Es war und ist... (Signale 50-71)

Martin Völz - mit Hund und Wartburg

...nicht alles schlecht!

 

Für die nächste Oldtimerzeitung wird ein Restaurierungsbericht über einen Wartburg 353 S Tourist angekündigt. "S" – das steht für die Sonderausstattung der 2. Hälfte der 80er Jahre. Ein  paar Jahre vorher hieß das noch "de-luxe".

Doch die 80er machten überall Schluss mit Chrom und weichen Formen. Sachlichkeit war angesagt und der Luxus wurde dezent verborgen. Beim damals schon mehr als 20 Jahre gebauten Wartburg war nichts mehr zu verbergen oder mit Luxus hervorzuheben. Mir zeigt der angekündigte Restaurierungsbericht aber eines: auch die letzten Jahrgänge des Wartburg bekommen historischen und damit auch materiellen Wert. Vor 10 Jahren habe ich mir den Spaß erlaubt, ein Standardmodell dieser Jahrgänge unhistorisch mit unkorrekter Farbe, neuzeitigen Alufelgen, älteren Chromstoßstangen und zu guter letzt mit fremdfabrikatlicher Dachreling zu versehen. Das Glashubdach war eh schon drin. Die meisten haben mir dann auch geglaubt daß es ein seltenes Genex-Modell ist. Damals konnte man sich mit einem Frontkühlermodell des 353 eben noch nicht so recht in der Oldtimerfraktion sehen lassen. Wer wollte schwarz beschichtete Stoßstangen? Nun ist es soweit: 353 "S" und 1.3 "S" sowie natürlich auch die Standards (wer kennt die Unterscheidungsmerkmale?) sind im Reich der Oldies angekommen. Nach dieser Beschreibung, wie die Zeit vergeht, komme ich nun zum Kommentar der Tatsachen und weiß nicht, worüber ich zuerst mein Bedauern ausdrücken soll:

1. Das Wechselkennzeichen gibt es zwar jetzt, aber die Vorteile des Schweizer Beispiels sind für uns Deutsche fast weggefallen. 2. Ständig orakelt der TÜV über die vielen Mängel alter Autos und tut auf dem Papier etwas dafür, daß es noch mehr werden. Mit der Angst vor vermeintlicher Unsicherheit will man ein jährliches TÜV-Intervall für ältere Fahrzeuge einführen. 3. Die Erhöhung der Bio-Anteile in Benzin und Diesel bescherte uns höhere Preise und half der Umwelt überhaupt nicht. 4. Umweltzonen werden flächendeckend eingeführt, obwohl sich keine meßbare Verbesserung der Schadstoffwerte ergibt. ("Die Antwort mein Freund, weiß ganz allein der Wind" B. Dylan)

5. Fast alle Fahrzeughalter würden sich über die Wiedereinführung alter Kennzeichenkürzel aus der Zeit vor irgendwelchen Kreisgebietsreformen freuen. Verwaltung und Parlament schleppen das seit Jahren vor sich hin. Daß es zur Rettung Europas (und der Welt?) Summen braucht, deren Geldwert sich auch der Gutverdiener kaum noch vorstellen kann, wundert mich manchmal auch nicht mehr. Sogenannte Vorbilder kommen und gehen und sie selber und die Journalisten tun viel dafür, daß man immer neue Leute im Fernsehen kennen lernt.

Ist die Welt nun schlecht?

Vermutlich hat mein Urgroßvater schon Probleme mit dem Kaiser gehabt, mein Großvater hatte sie mit den Nazis, mein Vater mit den Kommunisten und ich habe sie mit dem o.g. Wirrwarr.

Im Rückblick betrachtet ist alles nur halb so schlimm. Daß ich mich vor der FDJ für selbst heraus genommene Freiheiten verantworten musste, ist vergessen. Die mühseligen Begebenheiten, die ich übrigens fast nie ändern kann, lassen doch meistens Raum für kleine Freuden. Mein "Genex" Wartburg ist nicht mehr nur ein altes Auto, sondern auf seine Art etwas Besonderes. Auch wenn es für den Geldbeutel immer weniger erschwinglich wird, daß Erdöl mit den Chinesen zu teilen, kann ich dafür im Umkreis von 50 Kilometern um meine Heimatstadt herum im Jahr etliche schöne Oldtimertreffen besuchen, weil es ein Publikum dafür gibt und weil sich viele Menschen daran erfreuen. Dass es lohnt, auch weitere Wege in Kauf zu nehmen, zeigt mir alljährlich unser Engagement zur TC oder unser Jahrestreffen. Unsere Freundschaften rechtfertigen für mich die weiten Wege.

So freue ich mich auf ein Wiedersehen mit Euch in Essen.

Man sieht sich und herzliche Grüße,

 

/ Euer Martin