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50 Jahre Oma (Signale 56-77)

50 Jahre Oma (Signale 56-77)

Gespeichert von Stephan am Sa., 02.11.2013 - 17:14
Ein Wartburg im Kornfeld

Geburtstags-Laudatio für ein besonderes Auto - Teil II

Da wir nur 18 der bisher 50 Lebensjahre unseres Wartburg 311 „Oma“ kennen, lassen wir aus Anlass dieses runden Jubiläums genau diese Zeit noch einmal etwas Revue passieren.

 

Nach der langen Zeit der Abmeldung war beim TÜV eine so genannte Vollabnahme fällig.

In Neuwied musste ich dafür länger auf den Beginn der Prüfung warten, denn für mich wurde extra ein Spezialist für Ostfahrzeuge geholt. Dieser Spezialist schaute sich nachher das Auto auch sehr gründlich an. Vor allem im Motorenraum. Schließlich gipfelte seine gründliche Untersuchung in dem Hammersatz: „Ist das etwa ein Zweitakter?“!

Das Grinsen verbeißend, habe ich das bestätigt. Anschließend bestand unser Warti seine Untersuchung.  Zumindestens sah es so aus. Als ich aus der Halle herausfahren wollte rief mich der Prüfer noch einmal an und bat mich darum ihm die Warnblinkanlage vorzuführen. Wir hatten in dem Jahr zwischen Kauf und TÜV an so viele Dinge gedacht, aber natürlich nicht an eine Warnblinkanlage ...

 

Zur Bezahlung wurde ich durch das Kassenpersonal des TÜV auf dem Gelände ausgerufen: „Der Mann mit dem schönen Trabi bitte zur Kasse.“

Auch diese beiden Aussagen aus der Anfangszeit unserer Wartburg-Liason sind in den ewigen Zitateschatz von Dirk und mir eingegangen.

Bei der Nachuntersuchung bekamen wir die Plakette dann allerdings ohne Probleme!

Eine weitere Bekanntschaft mit weitreichenden Auswirkungen ging ebenfalls auf unsere Anzeigenserie in der Markt zurück. Eines Abends rief nämlich Karl-Heinz Arenz bei Dirk an und unterhielt sich lange mit ihm.

Wie sich herausstellte, war Karl-Heinz nebst seiner Frau Barbara und dem Hund Lotte Mitglied eines Trabi-Stammtisches an der Ahr.

Wir wurden eingeladen und fuhren nach Rott. Auch dort bestaunte man unseren Wartburg und fasste den kühnen Plan sich nun ebenfalls mehr auf Wartburg zu konzentrieren.

Es folgte die Gründung der IFA-Freunde Rheinland aus diesem ehemaligen Trabant-Stammtisch.

Die Chemie stimmte und bald waren die Stammtische am jeweils ersten Samstag des Monats fester Bestandteil der Terminplanung.

Auf dem Stammtisch tauchte ein weiterer Oldtimerfan auf: Bernd W.. In der Oldtimerszene, insbesondere in der IFA-Szene, gibt es sehr viele etwas verschroben wirkende Gestalten. Der stets höfliche Bernd gehörte zweifellos dazu.

Mit seinem großen Wissen und seiner Hilfsbereitschaft begannen wir ein großes Projekt: Die technische Restaurierung unseres Wartburg.

Unser Auto zog nach Bonn um und in unzähligen Gurkenkisten  stapelten sich bald die Teile, die wir immer zahlreicher heranschafften.

Ein geradezu denkwürdiges Ereignis war die geplante Fahrt nach Dornburg 1995.

Freitagmorgen wollten wir starten. Bernd stülpte sich bereits eine Woche vorher eine seiner zur Frisurschonung genutzten Einkaufstüten über den Kopf und begann an unserem Auto herum zuschrauben.

Mit großem Bedacht sollte so sichergestellt werden, dass wir die Fahrt Pannenfrei überstehen. Dirk und ich warteten indes mit gepackten „Koffern“ auf das Startsignal.

Der Freitag kam. Der Freitag ging. Kein Startsignal.

Geradezu legendär wurde die Nacht zum Samstag: Mit Streichhölzern in den Augen, in steter Erwartung des ersehnten Anrufes aus Bonn, saßen Dirk und ich und schauten vor lauter Verzweiflung alle Folgen der Otto Waalkes-Serie mit den Edgar-Wallace-Filmen der 50er und 60er Jahre.

Ein absoluter Tiefpunkt!

Wir trauten uns nicht zu schlafen, denn jeden Augenblick musste es soweit sein…

Am Samstagmorgen endlich klingelte das Telefon. Gerädert, mit roten Augen und mit einem höchst unangenehmen aber überstandenen Fersehabend im Hintergrund erfuhren wir, das es nunmehr langsam losgehen könne.

Blitzschnell fuhren wir nach Bonn und bestiegen unser Auto. Natürlich hatten wir gedacht, wir könnten nun losfahren. Jedoch weit gefehlt! Eine weitere gründliche Inspektion des ja eben erst durchgesehenen Fahrzeugs stand an. Außerdem stand es uns nicht zu selbst zu fahren. Der Meister selbst saß am Steuer.

Irgendwann ging es tatsächlich los und wir waren wirklich sehr erstaunt, als nach nur wenigen Kilometern Fahrt, der Wartburg an den Straßenrand rollte und die Motorhaube enthusiastisch geöffnet wurde: Inspektion!

Ungefähr alle 30 Minuten wiederholte sich dieses Schauspiel mit dem immer gleichen Ergebnis: Die robuste Eisenacher Technik lief wie am Schnürchen.

Nach ca. zehn solcher Zwischenstopps erreichten wir Dornburg tatsächlich schon zu einem Zeitpunkt, als alle anderen bereits wieder abfuhren. Das machte jedoch nichts, denn so hatten wir zumindest ausreichend Platz, um unser Auto aufzustellen und um (wer hätte es geahnt:) eine gründliche Inspektion durchzuführen!

Im gleichen Stil verlief die Rückfahrt. Immerhin kamen wir so frühzeitig wieder zu Hause an, dass wir noch pünktlich zur Arbeit gehen konnten.

Zu diesem Zeitpunkt erhielt unser Auto von Bernd auch seinen Namen „Oma“. Da der Wartburg 311 ohne seinen Kühlergrill tatsächlich ein wenig an eine Oma erinnert, die ihr Gebiss nicht trägt, erhielt er diesen Namen.

Unzählige Fahrten nach Bonn zu unserem Auto folgten. Arbeitseinsätze an unserem Wagen. Bei jedem Besuch war unser Auto ein großes Stück weiter zerlegt worden. Niemals jedoch wurde etwas zusammen gebaut.

Nach mehreren Jahren befand sich unser Wartburg, bis auf die Karosse zerlegt und in über 100 Gurkenkartons verpackt, in einem völlig hoffnungslosen Zustand.

Hemdenbernd zeigte uns immer deutlicher, wer - nach seiner Meinung - Chef im Ring war. Irgendwann wurde uns der Besuch unseres eigenen Autos untersagt und wir waren quasi enteignet.

Zu diesem Zeitpunkt trafen wir in Essen auf eine Gruppe Wartburgfreunde. Mit ungläubigem Staunen hatte man hier unsere Geschichte verfolgt und bot uns nun Hilfe an.

Am Samstag, 11. Dezember 1999 trafen gegen 08:45 vor dem Haus, in dem unser Wartburg lagerte, mehrere Fahrzeuge mit Anhängern ein.

Während Dirk und ich uns noch auf dem Weg nach Bonn befanden, spielte sich folgende kleine Szene ab, die wir live am Telefon verfolgen durften. Karl-Heinz rief uns nämlich an, um zu erfahren, wann wir eintreffen würden. Jochen Graeve, mit der erhaltenen Auskunft nicht ganz zufrieden meinte nur entschlossen: „Solange brauchen wir nicht zu warten. Wir stürmen jetzt die Bude!“ In der etwas soft vorgetragenen Übersetzung durch Karl-Heinz klang dieser Satz jedoch ganz anders: „Ich glaube, wir gehen jetzt mal rein.“.

Ahnungslos öffnete Hemdenbernd seine Tür. Etwas überrascht wegen des vielen unerwarteten Besuchs, ließ er alle vor der Tür Stehenden ein. Schnell wurde ihm erklärt, dass die Oma nun ausziehen werde. Alles Gefasel half nun nichts mehr. Das Hoftor wurde geöffnet und alle Gurkenkisten schnell nach draußen geschafft. Noch ehe sich Bernd W. eine neue Plastetüte auf den Kopf ziehen konnte, waren auch das Fahrgestell und die Karosserie unseres Wartburg draußen und ohne großes „Auf Wiedersehen“ reisten wir wieder ab.

Was sich hier so reibungslos liest war in Wirklichkeit ein richtiger Krimi und dauerte fast drei Tage. Kurz darauf fanden wir eine wirklich tolle kleine Halle, wo wir alle Kisten und Teile erst einmal unterstellten.

Nun galt es erst einmal Inventur zu machen und festzustellen, wie groß der Schaden letztendlich war.

Das Auto selbstständig in die „Werkstatt“ des Herrn W. gefahren und in Gurkenkisten wieder herausgekommen.

Wer Puzzles liebt wäre hier unbedingt auf seine Kosten gekommen.

In den Kisten fanden sich alle nur denkbaren Teile in einem nicht feststellbaren System „geordnet“.

Wir nahmen deshalb den Teilekatalog zur Hand und begannen, Kiste für Kiste, alle Teile in die Hand zu nehmen, zu analysieren und zu sortieren.

Unser Auto war jedoch nicht nur auseinander, sondern auch nicht mehr komplett.

Noch einmal reisten wir also nach Bonn.

In Erwartung größerer Schwierigkeiten erhielten wir jedoch problemlos Zugang zu unseren Sachen und konnten fast alle vermissten Teile einpacken.

Vor dem Verlassen des Hauses eskalierte die Situation jedoch noch einmal.

Bernd zückte einen Stapel Rechnungen, die er nun eintreiben wollte. Darunter befanden sich so weltbewegende Dinge wie ein Parkschein für 0,50 DM und eine Tasse Kaffe für 2,- DM. Da alle diese Auslagen natürlich nur im Interesse der Restaurierung erfolgten, so jedenfalls Herr W., stehe ihm das Geld dafür zu.

Ganz vergessen hatte dieser Glücksritter zu diesem Zeitpunkt offenbar, dass er seit Jahren von uns zu jedem Essen und zu jedem Eintritt etc. eingeladen worden war.

Ich kenne nur wenige Vegetarier, meist jedoch ist mit diesen Leuten etwas nicht in Ordnung. Was da nun Ursache und was Wirkung ist kann ich nicht beurteilen. Alle Kräfte zusammen nehmend schratelte der Vegetarier mit der Tüte auf dem Kopf nun lauthals los. Er drohte mit Vergeltung und Pfändung und führte mehrfach aus, dass er ja sogar ein paar Semester Jura studiert habe und Situationen wie diese souverän meistern können. Natürlich zu seinem Nutzen und unserem Schaden. So ging es eine Weile und erst als ihm die versammelte Mannschaft lauthals auslachen musste endete sein Monolog. Allerdings schloss der Gekränkte mit einem Hausverbot für Dirk Flach, der ja sicher der übelste Vertreter der gesamten Bagage wäre.

Zusätzlich verlangte er, dass sein Konterfei auf allen Fotos wegretuschiert werden müsse.

Doch jetzt ging es vorwärts. Armin Dohle aus Essen begann mit uns zusammen die so genannte „Operation Oma“, die Wiederauferstehung unseres Wartburg 311. Unser erklärtes Ziel war die Teilnahme am Wartburgtreffen in Dornburg 2000. Auf eigener Achse und selbst am Steuer! Wir begannen mit der Komplettierung des Rahmens zu einem Fahrgestell. So nach und nach bekamen wir einen Überblick über unseren Fundus und die Qualität der vorhandenen Teile. Unzählige Stunden verbrachten wir in der Halle und schraubten an unserem Auto. Das machte unheimlich viel Spaß, denn nun ging es nach vielen Jahren und Enttäuschungen endlich mal wieder voran.

 

/ Stephan Uske

(wird fortgesetzt)