Das Museum... (Signale 51-72)

...am anderen Ende der Welt -

Das Gilmore Car Museum in Michigan (USA)

Wer sich wirklich für alte Kraftfahrzeuge interessiert, wird wohl kaum an einem Automuseum vorbeigehen können. Dabei hat jeder Wartburg- oder Trabantfan sicher schon einmal die Museen in Eisenach, beziehungsweise in Zwickau besucht.

 

Der Besuch von etwas weiter entfernten Sammlungen fällt da schon etwas schwerer.

Da ich diese Gelegenheit, jedoch manchmal habe, möchte ich die Leser unserer Zeitschrift gern einmal mitnehmen zu eben jenen Museen am anderen Ende der Welt. Und wer weiß, vielleicht bekommt ja der Eine oder Andere Lust und macht sich selbst einmal auf.

 

An einem wunderschönen Sonntagmorgen Anfang Februar 2012 befand mich auf der Interstate 96 in Richtung Westen. Die Sonne schien und das Thermometer meines Chevy zeigte 51°F(~11°C). Ich will nicht unerwähnt lassen, dass am gleichen Tag Deutschland unter einer Kältewelle von bis zu -20°C stöhnte.

Das Wetter beeinträchtigte jedenfalls meine Stimmung nicht und so hatte ich die 123 Meilen von meinem Wohnort Novi (ca. 9 Meilen nördlich von Detroit Downtown) bis Hickory Corner in Angriff genommen. Im Verlauf der Reise wurden indes die Straßen immer schmaler. Der Straßenbelag immer schlechter bis zum Schluss nur noch unbefestigte Wege von mir befahren wurden. Ein etwas mulmiges Gefühl hatte ich schon, denn so tief im Outback der vereinigten Staaten war ich vorher noch nie versunken. Und obwohl ich die gefährlichste Stadt der USA (Detroit) ein wenig kenne, war das hier doch noch ein bisschen anders…

Kurz vor meinem Ziel kam ich an eine Kreuzung, die aus so manchem US-Western oder auch Horrorfilm hätte stammen können: Eine Kreuzung, nach jeder Seite nur 2 oder drei alte Holzhäuser, mit den klassischen Veranden davor. Auf einer Veranda ein Schaukelstuhl. Eine Tankstelle, die sicher schon den Zweiten Weltkrieg erlebt hat und seither nie mehr renoviert worden war und keine Menschenseele weit und breit.

Hätten nur noch ein paar Sträucher, die der Wind über die unbefestigte Straße wehte…

Allerdings bei aller Romantik, war ich nur wenige Minuten später auf der Farm, die seit Jahren das GCM beheimatet. Und übrigens liegt Kalamazoo zwar im Süden von Michigan aber weit entfernt von den Wüsten des US-Südens. Ich habe die Tour überlebt und kann nunmehr darüber berichten. Außerdem war das Navigationssystem meines Autos keine Sekunde unschlüssig und führte mich einen kurzen Weg zum Museum.

Der sonntägliche Volkssport der US-Amerikaner ist Shopping und da hier, wie auch in Deutschland über die Wintermonate zusätzlich oftmals nur ein eingeschränktes Kulturangebot besteht, war das Angebot an interessanten und gleichzeitig geöffneten Museen sehr eingeschränkt.

Umso schöner, dass die private Sammlung der Familie Gilmore in diesem Jahr zum ersten Mal auch im Winter geöffnet hatte.

Der Begriff Private Sammlung lässt nun vielleicht an eine etwas größere Garage mit vielleicht 10, max.20 mehr oder weniger interessanten Kraftfahrzeugen denken. Jedoch weit gefehlt. Im Jahre 1963 schenkte Genevieve Gilmore ihrem Mann Donald einen über vierzig Jahre alten Pierce Arrow zum Geburtstag.

Ich will nicht darüber mutmaßen, ob Donald sich zu viel in Haushaltsangelegenheiten eingemischt hatte oder was sonst der Beweggrund für seine Frau gewesen sein könnte ihm dieses Auto zu schenken…

Es gab viel daran zu tun und Mr. Gilmore restaurierte den Wagen mit Hilfe einiger Freunde.

Nach nur kurzer Zeit war die Sammlung der Gilmores schon auf über 30 historische Kfz angewachsen.

Dafür reichte das ursprüngliche Zelt längst nicht mehr aus und deshalb kaufte Mr. Gilmore 90 Acres Farmland (knapp 0,4km²). Zusätzlich erwarb er einige historischer Scheunen, demontierte dieses Stück für Stück und baute sie auf seinem Grundstück wieder auf.

Wieder war es Genevieve, die einen entscheidenden Gedanken beisteuerte und die Idee eines eigenen Automobilmuseums war geboren.

Das Ehepaar gründete eine nichtkommerzielle Stiftung, überführte die Autos und das Land in deren Besitz und so öffnete am 31. Juli 1966 das Gilmore Car Museum erstmals seine Pforten.

Das beide damals offenbar die richtige Entscheidung getroffen haben, kann man spätestens daran erkennen, dass das Museum auch nach dem Tod beider (Donald starb bereits 1979 und Genevieve 1990) weiter existieren konnte.

Das heutige Gilmore Car Museum besteht aus 8 historischen Scheunen, einer restaurierten Tankstelle von 1930, einer kleinen Bahnstation, einem klassischen US-Amerikanischen Diner-Restaurant von 1941 und fast 5 km befestigten Straßen.

Ausgestellt werden über 200 überwiegend restaurierte Fahrzeuge aus über 100 Jahren Automobilgeschichte.

Im Sommer werden die Fahrzeuge dort bewegt und Besucher können sogar zur Mitfahrt eingeladen werden.

Das alles konnte ich im Februar allerdings nicht sehen. Aber immerhin waren die besten Stücke der Ausstellungen im Haupthaus versammelt worden und so konnte ich immerhin über 4 Stunden von Schätzchen zu Schätzchen spazieren…

Und Schätzchen trifft es auch nur sehr ungefähr. Ich durfte wahre Schätze sehen. Das älteste authentische Auto der Ausstellung ist Locomobile Steam Runabout von 1899. Allerdings verfügt das Museum auch über Fahrzeuge wie den Benz Motorwagen Nr1 von 1886 und einen Duryea Motor Wagon von 1893 (beides jedoch nur Repliken). Die Gebrüder Duryea gelten als die Geburtshelfer der amerikanischen Automobilindustrie. Charles Duryea war der Erfinder des ersten funktionsfähigen benzingetriebenen Kraftfahrzeugs der USA.

Mindestens ebenso beeindruckend waren die elektrisch angetriebenen Fahrzeuge in der Ausstellung. Stellvertretend sei hier die Elektrokutsche von Bake, Rauch & Lang (Cleveland) genannt. Dieses Fahrzeug von 1915 verfügte tatsächlich noch über deutliche Designanlehnungen an die zu dieser Zeit noch immer üblichen Kutschen. Es besaß jedoch schon relativ kleine Luftreifen und kein Lenkrad.

Eine weitere Antriebstechnik, neben Benzin und der heute wiederentdeckten Elektrizität war der Dampfantrieb. In der Ausstellung finden sich mehrere „Steamer“ (Dampfer) wie diese Fahrzeuge genannt wurden. Diese Fahrzeuge zeichneten sich durch Robustheit und wenig bewegliche Teile im Motor aus. Allerdings gab es auch gravierende Nachteile. Der Stanley Steamer von 1913 hatte einen fast 600mm langen Boiler, der mit Benzin aufgeheizt wurde. Wer mit diesem Auto fahren wollte musste 30 Minuten vorher einheizen. Das Fahrzeuge hatte einen Benzinverbrauch von über 23 l/100 km und konnte ca. 72km Reichweite mit seinem Wassertank erzielen. Es war fast doppelt so teuer wie die damaligen Elektrofahrzeuge und kostete ca. 1400US$.

Wer nun aber denkt, Benzin, Strom und Wasserdampf wären die einzigen Antriebskonzepte für Kfz gewesen, der irrt gewaltig. Ein weiteres, geradezu revolutionäres Konzept war der Düsenantrieb. Der kam deutlich später als zu Beginn der 1960er Jahre die Entwicklung leistungsfähiger Flugzeugmotoren voranschritt und kurz vor dem Ende der wirklichen Bigblock-Cruiser in den Vereinigten Staaten.

Die Chrysler Gasturbinen waren bekannt dafür, dass sie nicht getunt werden mussten und keine Ölwechsel brauchten. Sie waren aber ebenso berüchtigt für ihren Gestank und die große Hitze, die sie produzierten. Der Wagen fuhr (man kann fast sagen er flog) mit Kerosin, Diesel oder bleifreiem Benzin. Leider war die ökonomische Bilanz dieses wirklich hübschen Autos geradezu verheerend. Von den 50 gebauten und über drei Jahre hinweg getesteten Autos wurden 40 anschließend wieder verschrottet. Ich kenne, neben dem Fahrzeug im GCM nur noch ein weiteres Fahrzeug im Chrysler Hauptquartier in Auburn (MI).

Indes kommt kaum ein Automobilmuseum in den USA um die wirklich große Zeit der amerikanischen Massenmotorisierung nach dem Zweiten Weltkrieg herum.

Und so lassen sich auch im Gilmore Car Museum die Chrom- und Big-block-Wunder jener Zeit bewundern. Hudson, Ford, Chevrolet, Cadillac, Tucker etc. alle sind hier versammelt. Besonders laut, dafür aber auch interessant war die Präsentation von Rallye-Fahrzeugen.

Sehr liebevoll ist die Restaurierung eines Händlerpavillons der Franklin Automobile Company gelungen. Dieses Unternehmen baute zwischen 1902 und 1934 luxuriöse Kraftwagen in Syracuse (NY). Die Wagen waren durchweg luftgekühlt. Die Ausstellung bildet den Verkaufsraum eines Händlers in Los Angeles um 1910 nach.

Noch ein paar letzte Worte zu Kalamazoo und der etwas jüngeren US-Automobilgeschichte. Kalamazoo galt als „die andere Motor-City“ neben Detroit. Hier waren Marken wie Roamer, Michigan und auch Checker zu Hause. Checker? Schon mal gehört. Checker hat das Taxi der vereinigten Staaten gebaut. In keinem Hollywood-Streifen fehlen die oft gelben Cabs, die bis 1982 gebaut wurden. Dann musste Checker wegen der übermächtigen Konkurrenz als eine der letzten selbstständigen Automobilhersteller die Produktion von Autos einstellen. Das 1922 gegründete Unternehmen belieferte danach GM und ging 2009 in Konkurs.

Es ist ganz sicher einleuchtend, wenn das Gilmore Car Museum gerade auf die lokale Historie von Kalamazoo eingeht. Immerhin liegt Hickory Corner im Norden dieser Stadt.

In jedem Fall ist das Museum einen Besuch wert. Allerdings empfiehlt sich ein Besuch in der Zeit zwischen April und Oktober besonders. Dann haben auch, bis auf den Fundus,  sämtliche Scheunen geöffnet und man kann an der Tankstelle über Spritpreise von 19 Cent staunen. Wobei sich die 0,19 US$ natürlich auf Gallonen beziehen!

Außerdem kann man dann einmal in einem der ehemals wirklich berühmten Diner-Restaurants speisen.

Wer sich schon einmal vorab aufschlauen möchte wird auf der sehr informativen Website des Museums sicherlich fündig.

 

GILMORE CAR MUSEUM

6865 Hickory Road

Hickory Corners, MI 49060

www.GilmoreCarMuseum.org

 

/ Stephan Uske