O-Ton (Signale 63-84)

Der Wartburg 353W im Jahr 1975

Vor 40 Jahren in der Wartburg-Signale ...

In loser Folge veröffentlichen wir unter dieser Rubrik Texte aus der über 45 jährigen Geschichte unserer Zeitschrift „Wartburg-Signale“. Diese Artikel bieten oftmals einen interessanten Einblick in die offizielle und zeitgenössische Sichtweise des Werkes auf das Produkt Wartburg und seine Technik.

Titelbild der Signale 2 von 1975Der Tourist ist bekanntlich eine Modellvariante im Eisenacher Typenprogramm. Dabei handelt es sich um das gleiche WARTBURG 353 W-Automobil, und doch ist es nicht dasselbe.

Der Tourist wird gemeinhin den sogenannten Kombiwagen zugerechnet. Schon seit Jahrzehnten enthält die Eisenacher Personenkraftwagenpalette, angefangen beim EMW 340 über IFA F9 und WARTBURG 311, derartige Ausführungen.

Interessant ist in solchem Zusammenhang, daß international — und damit gleichermaßen auf die Eisenacher Tourist-Modelle zutreffend — der Kombiwagen zunehmend an Beliebtheit und Zuspruch gewinnt. Immer mehr Autokäufer entscheiden sich für diese Variante. Kombiwagen sind zum wichtigen Sektor des Modellprogramms der Automobilindustrie avanciert, und selbst bei Großserien-Produzenten mit siebenstelligen Herstellungsziffern laufen teils bis zu 25 Prozent der Wagen als Kombis vom Band. Dieser Trend verwundert allerdings wenig in Anbetracht objektiver Hintergründe der Entwicklung.

Noch bis in die 60er Jahre hinein stellte sich der Kombi lediglich als reines Gewerbefahrzeug dar, in das Handwerker ihre Gerätschaften packten und der Handelsvertreter seine Musterkoffer verstaute. Die Hecktür öffnete einfach und sperrig zur Fahrbahn oder zum Fußweg. Zu halbwegs annehmlicher Personenbeförderung kamen jene allzu nüchternen Zweckgefährte nur ausnahmsweise in Betracht. Ihr reizloses Image bestimmten die Sachverhalte mit spartanischer Ausstattung, harter Federung und unverkleidet schepperndem Blech.

Indessen sorgten aber zunehmend eine ansprechendere Karosseriegestaltung, mehr Fahrkomfort und freundlicheres Interieur für gründlichen Wechsel. Bei den Eisenacher Baureihen datiert das spätestens schon seit den letzten Serien des WARTBURG 311. Der Kombi wurde damit mehr und mehr auch für den rein privaten Gebrauch attraktiv. Hinzu kam und kommt, daß im Gefolge von mehr Freizeit die Touristik und dies oder jenes Hobby die persönliche Zuneigung zum funktionsträchtigen Großraumfahrzeug förderte, mit dem die ganze Familie samt Camping-Hausrat bequem in Urlaub fahren kann und mit dem sich etwa auch die Ernte aus dem Garten heimbringen läßt. Ganz abgesehen davon, daß dieses Auto selbstverständlich ohnehin für gewerblichen Werktagsbetrieb nutzbringend verfügbar ist.

Solche doppelte Einsatzmöglichkeit erspart einen zweiten Wagen.

Ein Auto statt zwei bedeutet jedoch über private Ökonomie hinaus, und das ist gewiß nicht bloß theoretisch überlegenswert, daß im Rahmen gesellschaftlich aktueller Umweltprobleme derzeitiger Motorisierung zumindest nur die Hälfte an Stellfläche beansprucht wird. Es gibt demnach reichlich Anlaß für ansteigende Kombi-Gunst und für näheres Befassen speziell mit dem Tourist.

Die vom Werk angewendete und beim Publikum allenthalben akzeptierte Terminologie klassifiziert diese WARTBURG-Variante längst nicht mehr als schlichten Kombi, sondern als Mehrzweckwagen. Dies und die Bezeichnung Tourist trifft genau die Charakteristik.

Der Tourist liefert ein prägnantes Beispiel dafür, daß äußerst rationelle und im Gebrauch ungemein praktische Autos weder Einschränkungen an PKW-Eigenschaften aufweisen, noch stilistisch ins Hintertreffen geraten müssen.

Zu etwa drei Vierteln — würde man ungefähr um die Wagenmitte in Seitenansicht einen Kreis zirkeln: im oberen vorderen Viertel und in der gesamten unteren Hälfte —ist der Tourist absolut identisch mit den Limousine-Vergleichsmodellen der Typenkollektion.

1000-cm³-37-kW-(50 PS)-Fronttriebwerk und das hochwertige Fahrwerk sichern dem Tourist absolut ebenbürtige Qualitäten hinsichtlich Fahreigenschaften und Fahrkomfort. Die dafür verantwortlichen Baugruppen weisen selbstverständlich nun auch beim Tourist sämtliche 353 W-Weiterentwicklungen auf, die neue Scheibenbremsen-Zweikreis-Bremsanlage, die Sicherheits-Lenksäule usw. Ebenso stehen für den Tourist sämtliche Ausstattungsversionen gleich wie bei der Limousine zur Wahl, sei es Standard- oder de-luxe-Ausführung oder Stahlschiebedach oder mit den Sonderwunsch-Extras.

Kennzeichnend anders geht es jedoch im hinteren oberen Viertel zu. Hier ergeben sich aus der Karosseriegestaltung und mit fülliger, nach oben aufschwenkender Hecktür, mit wesentlich vergrößertem Innenraum, sowie durch die variierbare Einrichtung klar die spezifischen Tourist-Vorteile. Als Fünfsitzer gefahren, was hier echtes PKW-Fahren heißt, bietet der Tourist hinter den Fondsitzen einen Stauraum für Gepäck, der mehr als doppelt so groß ist wie der mit 525 dm³ Fassungsvolumen dimensionierte Kofferraum der Limousine. Damit ist der Tourist prädestiniert als Reisewagen. Doch das ist noch nicht alles, was der Tourist vermag. Vielmehr lassen sich die Fondsitze noch in Form von zwei Möglichkeiten umklappen, so daß letztlich über einer so geschaffenen ebenen Ladefläche (oder Liegefläche für Doppelbett-Übernachtung unterwegs) von 1940 mm Länge ein mehr als 2 m³ großer Transportraum entsteht. Die Zuladung bzw. Tourist-Nutzmasse beträgt 450 kg.

Trotz dieses so vorteilhaften Angebots für ebenso komfortable wie rationelle PKW-Fahrt schlägt der Tourist an eigenem Platzbedarf, wenn es etwa um Parklücken-Einrangieren geht, keineswegs über die Stränge. Er ist im Vergleich zur Limousine nur 16 cm länger.

 

Dieser Artikel erschien in der: Wartburg-Signale (2/1975)