Das Museum... (Signale 53-74)

Parkplatz vor dem Jefferson Institute

...am anderen Ende der Welt

In Greenfield-Village am Fathers-Day-Weekend

 

Wer sich wirklich für alte Kraftfahrzeuge interessiert, wird wohl kaum an einem Automuseum vorbeigehen können. Dabei hat jeder Wartburg- oder Trabantfan sicher schon einmal die Museen in Eisenach, beziehungsweise in Zwickau besucht.

Der Besuch von etwas weiter entfernten Sammlungen fällt da schon etwas schwerer.

Da ich diese Gelegenheit, jedoch manchmal habe, möchte ich die Leser unserer Zeitschrift gern einmal mitnehmen zu eben jenen Museen am anderen Ende der Welt. Und wer weiß, vielleicht bekommt ja der Eine oder Andere Lust und macht sich selbst einmal auf.

 

Es gibt in den vereinigten Staaten einen ganz besonderen Feiertag. Ein Feiertag an den sich die erwachsenen US-Amerikaner immer wieder gern erinnern und den sie auch alljährlich immer wieder mit besonderer Hingabe begehen: den „Fathers-Day“.

Nein, das sind nicht die Ghostbusters! Hier parkt ein Lincoln KrankenwagenAch ja, „Vatertag“. Das kenne ich auch aus Deutschland zur Genüge. Das wird jetzt vielleicht der eine oder andere Leser denken.

Jedoch hat der Fathers-Day in den Vereinigten Staaten nur recht wenig mit dem hier bekannten Besäufnis mehr oder (oft auch) weniger erwachsener Männer am Christi-Himmelfahrtstag zu tun.

Fathers-Day ist ein Ereignis an dem Väter mit ihren Kindern etwas ganz besonderes unternehmen. Väter erhalten von ihren Familien (mehr oder weniger) kleine Geschenke. Dafür sorgt schon eine gut geölte Werbeindustrie. Der Kern des Tages jedoch sind die gemeinsamen Unternehmungen mit der Familie.

Beliebet Ausflugsziele sind natürlich Sportereignisse. Zum Beispiel die „Ballgames“ genannten Baseballspiele in den großen Arenen, wo sowieso immer eine Art Volksfeststimmung inszeniert wird.

Allerdings spielt - entgegen unseren europäischen Vorurteilen gegenüber Amerikanern - auch Kultur eine Rolle.

Aus diesem Grund veranstalten die großen Museen am FathersDay-Weekend gern spezielle Events. So auch das in den 1930er Jahren durch Henry Ford in Dearborn (Michigan) gegründete Dorf Greenfield Village. Greenfield ist eine Freiluft-Museumsanlage in der Häuser von Persönlichkeiten zusammengetragen wurden, die in der Geschichte der amerikanischen Industrialisierung eine herausragende Rolle gespielt haben.

 Clara Fords englisches CottageHier findet alljährlich aus Anlass des Fathers-Days ein ganz besonderes Schmankerl statt.

Lohnt sich der Besuch von Greenfield Village schon an allen anderen Tagen im Jahr, so ist an diesem speziellen Wochenende das Eldorado für Oldtimerfans ebenfalls hier.

Klassische Automobile aus Nah und Fern werden in den Straßen und auf den Plätzen der kleinen Stadt ausgestellt. Alles streng sortiert nach Baujahren und Typen etc..

Der ganze Ort ist ein „Parkplatz“ für klassische Automobile. Überwiegend reihen sich hier die amerikanischen Fabrikate aneinander. Aber auch europäische Autos kann man entdecken. So fand ich unter anderem einen Fiat Toppolino, mehrere Jaguar verschiedener Baujahre und einen als Ford bezeichneten VW Kübel.

Letzterer fiel vor allem wegen seiner Wüstenlackierung und den überall angebrachten VW-Logos auf. Warum er trotzdem ein Schild mit der Modellbezeichnung Ford von den Ausstellern bekam konnte ich nicht herausfinden. Wer einmal die Gelegenheit hat, Greenfield Village zu besuchen, dem sei dieses Open-Air-Museum wirklich wärmstens zu empfehlen. Das Museum ist zwischen April und Oktober täglich zwischen 9:30 Uhr und 17:00 Uhr geöffnet. Im November kann es von Freitag bis Sonntag besucht werden und im Dezember hat es ausschließlich an einigen Abenden in den Weihnachtsferien geöffnet. Der Eintrittspreis richtet sich nach dem Alter der Besucher. Kinder unter 5 Jahren haben freien Eintritt. Bis 12 Jahre kostet der Eintritt 17,50 US$ für alle Besucher ab 62 Jahren kostet er 22,00 US$ und für alle anderen 24 US$.

Mitfahrt im Ford-Bus von 1909Es empfiehlt sich auf jeden Fall zusätzlich zum Eintritt den Unlimited Daily Ride Pass zu erwerben. Für 14 US$ kann der Besucher dann nämlich alle Fahrzeuge in Greenfield nutzen.

Damit wären wir bei dem, was Greenfield Village eigentlich ist: ein lebendiges Museum. Hier gibt es kaum Vitrinen, dafür jede Menge Häuser. Die darf man fast alle betreten. Zum Beispiel wurde die Farm der Familie Firestone inklusive Felder nachgebaut. Firestone? Ja richtig: Das ist der Name, der auf vielen Autoreifen steht. Diese Farm hatte Harvey Firestones Großvater in Pennsylvania gebaut. Firestone selbst war einer der berühmtesten und einflussreichsten Industriellen seiner Zeit in den USA.

Die Farm wird heute von Mitarbeitern des Museums extensiv betrieben. Es laufen Tiere herum und die Felder werden bestellt. Wirklich spannend war ein Erlebnis dort für mich: Die Museumsmitarbeiter sind in Kostümen des 19. Jahrhunderts gekleidet und bestellen die Felder in den Methoden dieser Zeit. In Greenfield selbst kann man häufig unter den Besuchern auch Mitglieder der bekannten Amish-Religion treffen. Diese Menschen leben heute in ihrem Alltag noch fast, wie im 19. Jahrhundert. Es war für mich wirklich interessant eine Begegnung der Museums-Farmer mit den gerade in Landwirtschaft erfahrenen
Amishen zu erleben. Alle unterhielten sich angeregt über die historischen Geräte und die Probleme, die die traditionelle Landwirtschaft hat. Ich habe mich - aus Rücksicht für die Amishe - nicht getraut, diese Szene zu fotografieren. Es war aber wirklich beeindruckend zu sehen, wie sich Menschen unserer Gegenwart in der Kleidung vergangener Jahre über die Probleme der manuellen Landwirtschaft austauschten.

Bei meinem allerersten Besuch in Greenfield vor ein paar Jahren, wusste ich noch nicht, was mich dort wirklich erwartet. Ich hatte nur gelesen, dass man die Häuser besichtigen kann. Wie überrascht war ich, als ich in das erste Haus eintrat und dort lauter Menschen in historischen Kostümen um den Küchentisch herum saßen und aßen. Ich vermutete bereits, dass ich einen  Fehler gemacht hatte und war sehr überrascht, als man mich sehr freundlich hereinbat und mir genau erklärte, was es zu Essen gab. Dieses Essen war in eben jener Küche vorher zubereitet worden. Ich wurde durch das Haus geführt und durfte vom Dach bis Keller alles ansehen. Das war damals genau jenes Wohnhaus auf der Firestone-Farm. Und dieses Erlebnis beschreibt das Museums-Konzept ganz gut. In fast allen Häusern trifft man Menschen, die in historische Kostüme gekleidet, das jeweilige Haus erklären, den ehemaligen und meist berühmten Besitzer vorstellen und Fragen beantworten.

Ich besuchte eine typische Siedlerschule und wurde in der dort durchgeführten Schulstunde direkt eingebunden und examiniert. Man wollte von mir den ersten Artikel der US-Unabhängigkeitserklärung wissen. Na, wer hätte es gewusst? Außerdem sollte ich die Anzahl der Sterne auf der Flagge der USA benennen. Klingt einfach? Ja, gefragt war aber nicht die aktuelle Anzahl, sondern die um 1870. ( übrigens waren es damals 38) Außerdem wurde nach den Namen der vier großen Seen rund um Michigan gefragt. Diese und noch weitere Fragen waren zu lösen. Zu meinem Glück waren auch noch ein paar vielleicht 10 Jahre alte Mädchen mit im Unterricht. Die kannten auf einige der aktuelleren Fragen eine Antwort. So wussten sie zum Beispiel, dass die vier Großen Seen der Huron-See, der Ontario-See, der Michigan-See und der Erie-See sind. Ich habe gelernt, dass man mit der Eselsbrücke über das Wort „HOME“ sich diese Seen wunderbar merken kann. Die Buchstaben dieses Wortes stehen jeweils für einen Anfangsbuchstaben eines der Seen. Ich war also nicht umsonst in der Schule!

Die Lücken in meinen Kenntnissen habe ich damit begründet, dass ich aus Europa komme und die Lehrerin könne mich gern über Europa ausfragen. Sie lächelte nachsichtig und teilte mir mit, dass die heutige Prüfung leider nicht von Europa handele. Da ließ sich einfach nichts machen...

Wer sich in Greenfield etwas ausruhen möchte, der kann eine der Fahrattraktionen des Ortes nutzen. Es stehen Pferdeomnibusse, ein Ford-Kraftomnibus, knapp 30 Ford T und eine Dampfeisenbahn mit mehreren Zügen zur Verfügung. Dafür lohnt sich der Erwerb des bereits eingangs erwähnten Daily Riding Passes auf jeden Fall.

Greenfield Village ist heute mit 240 Acres (fast 1000km²) die größte Museumsanlage der Vereinigten Staaten, deren Besuch immer lohnt. Besonders jedoch am FathersDay-Weekend oder während der Weihnachtssaison. Greenfield Village liegt in Dearborn, unmittelbar neben dem Ford Hauptquartier und neben dem Edison Institute, welches auch als The Henry Ford bekannt ist und das größte Indoor-Museum der USA ist. Für den Besuch sollte ein ganzer Tag eingeplant werden und der eine oder andere Folgebesuch. Übrigens befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft auch die Automotive Hall of Fame, die man nebenbei auch noch besuchen kann.

 

/ Stephan Uske