Das Museum... (Signale 56-77)

National Motorcycle Museum in Birmingham (UK)

...am anderen Ende der Welt

Das wahrscheinlich liebenswerteste Museum der Welt

Wer sich wirklich für alte Kraftfahrzeuge interessiert, wird wohl kaum an einem Automuseum vorbeigehen können. Dabei hat jeder
Wartburg- oder Trabantfan sicher schon einmal die Museen in Eisenach, beziehungsweise in Zwickau besucht.

Der Besuch von etwas weiter entfernten Sammlungen fällt da schon etwas schwerer.

Da ich diese Gelegenheit, jedoch manchmal habe, möchte ich die Leser unserer Zeitschrift gern einmal mitnehmen zu eben jenen Museen am anderen Ende der Welt. Und wer weiß, vielleicht bekommt ja der Eine oder Andere Lust und macht sich selbst einmal auf.

 

Dieses Mal kann ich kein Foto von meinem Auto vor dem Museum bieten. Das liegt daran, dass ich mich einfach nicht an den Linksverkehr gewöhnen kann und deshalb in Großbritannien stets mit dem Taxi fahre. Selbst da treibt es mir immer noch den Angstschweiß auf die Stirn.

Gut gelandet bin ich indes seinerzeit im National Motorcycle Museum in der Nähe von Birmingham.

Dieses Museum habe ich auf Empfehlung meines damaligen Chefs aufgesucht und habe es nicht bereut.

Noch nach Jahren denke ich gern an dieses Erlebnis zurück. Warum?

Nicht etwa weil es die weltgrößte Sammlung britischer Motorräder enthält, sondern weil der Charme dieses immerhin 32.000 m² großen Museums durch ein paar alte Männer besonders lebendig wird.

Diese Herren, alle sicherlich jenseits der 65, sitzen überall im Museum und hören Musik aus kleinen Radiogeräten. Das tun sie aber nicht nur so, sondern sie putzen, reparieren und pflegen dabei die fast 900 Motorräder des Museums.

Das Museum geht zurück auf den Konstrukteur und Unternehmer Roy Richards, der seine 1970 begonnene Sammlung 1984 zu eben jenem National Motorcycle Museum umwandelte.

Seine damals bereits beachtliche Sammlung von 350 Maschinen erweiterte sich im Verlauf der Jahre immer mehr.

Das Museum wirbt damit, heute fast 250.000 Besucher im Jahr zu empfangen.

Fast wäre die Erfolgsgeschichte dieses einmaligen Museums vor 10 Jahren, am 16. September 2003, vorbei gewesen.

An diesem Tag meldeten die Alarmsysteme  des West Midlands Fire Service ein wirklich großes Feuer. Die BBC berichtete damals: „More than 120 firefighters tackled the fire which could be seen for 15 miles around.“

15 englische Meilen entsprechen ungefähr 24 km.

Eine Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände ließ eine Zigarettenkippe zu einer wahren Katastrophe für das Museum werden.

Berufsverkehr und nicht funktionsfähige Hydranten taten ihr Übriges.

Damals verbrannten drei der fünf Hallen komplett. Die Museumsmitarbeiter und Teilnehmer einer Konferenz im, zum Museum gehörenden Konferenzcenter, versuchten zu retten, was zu retten war. Insgesamt ca. 100 Helfer kämpften gegen die Flammen. Jedoch knapp 400 Maschinen konnten nicht mehr geborgen werden. Der Schaden war immens, da es sich zu großen Teilen um Einzelstücke handelte, die vielleicht mit Geld zu bezahlen, aber eben nicht mehr zurückzubringen waren. Der materielle Schaden betrug über 14 Millionen Pfund.

Glück im Unglück: Niemand kam bei diesem Brand ums Leben.

Nur etwas über ein Jahr später eröffnete das Museum am 01. Dezember 2004 wieder. Nunmehr war es mit einer Sprinkleranlage ausgestattet. Insgesamt kostete die Wiederauferstehung des Museum 20 Millionen Pfund.

Bereits zur Eröffnung konnten 150 der verbrannten Maschinen wieder als restauriert präsentiert werden.

Heute zeigt sich das Museum wieder von seiner besten Seite.

Die Motorräder stehen hübsch aufgereiht in den Hallen. Leider sind sie manchmal sehr eng zusammen. Das stört den Genuß ein wenig und verhindert gute Fotografien einzelner Fahrzeuge. Jedoch bei der Vielzahl der Exponate kann das schon mal passieren.

Grundsätzlich finden sich hier britische Maschinen.

Da die Engländer nicht ganz ohne Grund als etwas überspannt gelten, werden sie in dieser Ausstellung mehrfach diesem Vorurteil gerecht.

Erfindergeist und der unbedingte Wille nach motorisierter Mobilität zeichnet viele der hier ausgestellten Fahrzeuge aus der Frühzeit der Motorisierung aus. So finden sich hier Motorräder mit Rattan-Karosse und Gespanne, bei denen der Gentleman seine Dame vor dem Lenkrad platzierte.

Interessante Details finden sich an fast jeder Maschine. So kann man hier eine „Beeston Humber“ von 1898 bestaunen. Dieses motorisierte Dreirad (man mag kaum Trike sagen) schaffte sagenhafte 12bm/h. Damit konnte man von London nach Brighton in nur einem einzigen Tag gelangen, ohne die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit zu überschreiten.

Der spätere König Georg V. besaß in seiner Prinzenzeit ein solches Fahrzeug.

Oder die Clyno Machine Gun Sidecar Machine mit einem 750cm³-V-Motor von 1914.

Dieses martialisch aussehende Fahrzeug sollte den Ersten Weltkrieg beeinflussen. Als leichtes Gefährt sollte es in der Lage sein, die durchschlagskräftien Maschinengewehre an jeden beliebigen Teil der Front zu transportieren.

Ursprünglich war geplant, das Maschinengewehr während der Fahrt zu benutzen. Schnell stellte sich heraus, dass das nicht funktionierte. Wer selbst einmal Motorrad gefahren ist, kann sich denken warum: Die Maschine sprang förmlich durch das Gelände und das auf dem Seitenwagen montierte Gewehr verstärkte diesen Effekt noch. Sicheres Schießen war unmöglich, treffen war ausgeschlossen.

Daher wurde das Gewehr an Ort und Stelle auf seinen eigenen Dreifuß montiert und dann erst benutzt.

Ebenso interessant dürfte der Triumph Streamliner von 1956 sein. Diese weiß-blau lackierte Zigarre raste im September 1956 über die Salzseen in Utah und bescherte Triumph den Werbeslogan „The World‘s Fastest Motorcycle“.

Dieses Gerät läßt sich am ehesten noch als eine Art Projektil beschreiben.

Wer da glaubt nur MZ hätte mit Wankelmotoren im Zweirad experiment irrt. Auch Norton versuchte mit der Interpol 2 einen ernsthaften Vorstoß. Und das zu Zeiten, als der Motor hier schon lange abgeschrieben war: 1983.

Insgesamt 350 Fahrzeuge wurden gebaut und an die Polizei und die Armee ausgeliefert. Die Maschinen galten als sehr robust und waren beliebt. Da Polizeimotorräder jedoch überdurchschnittlich häufig sehr langsam fahren, kam es oft zu thermischen Problemen.

Da die Maschinen zudem sehr teuer waren stellte die britische Polizei bald auf BMW-Motorräder um.

Noch einmal 80 Jahre zurück führt uns das motorisierte Singer Fahrrad.

Der Motor und alle zugehörigen Komponenten wurden in diesm Fahrrad in das Hinterrad eingebaut.

Dazu mussten die Speichen entfernt und durch eine Alu-Konstruktion ersetzt werden. Das Fahrzeug verfügte bereits über einen Haupttank hinter dem Sattel und einem Reservetank am Lenkerrahmen.

Teils wirklich gewagte Konstruktionen bringen den aufmerksamen Betrachter immer wieder zum Schmunzeln.

Dabei sollte man sich jedoch ständig vor Augen halten, dass fast alle Fahrzeuge mit Originalteilen restauriert wurden und größtenteils fahrbereit sind.

Die Ausstellungen wechseln ständig. Deshalb macht auch mehrfacher Besuch immer wieder Spaß.

Da ich leider bei diesem Besuch keinen Fotoapparat dabei hatte finden sich zu diesem Bericht ausschließlich Aufnahmen anderer Fotografen.

Fürs nächste Mal werde ich mich also einfach etwas besser vorbereiten...

 

The National Motorcycle Museum

Coventry RoadBickenhill, Solihull, West Midlands B92 0EJ

 

Öffnungszeiten:

Täglich zwischen 09:30 und 17:30 Uhr geöffnet.

 

Eintrittspreise:

Erwachsene: 8,95£ (10,37€)

Rentner und Kinder (5-16 Jahre): 6,95£ (8,05€)

Familien (2 Erwachsene und 2 Kinder): 24,95£ (28,91€)

 

 

/ Stephan Uske