Ganz schön Theater (Signale 67-88)

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn – med an der Fahrzeugkontrolle LKW und Busse Einreise

Erinnerungen zum Besuch des Historienspektakel in Prenzlau 2011

In der Ausgabe Winter 2015 las ich den Bericht von Martin zum Historienspektakel 2015. Dies nehme ich als Anlass, meinen begonnenen Bericht zum Historienspektakel 2011 fertig zu stellen.

2011, dem Jahr, in dem Jürgen und ich zum ersten Mal dort zugegen sein konnten und im Hause Sylke und Martin Völz freundlich aufgenommen wurden und Unterschlupf fanden.

Hier nun der Bericht…

 

Dirk Ekhard Köhne, Essen, im April 2016

 

Rückblende…

Wir befinden uns im Jahre 2011 n.Chr. Ganz Germanien ist von Umweltplakettenträgern besetzt…

Ganz Germanien? Nein! Ein von unbeugsamen Plakettenlosen bevölkerter Ort hört nicht auf, die Zweitaktfahne hochzuhalten und den Umweltzonen als Eindringlinge Widerstand zu leisten.

Kurz gesagt, es ist wieder einmal Techno Classica und Martin erzählt von seinem Vorhaben, meinen med in einem Theaterstück unterzubringen. Und natürlich wird sofort abgemacht, dass Jürgen und ich Anfang September mit dem med in Prenzlau auftauchen und Theater gespielt wird.

 

Rückblende (später im Jahr)…

Wir befinden uns im Jahre 2011 n.Chr. (fast) gänzlich vergessen sind die letzte TC und die getroffene Vereinbarung, als Martin mich anruft und meine Erinnerung daran auffrischt.

Natürlich wird die Abmachung, dass Jürgen und Dirk Anfang September mit dem med in Prenzlau auftauchen und Theater spielen, wahrgemacht.

Schließlich hat Herbie Grönemeyer zu Ruhr.2010 uns Leuten im Ruhrgebiet ja angedichtet:

„…Wo ein Wort ohne Worte zählt… Das ist Ruhr, Seelenruhr… Von schwerverlässlicher Natur, Urverlässlich, sonnig, stur, …“

 

Jetztzeit, Dienstag 06.September 2011, Anreise (also eigentlich auch ´ne Rückblende…)

Wir befinden uns im Jahre 2011 n.Chr. Ganz Germanien ist von Umweltplakettenträgern besetzt…

Ganz Germanien? Nein! Die Autobahnen sind, zum Glück des Wartburgfahrers, ausgenommen. Und auch das Ziel der Reise, Prenzlau in der schönen Uckermark, ist frei von den Beschränkungen einer Umweltzone.

Um kurz nach halb acht am Morgen bin ich abfahrtbereit. Der med steht vor der Tür, Jürgens Zweitaktölvorrat hat drei Liter Schmierstoff spendiert und die Tasche ist gepackt.

Noch schnell eine Kanne Tee für später und eine Tasse Kaffee für den ersten Teil der Fahrt gemacht und los geht´s!

Nicht zu vergessen natürlich die Verabschiedung von der Geliebten (schon geschehen, Claudia musste schon früher aus dem Haus), vom kleinen schwarzen Kumpel (auch schon auf Patrouille durch sein Revier) und von Haus und Hof.

 

Schon über das Wochenende habe ich mir Gedanken über vier „W“ gemacht. Wie, was, wann und welche Strecken zu fahren sind. Denn wenn ich schon einmal mit meinem med in die relative Nähe von Rostock (wo mein med ja herstammt) komme, will ich da doch auch gleich noch hin (dazu noch später).

Und nach Bad Doberan will ich auch.

Und nach Bad Kühlungsborn.

Und genügend Zeit habe ich mir genommen.

 

Also denk ich mir das so: Theatervorstellungen Freitag, Samstag und Sonntag; also Rückfahrt nicht Sonntag; weil Nachtfahrt muss ja nicht; also Rückfahrt am Montag denkbar…

In meine Gedanken zur Reise weihe ich dann Jürgen ein und der sagt: „Warum nicht… Wenn mein Wartburg läuft, fahre ich damit. Also sozusagen als Reimport.“ (Weil, Jürgens 353 stammt aus der Uckermark.)

Aber Jürgen kann dann nicht direkt mitfahren, so dass ich mich allein im med auf die Reise mache.

 

Der größte Teil der Fahrt geht über die A2, die sich wider Erwarten ohne Stau präsentiert. Die Fahrt geht gut voran und ich halte den med bei etwa 95 km/h. Der Tacho steht zwar bei knapp über 100 km/h, doch traue ich der Geschwindigkeitsanzeige des Navis mehr.

Laut den Ausführungen in „Ich fahre einen Wartburg“ arbeitet bei diesem Tempo nur die erste Stufe des Jikov-Vergasers, was sich in Sachen Spritverbrauch günstig bemerkbar machen soll. Tatsächlich laufen so nur etwa 8 ½ Liter Gemisch pro 100 km durch. Später auf dieser Reise wird sich zeigen, was bei Vergaserstufe 2 passiert, doch dazu wenn´s soweit ist.

Eine erste große Pause steht an. Da trifft es sich gut, dass ich mit dem med kurz vor 12 Uhr den ehemaligen Grenzübergang Marienborn ansteuert. Da hat Dirk bisher noch nie gehalten.

Das wäre doch heute -mit dem med- eine Gelegenheit für die ersten Fotos der Reise! Also wird hier die Pause eingelegt.

Meine Vorstellungen zu den Fotos sehen so aus, dass ich den med mal kurz vor den Eingang abstellen und zwei, drei Bilder schießen will. Doch es kommt anders…

 

Die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, ehemaliger Grenzübergang Helmstedt / Marienborn, beschäftigt mich -erst mal ganz ohne med- über eine Stunde, wenngleich man hier sicher auch eine längere Zeit verbringen kann.

Aber für mich hat diese Konfrontation mit diesem System der Überwachung erst mal gereicht! Schließlich ist es heute das erste Mal, dass ich die Grenze zwischen zwei deutschen Staaten erlebe (von einem kurzen Stück Grenzzaun in Thüringen mal abgesehen). Zu Zeiten der DDR war ich nie dort und habe folglich auch nie eine DDR-Grenzkontrolle erlebt.

Bitte versteht mich nicht falsch. Aber auch ich bin -so wie jeder Mensch- ein Produkt meiner Umwelt und Erziehung. Und ich muss eingestehen, meine schulische Erziehung hatte immer einen gegenüber der DDR negativen Unterton. Für mich waren die DDR und somit auch die Menschen dort, -entschuldigt bitte- der Feind. Und mangels familiärer Bindungen in die DDR hat die familiäre Erziehung nichts gegen diesen Eindruck unternehmen können.

Und nochmal: Bitte versteht das nicht falsch! Heute weiß ich mehr und sehe das anders.

 

Die Fahrzeugkontrollhallen und insbesondere der ausgestellte, originale Vernehmungsraum bereiteten mir ein ausgesprochen mulmiges Gefühl. Obwohl dieser Ort heute nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck, sondern nur noch Erinnerung und Ausstellung dient.

Mulmig wurde mir auch durch das nachträglich installierte Bild in der Fahrzeugkontrollhalle Ausreise. Fünf Grenzbeamte der DDR sind dort zu sehen und der Spruch (Zitat) „…wir waren fünf Kollegen , und davon waren drei informelle Mitarbeiter, das wissen wir heute“ zu lesen. Und am Grenzübergang Marienborn arbeiteten rund 1.000 Menschen…

Doch genug hier von dieser Vergangenheit!

 

Bei der Besichtigung keimte in mir das Verlangen, meinen med auf dem Gelände zu fotografieren. Also schnell über den Wirtschaftsweg an der Raststätte Marienborn gemogelt und schon steht der med vor den Fahrzeughallen der ehemaligen Grenztruppen. Dort trifft der med sogar auf Verwandtschaft. Ein Robur und eine MZ stehen dort und geben, zusammen mit dem med ein prima Fotomotiv ab.

Langsam pirsche ich mich weiter heran, halte am Schlagbaum der Versorgungszufahrt zum Grenzübergangsgelände für Fotos und fahre dann mutig auf das Gelände.

Noch fern der Abfertigungsgebäude entstehen weitere Bilder von med auf Gedenkstätte, bis ich noch mutiger den med direkt an die LKW- und Busabfertigung stelle.

 

Aber dann fällt mir die Zeit wieder ein. Schließlich ist heute Abend Theaterprobe und da soll und will ich ja dabei sein. Also noch schnell die nächste Tankstelle aufgesucht, Gemisch und Kaffee nachfassen und weiter geht´s.

 

Der Weg über die A2 ist ganz schön lang, aber dann steuere ich den med südwestlich von Berlin auf den Berliner Ring (A10 & A24). Und schließlich auf die A11, die sich sehr schön durch die Schorfheide schlängelt. Eine sehr schöne Strecke durch dichte Kieferwälder.

Endlich, gegen 17 Uhr, in Prenzlau angekommen noch schnell erneut getankt und dann zu Sylke ins Geschäft: „Hallo, da bin ich!“

Martin ist noch auf der Rückfahrt von einer seiner Baustellen, aber Sylke nimmt mich herzlich auf. Zimmer und Bett sind bereits gerichtet und ich lege meine Sachen erleichtert und etwas geschafft ab. Schnell etwas frisch machen und dann mache ich mich auf eine erste kleine Erkundungstour durch Prenzlau.

Der med hat nach 652 gefahrenen Kilometern erstmal Pause.

 

Dienstag 06.September 2011, Theaterprobe…

Martin erreicht auch wieder heimische Gefilde und schon bald machen wir (Martin, Dirk, med) uns auf den Weg zur Theaterprobe. Etwas hinderlich ist die Baustelle der LAGA Prenzlau, die 2013 stattfindet. Hat man doch im Zuge der erforderlichen Bauarbeiten die Zufahrt zur Freilichtbühne Prenzlau beseitigt. Also geht es über vom Regen aufgeweichten Bau- „Straßen“ hinter die Bühne.

Der kurzen, wenngleich sehr netten Vorstellung folgt eine kurze, aber bestimmt geführte Diskussion über den Einsatz des med zwischen Martin und der Regisseurin Steffi. Soll der med nun auf die Bühne rollen oder hinter den Zuschauerrängen fahren? Steffi setzt sich durch; denn das Licht steht und auf weitere Diskussionen hat sie keine Lust. JJJ

Nicht das hier ein falsches Bild entsteht. Alle sind freundlich und ziehen an einem Strang, um die Vorstellungen auf die Bühne zu bringen. Alles OK, der med spielt seine Rolle hinter den Zuschauerrängen, gleichwohl gut zu sehen und ins rechte Licht gerückt.

Martin muss sogleich in die Maske und kommt als Pfarrer zurück. Vor der Probe haben wir noch etwas Zeit und wir essen etwas. Catering inklusive. Alles gut organisiert.

 

Für mich ist dies die erste Theaterprobe meines Lebens und sehr aufregend. Interessiert folge ich dem Treiben auf der Bühne von hinter der Bühne aus. Bis Martin mich fragt, warum ich nicht auf die Tribüne gehe um zuzusehen.

 

Nun ja, mir war eben nicht klar, wann der med denn dran sei. Und so habe ich vorsichtshalber in der Nähe des med gewartet, damit wir zur Stelle sind, sobald es losgeht. Aber das ist erst im vierten Bühnenbild soweit, das erst nach der Pause dran ist. OK, jetzt weiß ich Bescheid und kann der Probe ruhiger folgen.

Sogar einen Verbesserungsvorschlag mache ich; wenn ein paar Bohlen dalägen, könnte ich den med auf den Bordstein lenken und so weiter hinter den Zuschauerrängen herum fahren. Ansonsten stünde ja die Beleuchtung im Weg. Gesagt, getan. Bohlen finden sich an, werden an den Bordstein gelegt und dienen so als Auffahrtrampe für den med. (Eine folgenschwere Entscheidung, wie sich am Samstag herausstellen soll…)

Mit schwarzen Bierchen beenden Martin und Dirk den Tag in Martins Büro.

 

Mittwoch 07.September 2011, der Tag…

Frühstück um 9 Uhr. Angenehme Zeit und angenehmes Beisammensein. Sylke macht gleich den Laden auf und Martin muss auch etwas tun. Geht natürlich vor, aber ich bin ja schon groß und finde Beschäftigung. Die ersten Pläne, Prenzlau zu besichtigen oder irgendetwas in der Umgebung verwerfe ich zugunsten einer Fahrt nach Rostock.

Naja… sind ja nur 202 Kilometer, einfache Strecke… laut Navi. Ich überlege so: Montag wäre ja Zeit für Rostock, neben Bad Doberan und Bad Kühlungsborn. Dann würde aber die Rückfahrt bis in die Nacht dauern. Errechnet hatte ich 23:55 Uhr als Ankunftszeit zuhause. Könnte eng werden. Und nach ´nem Tag voller Programm ´ne Nachtfahrt? Auch blöd.

Also geht´s heute nach Rostock!

 

Noch schnell das Navi mit der Adresse aus dem Gedächtnis gefüttert: Rostock Lütten-Klein, Rigaer Straße 21, Medizinisches Zentrum Nord, Salvador-Allende-Poliklinik (so war die genaue Bezeichnung) und los.

Die A20 ist gut ausgebaut und bietet auch Gelegenheiten für das notwendige Nachtanken (Gemisch und Kaffee). Aber irgendwie scheint es dauernd bergauf zu gehen… (müsste es in Richtung Meer nicht bergab gehen?) Auch der Wind scheint nur von vorn zu blasen (und das kräftig, wie die zahlreichen Windkraftanlagen neben der Autobahn anzeigen). Deshalb reicht Stufe 1 des Jikov-Vergasers nicht aus. Stufe 2 muss mitarbeiten. Das zeigt sich sogleich im Verbrauch, der von den 8 ½ Litern pro 100 km der Hinfahrt auf etwa 11 ½ Liter pro 100 km ansteigt. Außerdem sind Gelände und Wind der Geschwindigkeit abträglich, so dass ich dann doch die mautpflichtige Route durch den Warnow- Tunnel wähle.

Ja, das kommt mir jetzt irgendwie bekannt vor in Lütten-Klein. Wann war er zum letzten Male hier? Muss 1998 gewesen sein… Boah! Ganz schön lange her… Ah ja, hier ist die Rigaer Straße. Neues Einkaufszentrum, mmmhh… Was ist denn jetzt? Die Straße ist zu Ende?! Habe ich die falsche Hausnummer eingegeben… Oder doch nicht? Nee… Nummer 21… stimmt doch… Wo ist das Medizinische Zentrum?!

Mal eben halten und das „historische“ Kartenmaterial studieren… Leningrader Straße…? Ah, jetzt St. Petersburger Straße! Und da die Rigaer Straße… Und das Medizinische Zentrum liegt da… neben dem neuen Einkaufszentrum muss das sein…

 

Um es kurz zu machen, das Medizinische Zentrum Nord existiert nicht mehr!

Nein, stopp! Das ist nicht ganz richtig. Die Gebäude stehen noch. Zumindest einige traurige Reste. Mit Bauzaun umfriedet und zerfallen. Und kein Rankommen möglich.

Da fallen meine Hirngespinste, auf dem Fahrzeughof vor den Garagen, so wie ich diese in Erinnerung habe, ein paar Fotos zu machen und womöglich sogar noch auf jemanden zu treffen, der sich an den med erinnert (lacht nicht!) also aus…

Nun, ist halt lange her. Was habe ich erwartet? Das alles noch so ist wie 1998? Es sind mehr als 13 Jahre vergangen, seitdem ich das letzte Mal hier war! Mache halt das Beste draus und mach meine Fotos.

...Fortsetzung folgt...