Hans Fleischer (Signale 67-88)

Hans Fleischer an seinem Arbeitsplatz (Archiv Michael Stück)

Der Mann, der dem Wartburg Gestalt gab

Moderne Industrieprodukte entstehen überwiegend nicht durch Zufall oder das Genie einer einzelnen Person. Vielmehr sind sie das Ergebnis von oft langjährigen Prozessen, die von der Idee, ihrer kommerziellen, technischen, ökologischen

rechtlichen Prüfung auf Realisierbarkeit über die schrittweise Umsetzung in der Praxis bis hin zur technischen Nachsorge über den reinen Produktionszeitraum reichen.

Auch der Wartburg 353 war das Werk vieler Menschen.

In den bislang vorliegenden Publikationen zum Wartburg 353 wird überwiegend recht einseitig auf das Produkt Auto und seine Entstehung eingegangen. Seltener wird dagegen über die Menschen gesprochen, die den 353 auf seine Räder gestellt haben.

 

Einer der bekanntesten „Väter“ des Wartburg 353 ist Hans Fleischer.

Der am 25.02.1919 in Eisenach geboren Hans war der Karosserie-Konstrukteur fast aller, nach 1945 in Eisenach geplanten und gebauten Karossen.

Er entwarf den Wartburg 311 genauso wie den Wartburg 355 und viele weitere, zum Teil niemals realisierte, Baumuster des späteren VEB AWE.

Hans Fleischer war der Sohn von Rosa und Paul Fleischer. Sein Vater war Kaufmann.

Hans  besuchte nach der  Volksschule das Ernst-Abbé-Gymnasium in Eisenach und die Eisenacher Zeichenschule.

Von 1935 bis 1938 absolvierte er eine Lehre als Maschinenschlosser bei BMW Eisenach.

Aufgrund seiner zeichnerischen Begabung wechselte er noch während seiner Lehre in das Konstruktionsbüro und arbeitete dort in der Gruppe Fahrwerk und Motor.

Nach seiner Lehre wurde er Technischer Zeichner bei BMW, bevor er seine weitere Kariere aufgrund seiner Einberufung zur Reichswehr zurückstellen musste.

Er hatte Glück, überlebte den Krieg und seine Gefangenschaft und kehrte nach Hause zurück.

 

Nach dem 2. Weltkrieg wurde Hans Fleischer Betriebsschlosser in Mihla und arbeitete später als Feinmechaniker bei der Firma Melas in Eisenach.

Am 03. Januar 1947 kehrte er wieder zu BMW Eisenach in das Konstruktionsbüro der Gruppe Fahrwerk zurück. Er wurde technischer Zeichner und Graphiker, später übernahm er die Konstruktion von Fahrzeugkarossen, sowie die Gestaltung von Informations- und Werbematerialien.

Bereits bei der Entwicklung des ersten neuen Baumusters nach dem Krieg, dem BMW 340 und seiner Varianten, war Hans Fleischer beteiligt.

Er wurde anschließend in die Konstruktionsgruppe Karosserie übernommen.

Auf der Leipziger Messe wurde 1951 eine von ihm entworfene Variante des BMW 340 ausgestellt.

Ab 1952 beauftragte das Automobilwerk in Eisenach Hans Fleischer mit dem Entwurf kompletter Fahrzeugkarossen für Pkw.

Die, spätestens aus den Publikationen von Michael Stück bekannten, Prototypen des BMW 342 waren Fleischers erste selbstständige Konstruktion.

 

BMW 342 von Hans Fleischer auf der Leipziger Messe 1951. Fotografiert vom damals knapp  22-jährigen Fotograf Roger Rössing aus Leipzig, später einer der bekanntesten Fotografen der DDR. Für diesen Entwurf erhielt Fleischer nicht nur einen 2. Platz, sondern vor allem seine Beförderung zum hauptverantwortlichen Formgestalter aller Eisenacher Pkw-Karossen.

Hans Fleischer selbst bezeichnete sich selbst auch dann noch schlicht als „Karosseriekonstrukteur“.

Mit Einstellung der großen Baureihe 340 und dem vollständigen Verzicht auf eine Weiterentwicklung dieser Fahrzeuge kam die Übernahme des IFA F9 aus Zwickau in die Eisenacher Produktion.

Laut Horst Ihling soll Hans Fleischer zahlreiche Detailverbesserungen an der Karosserie für dieses Fahrzeug geplant haben. In die Produktion wurden indes nur die größeren und einteiligen Scheiben in Front und Heck.

Mit dem Entwurf und der Entwicklung des Wartburg 311 auf der konstruktiven Basis des IFA F9 entwickelte Hans Fleischer innerhalb kurzer Zeit eine Vielzahl von attraktiven Karosserievarianten.

Dabei ging Fleischer gern auch mal unkonventionelle Wege und testete neue technologische Ideen auf ihre Durchführbarkeit. So wurden von ihm, auf Basis des 311, mehrere Fahrzeuge mit seitlichen Schiebetüren entworfen. Wegen des hohen konstruktiven Aufwandes in der Serie aber nicht realisiert wurden.

 

In den folgenden Jahren beschäftigte sich der Konstrukteur mit zahlreichen Entwürfen für einen Nachfolger des Wartburg 311.

Er konstruierte unter anderem den Sportwagen 313/2 und die Eisenacher Version des geplanten Gemeinschafts-Pkw mit Zwickau, dem P100.

Diese Entwürfe wurden zugunsten des späteren Baumusters Wartburg 353 eingestellt.

Wartburg 353, zweiter Erprobungstyp. Mit  auf dem Foto ist die Tochter des Testfahrers. Interessant ist die noch etwas unbeholfen wirkende Frontgestaltung, die nach einer Einlassung von Walther Ulbricht fallen gelassen wurde. („Unsere Autos sollen nicht aussehen wie Jeeps!...“)Wer heute den Wartburg 311 und den Wartburg 353 nebeneinander stehen sieht, kann sicherlich kaum glauben, dass hier derselbe Konstrukteur am Werk war. So unterschiedlich ist die Formensprache beider Modelle. Der ausnehmend schlicht und leicht aussehende Wartburg 353 ließ seinen barocken Vorgänger pummelig und etwas aus der Zeit gefallen erscheinen.

Zudem bot er deutlich mehr Platz und Komfort und war deutlich ökonomischer in der Verwendung, des in der DDR ständig knappen, Tiefziehbleches für der Karosserie.

 

Leider ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen, wie so ein produktiver Geist, wie Hans Fleischer, mit den nun bis zum Ende seines Arbeitslebens eintretenden Stagnationen in der Automobilkonstruktion der DDR umging.

Zahlreiche weitere Entwürfe lieferte er. Darunter zum Beispiel den innovativen Wartburg 355. Keiner seiner Entwürfe kam jedoch jemals wieder über das Entwurfs- oder das Prototypenstadium heraus.

Während die Gruppe zur konstruktiven Weiterentwicklung des bestehenden Baumusters 353 auf Hochtouren arbeitete, wurden alle neuen Entwürfe der Neukonstruktion im Keim erstickt.

Wartburg 353, zweiter Erprobungstyp. Man beachte bitte die zweireihigen Rückleuchten, den aufgesetzten Tankeinfüllstutzen und die provisorische Zwangsentlüftung an der C-Säule.Durch Horst Ihling wurde in einem im Motorjahr 1978 veröffentlichten Aufsatz über Hans Fleischer dessen fachliche Kompetenz hervorgehoben.

Diese Anerkennung erwarb sich Fleischer, da er beim Entwurf von Bauteilen und Fahrzeugen stets deren spezifische Materialeigenschaften und vor allem die Anforderungen der Produktionsabläufe in seine Planungen einbezogen hat.

 

Hier kam ihm seine eigene Ausbildung zu statten und unterschied ihn nachhaltig von reinen Designern.

Seit mehreren Jahren tobt nun jedoch ein Streit um die Urheberschaft des Wartburg 353-Designs. Clauss Dietl, ein hoch anerkannter Gestalter industrieller Formen nimmt für sich in Anspruch der „Erfinder und Gestalter des legendären Wartburg 353“ (so die offizielle Würdigung) zu sein.

Diese Behauptung ist nicht neu, sondern wird seit Beginn der 1980er Jahre immer wieder erhoben. Aus Eisenach kamen stetig Dementis. Michael Stück, Horst Ihling oder auch Konrad von Freyberg widersprechen dieser Sichtweise auf das Schärfste. „Wenn wir schon einen Vater für den Wartburg benennen wollen, dann müsste das der Hauptkonstrukteur Gerhard Roth sein. Aber die Karosserie gestaltete Hans Fleischer". So ein Zitat von Konrad von Freyberg in der Thüringer Allgemeinen Zeitung vom 20.09.2014.

 

Hans Fleischer starb am 13. April 1986 in Erfurt. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof in Eisenach in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen VEB AWE.

Äußern kann er sich also zu dieser Diskussion nicht mehr. Allerdings ist es schon bemerkenswert, dass Hans Fleischer noch nicht einmal einen eigenen Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia erhalten hat. Aber vielleicht findet sich jemand, der zu mindestens diese Lücke schließen kann.

 


Titelbild: Hans Fleischer an seinem Arbeitsplatz (Archiv Michael Stück)

Bild 1: BMW 342 von Hans Fleischer auf der Leipziger Messe 1951. Fotografiert vom damals knapp  22-jährigen Fotograf Roger Rössing aus Leipzig, später einer der bekanntesten Fotografen der DDR. (Wikimedia, Quelle: Deutsche Fotothek)

Bild 2: Wartburg 353, zweiter Erprobungstyp. Mit  auf dem Foto ist die Tochter des Testfahrers. Interessant ist die noch etwas unbeholfen wirkende Frontgestaltung, die nach einer Einlassung von Walther Ulbricht fallen gelassen wurde. („Unsere Autos sollen nicht aussehen wie Jeeps!...“) (Archiv Stiftung Automobile Welt Eisenach)

Bild 3: Wartburg 353, zweiter Erprobungstyp. Man beachte bitte die zweireihigen Rückleuchten, den aufgesetzten Tankeinfüllstutzen und die provisorische Zwangsentlüftung an der C-Säule. (Archiv Stiftung Automobile Welt Eisenach)