Das Museum... (Signale 54-75)

Rapid Tourist von 1906 - eine Art Bus

...am anderen Ende der Welt - Das wahrscheinlich größte Museum der Welt

Wer sich wirklich für alte Kraftfahrzeuge interessiert, wird wohl kaum an einem Automuseum vorbeigehen können. Dabei hat jeder Wartburg oder Trabantfan sicher schon einmal die Museen in Eisenach, beziehungsweise in Zwickau besucht.

Der Besuch von etwas weiter entfernten Sammlungen fällt da schon etwas schwerer.

 

Da ich diese Gelegenheit jedoch manchmal habe, möchte ich die Leser unserer Zeitschrift gern einmal mitnehmen zu eben jenen Museen am anderen Ende der Welt. Und wer weiß, vielleicht bekommt ja der Eine oder Andere Lust und macht sich selbst einmal auf.

 

In den USA ist alles „mächtig gewaltig!“ um es mit Egon Olsen Side kick Benny zu sagen. Alles strotzt nur so von Superlativen: „Die besten Spare Ribs aller Zeiten“ konkurrieren mit der „Größten Mall der vereinigten Staaten“ und so weiter und so fort. In dieser Tradition wirbt auch das renommierte Henry Ford Automuseum in Dearborn bei Detroit damit „das größte Automobilmuseum der Welt“ zu sein.

Ob das stimmt kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall hat es mit 49.000m² gigantische Ausmaße. Es geht auf die 1906 begonnene Privatsammlung von Henry Ford, dem Begründer der Ford Motor Company zurück.

Die Liste der Ausstellungsstücke ist beachtlich und umfasst weit mehr als nur Automobile. Unter anderem wird hier das Feldbett von George Washington gezeigt und der Theatersessel in dem Abraham Lincoln einem Attentat zum Opfer fiel. Ja und hier steht auch der 1961er Lincoln Continental SS-100-X, in dem John F. Kennedy 1963 in Texas ermordet wurde.

Damit sind wir wieder beim Auto. Neben dem Presidential Car von John F. Kennedy stehen hier viele Präsidentenkutschen bis hin zu Ronald Reagens Dienstfahrzeug. Und den Begriff „Kutsche“ darf man hier getrost wörtlich nehmen. Das erste Presidential Vehicle der Ausstellung ist Teddy Roosevelts Brougham (sprich Broam“) von 1902. Theodore Roosevelt war kein  Freund des Automobils. Er benutzte die rechts mittig auf dieser Seite abgebildete Kutsche, die keineswegs extra für den Präsidenten hergestellt worden war. Sie unterschied sich lediglich in der niedrigeren Einstiegshöhe und der großen Frontscheibe von anderen Fahrzeugen gleicher Bauart. Der Brougham war bis 1928 in Dienst. Erst 1939 wurde erstmals ein speziell für den Präsidenten produziertes Kraftfahrzeug geliefert. Damals hatte das Weiße Haus eine fünf Seiten lange Spezifikation mit zu erfüllenden Instruktionen an Lincoln, die zu Ford gehören. Unter anderem erhielt das Fahrzeug erstmals Haltegriffe und Plattformen am Heck, die die Mitfahrt von Sicherheitsleuten ermöglichte. Die Welt befand sich im Kriegszustand und Sicherheit wurde immer wichtiger.

Die hinten angeschlagenen Türen waren keineswegs ein Diktat der aktuellen Mode, sondern dienten dem leichteren Ein– und Aussteigen des, durch Kinderlähmung, in den Rollstuhl gefesselten Präsidenten Franklin Roosevelt. Nach ihm nutzte auch noch Harry Truman dieses Fahrzeug ehe es 1950 durch ein neueres Modell ersetzt wurde. Das Verdeck wurde sehr häufig geöffnet.

1950 orderte das Weiße Haus ein neues Fahrzeug für den Präsidenten: Das später mit einem Glasdach ausgestattete Fahrzeug erhielt den Spitznamen „Bubbletop“. Es blieb bis 1967 in Dienst.

Das wohl berühmteste Presidential Car ist jedoch bestimmt „X-100“, der Wagen in dem Kennedy auf tragische Weise ums Leben kam.

Wer sich an die Bilder dieses Attentats erinnern kann wird das Fahrzeug hier im Museum jedoch kaum wieder erkennen. 1961 wurde der durch den Secret Service auf den Codenamen  SS-X-100 getaufte Lincoln als Cabriolet mit verschiedenen Stahl– und Kunststoffdächern ausgeliefert. Je nach Wetterlage und Anlass konnte der Präsident diskret im geschlossenen Wagen fahren oder in einer Art Aquarium im Vollglasdach fahren, oder ganz ohne Dach dem Volk zuwinken. In diesem Fall ließ sich der hintere Sitz um über 10 Inches anheben. Damit konnte jeder den Präsidenten sehen. So verhielt es sich auch am 22. November 1963 in Dallas. Unmittelbar nach dem Attentat wurde der Wagen für Untersuchungen genutzt und später stark modifiziert. Bis 1977 wurde er weiter genutzt und noch mehrfach umgebaut. Es wird gemunkelt, dass der X-100 schon allein deshalb meistens offen fuhr, weil die Klimaanlage den Glaskasten einfach nicht auf erträgliche Temperaturen herunter kühlen konnte.

Die im Henry Ford ausgestellten Staatskarossen gehörten immer dem Unternehmen Ford. Der Staat hatte sie sich einfach geleast. Das ist auch der Grund, warum sie hier in schöner Vollständigkeit zu sehen sind. In späteren Jahren entschieden sich die Präsidenten der USA für Chrysler, statt für Lincoln.

Neben den Presidential Cars bietet das Henry Ford allerdings noch weitaus mehr interessante Exponate. Wohl jeder kennt die typischen gelben Schulbusse der USA. In Dearborn kann man den ältesten Überlebenden dieser Busse bewundern.

Zahllose Exponate illustrieren den Übergang des Autos von der motorisierten Kutsche hin zum Fahrzeug der Gegenwart. Dazu gehören auch Sportfahrzeuge und Nutzfahrzeuge. Oft werden die Fahrzeuge in einer Art Diorama zu Szenen kombiniert. Zum Beispiel gibt es eine typische Tankstelle der 1930er Jahre zu sehen usw..

Der erste Semi-Truck (Zugmaschine mit Lastenauflieger) kann hier ebenso bewundert werden. Dieses noch etwas skurril anmutende Gefährt wurde 1914 für einen Unternehmer aus Detroit entwickelt, der eine bequemere Transportmöglichkeit für sein Boot zu den nördlichen Seen in Michigan suchte. Die weit reichenden Möglichkeiten dieser, von einem Schwarzschmied in Detroit entwickelten Konstruktion, beeindruckten ein breites Publikum und die „Fruehauf Trailer Company“ trat in das Automobil-Business ein.

In Dearborn lässt sich auch hervorragend verstehen, wie sich die heutigen Kraftfahrzeuge von den ursprünglichen Kutschen her entwickelt haben. Eine große Halle zeigt Kutschen, die nach ihrer Entstehung aufgereiht sind. Am Ende dieser Reihe steht man vor Automobilen.

Auch sonst ist die Kutschenausstellung des Henry Ford beeindruckend. Lastkarren von teilweise gigantischen Ausmaßen und elegante Personenkutschen stehen hier nebeneinander.

So finden sich hier unter anderem eine sehr dezent gestylte Bestattungskutsche aus Cincinnati aus dem 19. Jahrhundert. Diese ist im Gegensatz zum damals vorherrschenden Geschmack eher schlicht und nur wenig verziert, während zeitgenössische Gefährte für die letzte Reise sonst oftmals sehr überbordend ausgeschmückt waren. Es gab sogar spezielle Fahrzeuge für die Beerdigung von Kindern. Im Gegensatz zu den Kutschen für Erwachsene waren diese Kinderkutschen stets weiß.

Eine echte Postkutsche des Wilden Westens fehlt ebenso wenig wie ein Pferdeomnibus.

Dieser Bus beeindruckte mich besonders wegen der pfiffigen Mechanik mit der die Tür des Fahrgastraums auf der Rückseite des Busses vom vorn sitzenden Kutscher bedient werden konnte.

Kaum vorstellbar, dass zu den 24 Sitzplätzen im Inneren dieses Pferdeomnibusses noch 10 Stehplätze und eine unbekannte Anzahl zusätzlicher Sitzplätze auf dem Dach des Gefährts kamen.

Da hatten die Pferde sicherlich ganz ordentlich zu tun.

Im Bild darunter ist ein 12-sitziges Motorfahrzeug eines Herstellers namens „Rapid“ zu sehen. Heute würde man es vielleicht als Bus bezeichnen. Im Jahr 1906 nannte man es „Tourist“, da es den Begriff Bus im Sprachgebrauch noch nicht gab. Der Wagen ist historisch betrachtet ein sehr früher GMC.

Die unten rechts abgebildete Lokomotive ist eine typische, wenn auch späte Vertreterin der US Eisenbahn-Pionierzeit.

Das Henry Ford Museum zeigt neben diesen Fahrzeugen auch einige wirklich interessante Straßenbahnen und andere Schienenfahrzeuge, die man im Straßenbild der heutigen USA (spätestens seit dem großen Straßenbahn-Skandal) nicht mehr sehen kann.

Die ganze Ausstellung gliedert sich in verschiedene Bereiche, die jedoch irgendwie alle mit Mobilität und dem amerikanischen Lebensgefühl verbunden sind.

So fehlt das obligatorische McDonalds Neonschild genau so wenig wie ein 50er Jahre Diner Wagen, wie man ihn hier allenfalls aus Filmen kennt.

Ein sehr schönes Diorama beschäftigt sich mit der Josephine Ford Arctic Expedition. Die dazu genutzte Fokker bildet einen guten Kontrast zur weißen Szenerie.

Ein weiteres interessantes Ausstellungsobjekt im Bereich Luftfahrt ist ein begehbares Modell verschiedener Flugzeuginnenräume vom Beginn der Passagierluftfahrt bis in die 1970er Jahre.

Daran lässt sich der enorme Platz- und Komfortgewinn in beeindruckender Weise erspüren. Die ersten Luftpassagiere mussten schon ein erhebliches Maß Risikobereitschaft und geringe Ansprüche an Platz und Komfort mit einem hohen Kaufpreis für ihre Tickets bezahlen.

Das war jedoch lange bevor Luftreisen wirklich etwas für Pauschal-Touristen wurden.

Direkt hinter der Abteilung für Dampfmaschinen und Stromgeneratoren gibt es noch ein paar Vitrinen mit echten Bowie-Messern und Tomahawks. Diese berühmten Messer mit ihren langen Klingen erhielten ihren Namen durch den im realen Wilden Westen berühmten James Bowie, der ebensolche Messer bevorzugte und dessen Abenteuer ab 1830 publiziert wurden. Es wurde modern sich so ein Messer, wie Bowie es hatte, zuzulegen und bald wurden diese Waffen „Bowie Knives“ genannt. Überwiegend kamen die Messer damals noch aus Sheffield/England nach Amerika.

Auch der Begriff Tomahawk ist sicher nicht nur Karl-May-Lesern ein Begriff.

Diese kurzstieligen Äxte wurden oft reich verziert und multifunktional verwendet: als Pfeifen zum Rauchen...

Einer meiner persönlichen Favoriten dieses Museums hat aber nur sehr bedingt mit Mobilität im eigentlichen Sinne zu tun. Es ist das etwas versteckt aufgebaute Dymaxion House des bekannten amerikanischen Architekten Designers, Philosophen und Schriftstellers Richard Buckminster Fuller. „Bucky“ Fuller wurde 1895 in Massachusetts geboren und entwarf sein einzigartiges, nahezu rundes Haus bereits 1927.

Zum Thema Mobilität gehört es dennoch, denn es ließ sich verhältnismäßig einfach Demontieren und Verpacken. Das ganze Haus wog keine 2500kg, es maß 15m im Durchmesser und war ca. 12m  hoch. Erst als nach 1945 bestimmte Legierungen für den Flugzeugbau entwickelt wurden, wurde eine Realisierung dieses Prototyps möglich. Fuller wollte eine Massenproduktion starten, die die wohnungssuchenden Amerikaner schnell und komfortabel mit jeweils sechs dreieckigen Wohnräumen, bestehend aus ca. 3000 Einzelkomponenten, versorgen sollte. Das Haus war so konstruiert, dass es einem Tornado in Kansas standhalten konnte. Es verfügte über ein innovatives Belüftungssystem.

Ein Dymaxion House sollte ca. 6500 US$ kosten - ungefähr der Wert eines Luxus-Automobils der Nachkriegszeit.

Allerdings kam es nur zum Bau von lediglich zwei Prototypen. Der wegweisende Entwurf galt als ungemütlich und zugig. Das in Dearborn ausgestellte Haus ist einer der zwei Prototypen in denen der Unternehmer W.L. Graham von 1946 bis 1972 in Kansas lebte. Das Haus ist nach 1991 durch Schenkung in den Besitz des Henry Ford Museum übergegangen und wurde im Originalzustand restauriert. Es ist vollständig eingerichtet und ein wirkliches Zeitdokument.

Diese und noch vieles mehr kann der Besucher im Henry Ford Museum erleben. Ein Tag ist dafür fast zu kurz.

Das Museum hat (außer an Thanksgiving und Weihnachten) an allen Tagen zwischen 9:30 und 17:00 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 17US$ (Kinder ab 4 Jahre: 12,50US$, Rentner: 15US$).

Dazu kommt eine Parkgebühr von ca. 10 US$.

 

The Henry Ford; 20900 Oakwood Boulevard; at Village Road; Dearborn, Michigan

 

/ Stephan Uske

Text und Fotos