit sehr modernen Umbauten, wie extreme Tieferlegungen, Porsche- oder Mercedes-Aluminumfelgen oder 150PS-16V-Motoren umzugehen?

Was sollten man beispielsweise mit dem Tourist, einer Nullserie von 1967, umgehen? Belässt man in im Auffinde-Zustand? Oder muss man ihn originalgetreu wieder herstellen wie er ab Werk kam? Oder noch besser?

Wir hörten in der Reihe der auf die Prämierung wartenden Fahrzeuge einen passenden Ausspruch auf den Hinweis eines Spezialisten, dass dies oder jenes am Fahrzeug nicht original sei.

„Das Auto hab ich für mich gemacht. Nicht für andere Leute.“

Und genauso sollten wir das Thema sehen, denke ich. Wer originalgetreu restaurieren will; wer Substanz erhalten will; wer mit 150PS tiefer gelegt hoppeln will, soll´s tun. Auch wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, ist genug von allem da. Ich würde diesen Nullserien-Tourist nach Kräften in dem Zustand erhalten, in dem er sich befindet…

 

Möglicherweise die längste Anreise hatten Wartburgfreunde aus Norwegen, die eine sehr schöne 311er Limousine und eine nicht minder ansehnliche frühe 353er Limousine mitgebracht hatten.

Auch sehr schön, doch zumindest für mich armen Wartburgfahrer unerreichbar, ein EMW 327 aus Leipzig.

Für die Kleinen außerdem dabei ein 313-Nachbau im Maßstab ca. 1:2, der hinter dem gleichlackierten Original auf einem Hänger stand.

Gegen Mittag machten Martin und ich uns schon auf den Weg in Richtung Museum. Wir waren recht gut in der Zeit; denn wir waren ja erst für um 15:00 Uhr mit Tanja und Stephan dort verabredet. Aber wir waren ja zu Fuß unterwegs und hofften darauf, dass auch die Ostkantine ihre Pforten geöffnet habe.

Das war der Fall. Also konnten wir hier einen Blick auf die ausgestellten Fahrzeuge werfen. Ein BMW 321, der 1948 einem sowjetischen Offizier als Reparationsleistung zugeteilt, bis Anfang der 1990er von ihm bis zu seinem Tod benutzt und 2005 der Stadt Eisenach als Spende überlassen, ergänzt die Ausstellung hier.

Gleich nebenan steht ein Schnittmodell eines Wartburgmotors mit Getriebe, an dem vorn eine Kurbel befestigt ist.

Thorsten und Eberhard waren inzwischen zu uns gestoßen. Nach einem Kaffee mit ihnen in der Ostkantine trauten Martin und ich uns ins O1, dessen hinterer Eingang heute offen stand.

Wie soll man den Zustand dieses Gebäudes beschreiben? Vielleicht reicht die Nennung der nach aktuellem Wissen notwendigen Sanierungskosten dazu schon aus. Diese liegen laut verlässlicher Quelle bei rund 22 Mio.€.

Damit und mit der Einhaltung des Denkmalschutzes, die beim Ausbau des O1 zum Möbelhaus von der Stadt Eisenach berechtigterweise gefordert wird, dürften diese Pläne rein wirtschaftlich undurchführbar sein.

Warten wir ab, wie lange es dieses altehrwürdige Gebäude noch übersteht.

 

Im Museum ist die Ausstellung im Erdgeschoss neu geordnet. Der Rundgang beginnt mit dem Modul rund um den Wartburg Motorwagen 2. Neu gestaltet ist nun der Zeitraum bis 1945 als folgendes Modul. Das Modul der Nachkriegszeit wird aktuell noch mit BMW 321, EMW 340-2 und Rennsportwagen dargestellt.

Aus zuverlässiger Quelle war jedoch zu erfahren, dass der Bereich am Fenster, gegenüber des Rennsportwagens neu gestaltet werden soll. Aktuell befindet sich dort ein BMW-Flug-Sternmotor. Diesem zur Seite gestellt werden soll ein BMW 321 aus dem Fundus. Nachgestellt werden soll eine Trümmerlandschaft. Also ich bin gespannt!

Der Rundgang geht in der rechten Ausstellungshalle im Erdgeschoss weiter. Auch hier hat sich einiges verändert. Der mandarinfarbene Knight ist eine Etage höher gezogen. Rechts vom Eingang befindet sich die Opel-Ecke. Augenfälligste Neuerung hier ist die Nachbildung einer Garagenszene, die meinem Wissen nach durch die Mitglieder des A-W-E erstellt worden ist. Ein 353 Tourist wird hier mit viel Detailverliebtheit präsentiert.

Im Obergeschoss des Museums befindet sich im Raum auf der linken Seite eine weitere Opel-Ausstellungsfläche, sowie die Modelldarstellung des Werks Eisenach, einige Prototypen und Motorexponate. Dazu ein paar 1:5-Modelle und Motorräder.

Im Raum auf der rechten Seite befindet sich die Ausstellung zum Thema 50 Jahre 353. Hier finden sich auch der Knight und eine 353er Limousine wieder, an der diverse Sonderausstattungen und Zubehörteile montiert wurden.

Hier trafen wir dann auch Tanja und Stephan.

 

Gemeinsam machten wir uns zu Fuß zurück zum Festplatz. Dort angekommen verabredeten wir eine Zeit, um wieder nach Eisenach hinein zum Abendessen zu gehen. Wir nutzten die Zeit auf verschiedene Arten; ich ging duschen.

Nach schönem, gemeinsamen und leckeren Essen in der Gaststätte „Am Storchenturm“ waren wir rechtzeitig zurück, um die Vorstellung der verschiedenen Baujahre des 353 zu erleben. Lars Leonhardt führte diesen Vortrag. Zuvor hatte er sich über den Tag 353er ausgesucht, an denen möglichst authentisch das Baujahr erkennbar war. Zu Livebildern, über einen Beamer an eine Leinwand geworfen, schilderte Lars einige Vorkommnisse des jeweiligen Jahres und die Neuerungen am 353 aus diesem Jahr. (Ganz wie der Zeitstrahl in unserer Clubzeitung.)

Nachdem alle Baujahre des 353 vorgestellt worden waren, spielte ein Band angenehme Rockmusik. Live und handgemacht. Um 23:00 Uhr gab es dann noch ein etwa 10/15-minütiges Feuerwerk.

Es ist einfach super und schier unglaublich, was hier auf dem Heimweh durch den A-W-E alles geboten und auf professionelle Art durchgeführt wird! Warum war ich eigentlich sechs Jahre nicht hier?

Sonntag, 06:09 Uhr. Strahlender Sonnschein (trotz außen und innen beschlagener Scheiben) lässt für mich keinen Schlaf mehr zu. Außerdem drückt da was…

Welch märchenhafte Stille auf dem Festplatz. Die aufgehende Sonne. Taubenetzte Fahrzeuge. Laue Temperatur. Zu Fuße der Wartburg. Auf meinem Weg zurück von den sanitären Anlagen streife ich so zwischen den Fahrzeugen herum und habe ein nettes Gespräch mit einem Heimweh-Novizen.

 

Martin ist auch schon auf. Im Sonnenschein mammeln wir schon mal ein Buttercroissaint (von Freitag) und trinken einen Schluck kalten Tee. Frühstück ist ja erst ab 08:00 Uhr…

Heute aber mache ich einen Fehler mit dem Kaffee. Ich kippe mir Salz rein. Heute aber klappt´s mit dem Kaffeenachschub, so dass ich gleich ´ne neue Tasse bekomme.

Martin macht sich bald nach dem Frühstück auf den Weg und ich streife noch mal hin und her über den Platz. Gegen 13:15 Uhr mache ich mich auf den Weg.

 

Zuerst führt mein Weg mich in Richtung Werksportal; denn dort habe ich von meinem med noch kein Bild gemacht. Gerade als ich dies erledigt und Pixel auf die Speicherplatte gebannt habe und losfahren will, hält ein 1.3er in VoPo-Ausführung neben mir: „Lass mal Fotos nebeneinander machen…“ Wird gemacht!

Aufgrund der parallel stattfindenden Wartburg-Rallye ist die B7 in Richtung Creuzburg / Kassel gesperrt. Die Umleitung aber gut ausgeschildert und gut fahrbar. An der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze mache ich noch einen kurzen Foto-Stopp. Nach gesamt 521 km komme ich um 17:45 Uhr wieder zuhause an.

 

Ein sehr schönes Wochenende, für das sich die teilweise gestörte Anfahrt absolut gelohnt hat, ist zu Ende.

 


Titelbild: Blick über das Festplatz-Areal (Foto: Dirk Köhne)