Der Zorn auf die Zone (Signale 52-73)

Trabi in Köln

Seit vier Jahren gibt es bei uns Umweltzonen. Gebracht haben sie nichts – außer viel Ärger beim Bürger und Wertvernichtung beim Auto. Wir zeigen den Weg durch den Regelungs-Dschungel

 

Nein, verstehen kann Sabine Falter* das alles nicht. Erst hörte Sie, dass sie demnächst nicht mehr zu ihrem Haus in der Osnabrücker Innenstadt fahren darf. Dort gilt ab Januar die stärkste Umweltzonenregelung, und die kennt für einen acht Jahre alten Hyundai Diesel mit gelber Plakette keine Gnade. Dann teilte die Autowerkstatt mit, dass es für den Kompaktwagen keinen Nachrüstsatz für eine grüne Plakette gibt. Und schließlich wurde sie von der Stadt belehrt, dass Sie als City-Bewohnerin „keinen triftigen Grund“ für eine Ausnahmegenehmigung hat. „Das nenne ich Enteignung“, sagt Sabine Falter. Denn die Verschärfung der Zonenregelung trifft Sie dreifach: Ihr Auto ist faktisch wertlos geworden, die Investition in einen vergleichbar guten Wagen mit grüner Plakette vorerst nicht zu schultern, und der Weg zum Reiterhof, in dem sie mehrmals pro Woche arbeitet, ist bald abgeschnitten. Denn der führt durch die Umweltzone. „Da läuft doch etwas völlig verkehrt“, sagt die Osnabrückerin. „Ich habe mir das Auto extra wegen seines geringen Verbrauchs angeschafft. Und jetzt wird es aus Umweltschutzgründen aus dem Verkehr gezogen.“

 

Einfahrt nur mit grüner Plakette: Auch in Frankfurts Innenstadt gilt das ab 1. Januar. Und damit steht Willi Müller-Sieslak vor einem „ärgerlichem Dilemma“. Der Fotograf wohnt in der Umweltzone und arbeitet dort auch regelmäßig. Rund 2000 Euro, so erfuhr er, würde der Umbau seines Diesel-Volvo, Baujahr 2001, für eine grüne Feinstaubplakette kosten. „Einen Batzen Geld bin ich so oder so los“, meint Müller-Sieslak. „Ich darf wählen zwischen einer teuren Nachrüstung oder einem noch teureren Autokauf. Beides ist für mich im Moment aber zu teuer.“

 

Unverständnis, Ratlosigkeit, Ärger – auch vier Jahre nach dem Start der ersten Umweltzonen fühlen sich Bürger ausgesperrt, an Ihrer Berufsausübung gehindert, vom Staat bevormundet. Und daran wird sich vorerst nichts ändern. Denn zu Jahresbeginn 2012 kamen neue Zonen hinzu, bestehende wurden auf breiter Front verschärft (s. Tabellen links). Deutschlands Umweltzonenlandschaft hat sich inzwischen zu einem abstrusen Puzzle entwickelt, auf dem 57 Städte in 44 Zonen mit vielen individuellen Verschärfungsfahrplänen und unterschiedlichen Ausnahmegenehmigungen die Menschen verwirren. Das „stellt selbst die deutsche Kleinstaaterei der Postkutschenzeit in den Schatten“, brachte es der Städtetagspräsident und Münchner OB Christian Ude schon zu Beginn des Umweltzonen-Zeitalters auf den Punkt.

 

Längst gibt es große Zweifel an der Wirksamkeit von Umweltzonen. Ein klarer Rückgang von Luftschadstoffen konnte noch in keiner Stadt nachgewiesen werden. Deutlich zugenommen habe dagegen die „wuchernde Bürokratie“, ärgert sich Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, in einem Brief an die Bundesministerien für Wirtschaft, Umwelt und Verkehr. Der Amtsschimmel behindert vor allem Kleinunternehmen und Mittelstand. Denn wer sich keinen neuen Fuhrpark leisten kann, benötigt für jede Umweltzone eine eigene, teure Ausnahmegenehmigung.

 

Vie Verwirrung, wenig Wirkung. Aufklärung ist trotzdem nötig. Die ADAC Motorwelt beantwortet die wichtigsten Fragen:

 

Wo werden rote und gelbe Plaketten ausgesperrt? In Berlin und Hannover dürfen schon seit 2010 nur noch Autos mit grüner Plakette in die Umweltzone. Leipzig kam im vergangenen März dazu, Bremen im Juli, und ab Januar gehören auch Stuttgart, Frankfurt und Osnabrück zu den Städten mit den schärfsten Zonen. Alle Neueinführungen und Veränderungen in der Tabelle.

 

Was sagen die Plakettenfarben? Die Verordnung kennt vier Schadstoffgruppen: 1 (keine Plakette), 2 (Rot), 3 (Gelb) und 4 (Grün). Die Einstufung orientiert sich an der Abgasrichtlinie die vom Fahrzeug eingehalten wird (z. B. Euro 1/keine Plakette, Euro 4/grüne Plakette). Bei Benzinern gilt: Autos mit 3-Wege-Kat bekommen (bis auf wenige Ausnahmen) die grüne Plakette, alle anderen gar keine. Welchen Aufkleber Ihr Auto erhält, können Sie mit dem ADAC Plakettenfinder unter www.adac.de/umwelt schnell herausfinden.

 

Was ist mit Nachrüstung? Ältere Dieselfahrzeuge können durch Filternachrüstung in eine bessere Schadstoffgruppe kommen und dadurch z. B. statt einer gelben eine grüne Plakette erhalten. Der Staat fördert dies ab 2012 wieder mit 330 Euro je Fahrzeug. Informationen unter www.adac.de/umwelt und unter www.bafa.de .

 

Warum das Ganze? Ihren Ausgangspunkt hat die Umweltzonenverordnung in einer EU-Richtlinie zur Verringerung von Feinstaub (PM10) und Stickstoffdioxid (NO2) in der Luft. Aus dieser Richtlinie zimmerte die Bundesregierung 2006 die Plakettenverordnung. Sie wird von den Bundesländern umgesetzt und kann in jeder Stadt individuell angewendet werden. Auch wenn viele Kommunen selber am positiven Effekt zweifeln: Mit dem auffälligen Aktionismus wollen sie sich etwaige EU-Strafverfahren vom Halse halten.

 

Wie gefährlich sind Feinstaub und NO2? Feinstaubpartikel sind gesundheitsgefährdend, weil sie je nach Größe über die Atemwege bis tief in die Lunge vordringen. Atemwegs-, Herz- und Kreislauferkrankungen können die Folge sein. Auch Stickstoffdioxid – ein nicht brennbares Gas – kann die Atemwege schädigen.

 

Woher stammt der Feinstaub? An den gemessenen Feinstäuben in den Innenstädten sind Diesel-Pkw nur zu neun Prozent in Form direkter Emission beteiligt; Benzinmotoren stoßen nur sehr wenig Rußpartikel aus. Der überwiegende Teil stammt aus ganz andren Quellen (Grafik). Auf die Verbreitung des Feinstaubs hat der Mensch keinen Einfluss: Die Partikel mit einer Größe von Tausendstel Millimeter werden je nach Wind- und Wetterlage über HUNDERTE VON Kilometern verweht. Analysen ergeben, dass maximal 30 Prozent der lokal gemessenen Feinstaubpartikel von Verursachern vor Ort erzeugt werden.

 

Was ist mit Stickoxiden? Seit 2010 gelten strengere Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2). Diese werden aber auch in Umweltzonen regelmäßig überschritten, weil Dieselfahrzeuge als Hauptverursacher nicht mit den nötigen Spezial-Kats gebaut werden. Erst nach Einführung der Euro-6-Norm, die ab 2014 noch strengere Grenzwerte vorsieht, ist mit einer Abnahme von NO2 in der Luft zu rechnen.

 

Was haben Umweltzonen gebracht? Nach Messungen des ADAC nichts. Auch offizielle Stellen konnten noch für keine Stadt eine nennenswerte Verringerung von Feinstaub- und NO2-Belastung melden. „Umweltzonen haben vor allem einen monströsen Verwaltungs-aufwand für die Kommunen und existenzielle Nachteile für viele Autofahrer gebracht“, sagt ADAC Vizepräsident Ulrich Klaus Becker. Auch das Argument mancher Umweltpolitiker, dass ein spürbarer Effekt erst nach weiteren Verschärfungen eintrete, ist nicht stichhaltig: Bei der geringen Zahl betroffener Pkw mit roter oder gelber Plakette (Grafik) kann dieser „spürbare Effekt“ gar nicht eintreten. Bewiesen ist dagegen die seit Jahren anhaltende Abnahme der Schadstoffbelastungen auch ohne Umweltzonen – dank des technischen Fortschritts. Der ADAC ist überzeugt: Eine gezielte Förderung alternativer Antriebe, öffentlicher Nahverkehrsangebote, grüner Wellen und des Radverkehrs bringt erheblich mehr, als das Beharren auf Umweltzonen.

* Name geändert

 

 

 

/ Claus Christoph Eicher

In ADAC Motorwelt 01/2012

 

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Tanja Uske