Heimweh 2013 (Signale 56-77)

Impression vom Heimweh-Treffen Eisenach 2013

Eisenach rief und die Eisenacher Kraftfahrzeuge kamen

Ich beginne diesen Text mit einem großen Dankeschön an die Veranstalter vom Allgemeinen Wartburgclub Eisenach um Enrico Martin.

Diese Truppe stellt seit Jahren immer wieder ein wunderschönes Treffen am „Geburtsort“ der Wartburg-Automobile auf die Beine, das seines Gleichen bisher noch nicht gefunden hat.

Hier werden nicht nur Wartburgs und ihre Verwandtschaft nebeneinander in Reih‘ und Glied aufgestellt. Hier gibt es eine Fülle von Programmpunkten: Von Dichterwettstreit über Fahrzeugbewertung und Stadtbesichtigung bis hin zu Ausfahrt und romantischer Live-Musik am Abend.

Das ganze findet in einer erstaunlich entspannten Atmosphäre statt und ist absolut professionell organisiert. Danke!

Nach langer Abstinenz von allen Treffen haben meine Familie und ich uns in diesem Jahr erstmals wieder an den Ort des Geschehens begeben und am Heimwehtreffen teilgenommen.

Wir hatten dabei jedoch nicht nur das Treffen auf unserem Plan. Eisenach hat weitaus mehr zu bieten als (ich bitte um Verzeihung) nur den Wartburg. Aber eben auch den. Am Freitag, nach wirklich nervenaufreibender fünfstündiger Tour, hatten wir die nur 250 Kilometer von Zuhause nach Eisenach geschafft. Die von uns angemietete Wohnung war wirklich toll. Zumal wir genau gegenüber dem ehemaligen Ausstellungspavillon des AWE in der Wartburgallee nächtigen durften.

Nach dem die Kinder eingeschlafen waren, verbrachten Tanja und ich den ganzen Abend auf unserem, der Wartburgalle zugewandten, Balkon. Andauernd fuhren Wartburg aller Typen und Baujahre an uns vorbei. Ein Melkus und viele Barkas und MZ waren unterwegs. Ein Traum! Am nächsten Morgen lauschten wir während des Frühstücks einer Sendung des Wartburgradios. Gesendet wurde live vom Festplatz Spicke, wo das Heimwehtreffen traditionell stattfindet.

So eingestimmt begannen wir unseren Tag an den ehemaligen Verladerampen und kurz darauf beim O5, der ehemaligen Ostkantine, in der heute der Verein Automobilbaumuseum Eisenach zu Hause ist.

Hier waren wir so ziemlich die ersten Gäste und wurden sehr freundlich begrüßt.

Der Fundus des Vereins entwickelt sich seit Jahren. So konnten wir hier unter anderem auch den frisch restaurierten BMW DA5 bewundern. Auf die Frage unseres Vierjährigen, wo das Auto denn die Hupe habe, wusste erst Egon Culmbacher die richtige Antwort.

Kein Wunder, hat doch der über 70 Jahre alte und noch immer sehr aktive Rennfahrer großen persönlichen Anteil an der Wiederauferstehung dieses technischen Kleinods. Die Hupe befindet sich in Form eines kleinen Knopfes unmittelbar auf der Nabe des Lenkrades. Spekulationen wonach das Auto vielleicht nie eine Hupe hatte oder eine mechanische Ballhupe, die längst wieder entfernt worden ist, wurden somit durch eine überzeugende Demonstration der tatsächlichen Verhältnisse widerlegt. So weit weg von heute waren die Urahnen unseres Wartburgs also gar nicht. Unsere Jungen waren unheimlich stolz, als Egon ihnen erlaubte einmal selbst hinter dem Lenkrad Platz zu nehmen und natürlich auch einmal die Hupe zu betätigen. Der Tag war zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung, aber auf dem besten Wege…

Als kurz darauf auch noch ein weiteres Vereinsmitglied mit einem Volkspolizei-353 vorfuhr und extra für die beiden jungen Besucher alle Signale anschaltete, war der Wunsch beider Wartburgfans klar: So einen Wartburg brauchen sie auch. In echt und in groß! Das ist ja klar.

Vom O5 wanderten wir anschließend zum O2, der Heimat der „automobilen welt eisenach“ kurz awe, dem Museum.

Direkt am Eingang konnten wir Michael Stück begrüßen, der als sachkundiger Führer einer Gruppe wartete, bis seine Gäste das Museum wieder verließen. Er empfahl uns einen Besuch im Obergeschoß. Hier steht nämlich das Modell des VEB AWE vom Ruhlaer „Mini-a-thür“. Das Modell im Maßstab 1:87 zeigt eindrucksvoll die beachtlichen Dimensionen, die das Kernwerk an der Rennbahn 1989 besaß. Herr Fiesinger, der Leiter des awe erklärte gestenreich und mit vielen Anekdoten die Funktionen der einzelnen Werksbereiche.

Das Modell des Werkes ist so viele Jahre nach dem Abriss der meisten Gebäude ein wirklich wichtiges Dokument zur Situation des Eisenacher Automobilbaus zur Wendezeit. Wir besichtigten natürlich auch die anderen offenen Räume des Museums. Nun ist für mich dort schon seit vielen Jahren nichts Neues mehr zu entdecken. Jedoch wollte ich das Interesse meiner Söhne am Thema wachhalten und ich sehe meine Eintrittskarte viel mehr als eine kleine Spende und als Demonstration von Besucherinteresse im O2.

Wobei etwas Neues gab es für mich doch: Immerhin erschien mir die Ausstellung merkwürdig ausgedünnt. Es fehlten einige interessante Fahrzeuge. So unter anderem der bekannte Prototyp des Wartburg 1.3 „Riesenschnauzer“.  Auch den interessanten Wartburg 353 mit dem Dreizylinder-Viertaktmotor konnte ich nicht entdecken. Genauso wenig das EMW Lastendreirad.

Leider ergab sich an diesem Tag keine Gelegenheit zu Nachforschungen.

Wir setzten uns wieder ins Auto und fuhren nun endlich zum Festplatz Spicke.

Die Straße war voll. Einige wenige „Fremdprodukte“ versuchten zwischen den vielen Wartburg, Barkas, Trabant und weiteren Fahrzeugen aus RGW-Produktion hindurch zu huschen.

Auch der Festplatz selbst war bestens ausgenutzt.

Trotz der vielen Fahrzeuge und Menschen und ungeachtet der hohen Temperaturen war die Stimmung auf dem Platz ausgesprochen ruhig. Natürlich gab es eine Atmosphäre von Volksfest. Aber zum Glück ohne johlende Alkohol-Leichen, die sich auf anderen Treffen durchaus auch Vormittags schon finden ließen. Kein Drängeln, keine erregten Debatten. Einfach nur viele schöne Autos und noch mehr zufriedene Menschen.

Plötzlich war unser Jüngster verschwunden. Noch während wir ihn suchten kam vom DJ der den Platz bespasste, die Durchsage, das Oliver seine Mama suche . Zum Glück noch einmal alles gut gegangen!  Zur Belohnung spendierte Olaf Heineken dem „Abtrünnigen“ schnell noch ein Eis. Auch das gehört zu einer guten Organisation: Nach nur wenigen Minuten hatte jemand den kleinen Freigänger entdeckt, zum DJ gebracht und eine Suchdurchsage platziert. Noch ehe jemand wirklich Angst haben konnte, war der Fall schon wieder geklärt.

Auf dem Platz begegneten uns immer wieder viele Bekannte.

Mitglieder des Ersten Deutschen Wartburg Fahrer Clubs, aber auch Aktive vom Zentralen Wartburgforum und der eine oder andere ehemalige Vereinsfreund der Rheinländer Wartburg Freunde & IFA FREUNDE RHEINLAND.

So verging die Zeit viel zu schnell. Für den Abend versprach das Veranstaltungsprogramm einen Vortrag von Konrad von Freiberg zum Thema 60 Jahre Zweitaktmotoren in Eisenach.

Als einer der Verantwortlichen für die Triebwerkskonstruktion im VEB AWE stellte Herr von Freiberg gleich zu Anfang klar, das die Einführung und vor allem das lange Beharren auf dem Zweitaktmotor für ihn als Ingenieur keineswegs ein Grund zum Feiern sei.

Mit großer Sachkenntnis führte er anschließend durch die Historie des Zweitakters und sprach in angenehm auffallend anerkennender Weise von Wegbereitern und ehemaligen Kollegen aus der Geschichte.

Zum Schluß stellte Herr von Freiberg noch einmal klar, was er mit seinem Eingangssatz sagen wollte: Neben dem seit den 1950er Jahren stets immer nur weiter entwickelten und verbesserten Zweitakter gab es eine große Zahl vielversprechender Entwürfe und Tests mit alternative Motoren, die den Wartburg zu einem deutlich zeitgemäßeren Fahrzeug gemacht hätten. Wenn sie den genehmigt worden wären.

Trotzdem gelang es Konrad von Freiberg eindrucksvoll in den eineinhalb Stunden seines Vortrages die vielen Verbesserungen am Serientriebwerk aufzuzeigen und zu verdeutlichen, mit wieviel Energie und Ideen als auch Idealismus die Konstrukteure zu DDR-Zeiten zu Werke gingen.

Vielen Dank an Konrad von Freiberg für seinen interessanten Vortrag. Noch einmal vielen Dank an die Veranstalter, die diese Vorträge seit Jahren organisieren und zu einem Höhepunkt des Treffens werden lassen.

Darüber konnte man auch die furchtbare Luft im Obergeschoß des von den Außentemperaturen hoffnungslos überhitzten “Bauernmarktes” vergessen.

Auch wenn unsere beiden neuen Wartburg-Fans auch am Sonntag gern noch einmal zum Wartburg-Treffen gegangen wären, entschieden wir uns an diesen Tag für ein Alternativprogramm: Wir bestiegen gemeinsam den Wartberg und besuchten die Namensgeberin des Wartburg - die Wartburg.

Auch das war ein unvergessliches Erlebnis.

 

Zum Abschluß gingen wir zurück zum Markt und genossen unser Abendessen in einem dortigen Restaurant.

Ganz losgelassen hat uns das Wartburgtreffen dort übrigens auch nicht. Andauernd fuhren Wartburgs an uns vorüber.

Darunter auch die Wartburg Stretch-Limousine des Allgemeinen Wartburgclub Eisenach (AWE).

 

/ Stephan Uske

(Text und Fotos)