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Das Museum... (Signale 52-73)

Das Museum... (Signale 52-73)

Gespeichert von Stephan am Mo., 19.11.2012 - 11:30
Walter P. Chrysler Museum in Auburn Hills (MI)

...am anderen Ende der Welt

Walter P. Chrysler Museum in Auburn Hills (MI)

 

Wer sich wirklich für alte Kraftfahrzeuge interessiert, wird wohl kaum an einem Automuseum vorbeigehen können. Dabei hat jeder Wartburg- oder Trabantfan sicher schon einmal die Museen in Eisenach, beziehungsweise in Zwickau besucht.

Der Besuch von etwas weiter entfernten Sammlungen fällt da schon etwas schwerer.

Da ich diese Gelegenheit, jedoch manchmal habe, möchte ich die Leser unserer Zeitschrift gern einmal mitnehmen zu eben jenen Museen am anderen Ende der Welt. Und wer weiß, vielleicht bekommt ja der Eine oder Andere Lust und macht sich selbst einmal auf.

 

Am 04. Februar 2012 habe ich es mir tatsächlich ein wenig heftig gegeben: Am Morgen besuchte ich Henry Fords berühmte Rouge-Plant in Dearborn, südlich von Detroit. Dort kann man die Produktion der in den USA wirklich beliebten F150-Trucks live erleben. Am Nachmittag bin ich dann in den Norden von Detroit gefahren. In Auburn Hills befindet sich das Hauptquartier der Chrysler LLC. Dieses 1925 gegründete Unternehmen unterhält seit Oktober 1999 ein eindrucksvolles Museum. Auf drei Etagen werden 65 historische Fahrzeuge und Konzeptfahrzeuge ausgestellt.

Chrysler gehört, neben Ford und General Motors (GM), zu den so genannten Big Three des US-Automobilbaus. Zu Chrysler gehören die auch in Europa durchaus bekannten Marken Jeep (Willys Overland), Buick, Dodge und Plymoth. Früher gehörten auch DeSoto, Fargo, AMC, Egle, Trazo und Imperial zu Chrysler.

Mittlerweile gehört Chrysler nicht mehr mit Daimler zusammen sondern wird von FIAT mit über 58% dominiert. Die aktuellen Marken des Konzerns sind heute neben Chrysler selbst noch Dodge, Jeep, RAM Trucks und Global Electric Motorcars.

Das Museum in Auburn Hills beschäftigt sich hingegen überwiegend mit der Historie der zusammengeschlossenen Marken.

Im Erdgeschoß werden die 50 ersten Jahre von Chrysler und seinen Tochterunternehmen erzählt. Der allererste Chrysler - ein Prototyp, der noch vor der offiziellen Gründung des Unternehmens gebaut wurde - einer der ersten Dodges, ein Willys Overland, wie ihn die GIs im Zweiten Weltkrieg nach Europa brachten.

Ausserdem kann der Besucher hier DeSotos, Hudsons, Nashs, Plymoths und Ramblers bewundern.

Darüber hinaus lassen einige Modelle im Erdgeschoß erahnen, wie unkomfortabel das Leben der ersten Autofahrer war und wie sehr der Komfort durch - wer hätte es gedacht: Erfindungen von Chrysler - verbessert wurde.

Beispielsweise  saßen die Fondpassagiere noch bis weit in die 1930er Jahre hinein auf der hinteren Achse. Dadurch wurden sie ordentlich durchgeschüttelt. Chrysler ließ die Rücksitzbank nach vorn rutschen und erreichte zweierlei: Erstens wurde der Sitzkomfort ganz erheblich erhöht. Zweitens wurde Platz für einen integrierten Kofferraum geschaffen. Beides sind heute absolute Selbstverständlichkeiten.

Im Obergeschoß stehen die Fahrzeuge, die so nachhaltig das Selbstverständnis der Amerikaner von sich selbst und unser Bild amerikanischer Autos prägten. Blech und Chrom und hubraumstarke Motoren.

Der allererste Chrysler: Chrysler B70 Phaeton Prototyp von 1924. 1951 debütierte der HEMI-Motor. Hemi ist die Abkürzung für hemispherically-shaped combustion chamber. Der Name beschreibt das wesentliche Merkmal dieser Motorenform: die halbkugelförmigen Brennräume. Hemi ist bis heute eine Marke von Chrysler. Motoren dieser Bauform zeichnen sich durch einen günstigen Gasaustausch infolge des hemisphärischen Brennraums aus. Daraus folgt ein höherer Wirkungsgrad.

In den bekannten Muscle-Cars von Chrysler bewährten sich die Hemi-Motoren aufs Vortrefflichste.

Eines der ersten Fahrzeug im Obergeschoß ist deshalb auch ganz folgerichtig ein 1951er Chrysler New Yorker Convertible, ein etwas barockes Cabriolet mit eben jenem Hemi-Motor, den auf dieser Etage so viele Fahrzeuge besitzen.

Ein Fahrzeug, das auch in Europa und vor allem in Deutschland bekannt ist, wenn auch unter anderem Namen beendet den Rundgang im Obergeschoß: der Plymoth Town & Country. Der Urvater der heute so allseits beliebten Vans. In Deutschland wurde dieses Auto als Chrysler Voyager verkauft. Die ursprünglichen Town & Country Fahrzeuge waren Pkw in Gemischtbauweise: Kombis mit Holzaufbau und Blechdach. Bis 1950 wurden sogar Limousinen, Coupés und Cabriolets mit diesem Modellnamen angeboten. In Anlehnung an die Zeit der „Woodys“ wurden die späteren Ganzstahl-Karossen der Town & Country-Serie zum Teil mit Holzdekoren an den Seitenplanken der Fahrzeuge ausgestattet.

So auch der 1990er Plymouth Voyager im Museum. Nicht vergessen werden soll der Chrysler Gasturbinen-Wagen, den ich jedoch schon im letzten Heft ausführlicher vorgestellt habe.

Das Walter P. Chrysler Museum stellt ebenfalls ein Exemplar der verbliebenen 10 von ehemals 50 Fahrzeugen aus. Beeindruckend und ein wenig erschreckend, wie menschlicher Erfindergeist ausufern kann.

Im Keller befindet sich „Boss Chrysler‘s Garage“. Nach Werbung des Hauses lassen sich dort die Traummaschinen der 50er bis 70er Jahre bewundern.

Dem Einen oder Anderen (vor allem mit ökologischem Gewissen) mag es eher als Albtraum erscheinen. Technisch interessant ist auch diese Etage allemal. Muscle-Cars, Sportfahrzeuge, aber auch sehr interessante Nutzfahrzeuge der Dodge RAM-Serie und noch ein paar Jeeps.

Alles in allem ein wirklich schönes Museum unmittelbar am (ehemaligen) Zentrum der Macht eines der großen Drei der USA Automobilbaugeschichte.

 

Walter P. Chrysler Museum

One Chrysler Drive

Auburn Hills, MI 48326-2778

 

Das Museum hat von Dienstag bis Samstag von 10 Uhr bis 17 Uhr und am Sonntag von 12 Uhr bis 17 Uhr.

Der Eintritt beträgt derzeit 8 US$ für Erwachsene. Ermäßigungen sind möglich.

Wer sich vorab im Internet schlau machen möchte wird hier fündig:

 

www.wpchryslermuseum.org.

 

Übrigens erzählte mir der Verkäufer meiner Eintrittskarte, dass nach den Amerikanern selbst, die Deutschen die zweitgrößte Besuchergruppe im Museum sei.

Das mag pure Höflichkeit gewesen sein, klingt aber durchaus plausibel. Immerhin war und ist die Region um Detroit immer noch das Zentrum des nordamerikanischen Automobilbaus und dort hält man große Stücke auf Ingenieure aus Deutschland. Die kann man dort auch zu Hauf finden.

Naja und immer nur Shopping ist halt auch fad…

 

 

/ Stephan Uske

P.S.: Leider wurde das Museum nur wenige Monate nach meinem Besuch geschlossen. Es wurde ein Opfer der Wirtschafts- und Finanzkrise in den USA.