O-Ton (Signale 65-86)

Elektrophorese-Tauchgrundierung beim Wartburg 353

Vor 40 Jahren in der Signale

In loser Folge veröffentlichen wir unter dieser Rubrik Texte aus der über 45 jährigen Geschichte unserer Zeitschrift „Wartburg-Signale“. Diese Artikel bieten oftmals einen interessanten Einblick in die offizielle und zeitgenössische Sichtweise des Werkes auf das Produkt Wartburg und seine Technik.

Den Sommer über erschien es unproblematisch, jetzt und während des ganzen Winters treibt es dem wertbewußten Wagenhalter und -fahrer Sorgenfalten ins Gesicht. Das Auto ist verstärkter Korrosion ausgesetzt. Die chemisch wirkenden Angriffe durch Regenwasser, Schneematsch, Auftaumittel auf den Straßen und unsichtbare Kondenswasserbildung richten sich besonders gegen die Metallteile der Karosserie. Auch einem „Garagenwagen", es sei denn, er bleibt den ganzen Winter über ungefahren im beheizten Raum, ist keinesfalls besser gedient. Infolge großer Temperaturunterschiede und hoher Luftfeuchtigkeit schwitzt er ebenfalls in Hohlräumen still vor sich hin. Rostfraß im und am Wagen ist aber nicht blaß ein relativ harmloser Schönheitsfehler, sondern kann bei einer selbsttragenden Karosserie zum Zusammenbruch lebenswichtiger Aufbaufunktionen führen und so den totalen Ruin des Autos besiegeln. (Übrigens hat auch in solcher Beziehung die WARTBURG-Bauweise, wo die auf den Rahmen aufgesetzte Karosserie keine schwerwiegenden Träger- und Aufhängungsaufgaben erfüllen muß und Teile leicht auszuwechseln sind, Vorteile zu verbuchen.)

In der Volkswirtschaft summiert sich Korrosion zu großen Schäden. Um so bedeutungsvoller sind ausgewogene Gegenmaßnahmen. Erste Beiträge zu langfristiger Werterhaltung leistet der VEB Automobilwerk Eisenach bereits in der WARTBURG-Serienproduktion mit Schwerpunkten im Vorbehandeln, Grundieren und Lackieren nach modernsten technologischen Verfahren. Im entsprechenden Produktionsbereich durchläuft die WARTBURG-Rohkarosse zuerst das System der Wasch- und Phosphatieranlage. Im Durchlauf werden in den einzelnen Zonen Schmutz-, Öl- und Fettreste im Spritzverfahren entfernt und mit der aufgebrachten Phosphatschicht ein ausgezeichneter Lack-Haftgrund und ein erster Korrosionsschutz geschaffen. Die anschließende Elektrophorese-Tauchgrundierung sorgt nicht nur für gleichmäßig läuferfreie, sondern auch für bevorzugte Beschichtung aller Ecken und Kanten der Karosserie. Der Farbfilm wird anschließend im Trockenofen eingebrannt. Nach Durchlauf einer Abkühlzone kommt die Karosse in die Spritzlackiererei. Arbeitsgänge sind hier das Auftragen von sogenanntem Spritzfüller und, in der Bodenspritzanlage, das Auftragen von Antidröhnspachtel auf bestimmte Karosseriepartien, sowie von Unterbodenschutzmasse auf die gesamte Bodenanlage und in die Kotflügel. Zum Abschluß erfolgt Schleifen und das Spritzen von hochgradig witterungsbeständigem Decklack auf Alkydharz-Basis. Bei der Elektro-Tauchgrundierung der WARTBURG-Karosse gewährleisten zusätzlich angebrachte Hilfselektroden die wirksame Beschichtung in den Karosserie-Hohlräumen.

Einsprühöffnungen für die Hohlraumkonservierung an der Wartburg 353-KarosserieDer vom Werk betriebene hohe Konservierungsaufwand schützt überdurchschnittlich lange gegen Korrosion. Aber er bietet zwangsläufig keine Garantie für ewig. Die Dauerhaftigkeit hängt ausschlaggebend ab von Einsatzbedingungen des Wagens und von seiner Pflege.

Je nach Erfordernissen verlängert fachgerechte Hohlraumkonservierung die Lebensdauer von Bodengruppen und Blechprofilen der Karosserie.

Von der AWE-Kundendienst-abteilung wurde dazu eine zielgerichtete Ausarbeitung herausgegeben. Diese achtseitige Dokumentation, aus der auch die untenstehende Zeichnung entnommen ist (und wo in gleicher Weise auf die 311- und Tourist-Karosserie eingegangen wird), enthält detaillierte Anweisungen über anzuwendende Technologie, das Konservierungsmittel und die erforderliche Ausrüstung. So wird z. B. genau über Einsprühöffnungen der numerierten Hohlräume informiert und darauf hingewiesen, dass das Konservierungsmittel nur mit Hochdruckspritzgeräten und einem Flüssigkeitsdruck von mindestens 45 at aufgetragen werden sollte.

Obwohl nicht alle WARTBURG-Vertragswerkstätten auch Pflegearbeiten durchführen, ist doch in Zweifelsfällen der Weg dorthin zu empfehlen. Jede Vertragswerkstatt wurde vom Werk aus in die Lage versetzt, unseren Kunden zumindest Rat und Auskunft zu geben über diesen Schritt zur WARTBURG-Werterhaltung.

 

Dieser Artikel erschien in der Wartburg-Signale 6/1975