Stretch-Wartburg (Signale 47-68)

Der Wartburg PAX

Eisenacher Wartburg-Fans erfüllen sich ihren Traum vom gestreckten Wartburg

Wie schon angesprochen, sollte die erste längere Probefahrt gleich nach dem Einbau der hinteren Innenausstattung passieren. Am 23.06.2009 gegen 21:00 Uhr war es dann soweit. Micha, Daniel und Angi hinten rein. Ich nach vorne und Motor an.

Um überhaupt fahren zu dürfen, mussten wir spezielle Nummernschilder haben. Die versicherungstechnische Ausstattung der normalen Autohausnummernschilder reicht da nicht aus. Durch die Dekra bekamen wir rote Nummern, die man auch auf Fahrzeugen fahren darf, die keinerlei Zulassung haben. Die Voraussetzung sind zumindest Papiere, und die gibt es ja nur in der Urform für einen kurzen Wartburg.

Wichtig für uns war, dass bevor ein Prüfer diesen Wagen in die Hand bekommt, wir mit ruhigem Gewissen sagen können, dass er seine Zeit jetzt investieren kann ohne an sich schlimmen Fehlern aufhalten zu müssen.

Wir waren auf der Straße und fuhren das erste Mal aus Hörschel raus. Lauchröden sollte das Ziel sein. Da war nicht viel Verkehr und wenn man schnell genug vorbeihuscht, merken es die Leute erst, wenn wir schon vorbei sind. Denn ganz ehrlich, so etwas erwartet keiner und es braucht schon einen Moment, bis man begreift, was da gerade vorbeigefahren ist. Und das war auch so, bei allen, die am Straßenrand einen Blick auf uns erhaschen konnten.

Der Wagen fuhr sich außergewöhnlich gut und ganz anders als erwartet. Da schaukelte nichts, da zog nichts, da klapperte nichts und in den Kurven lag er wie ein Brett. Ich beschleunigte das ein oder andere Mal und nahm die Kurven etwas forscher, nur um zu sehen, wie das Auto reagiert. Nichts störte beim reinen Fahrgefühl. Irgendwas war an der Bremse noch nicht ganz so richtig, da es hinten bei einer Vollbremsung ziemlich schnell blockierte. Aber das sollten dann Stefan und Alex am nächsten Tag einstellen.

Dann noch kurz ein Geschwindigkeitstest auf der Geraden, und mal kurz bemerkt, dass er genauso schnell beschleunigt und fährt wie eine normale Limousine. Was wollten wir mehr.

Irgendwie merkte man weder einen Leistungsverlust durch den langen Auspuff noch durch das zusätzliche Gewicht. Achtung es ist kein Rallyewagen, der Vergleich wird nur zum Serienmodell gemacht.

Wir stiegen an dem Abend aus und waren überglücklich.

Einen Tag später sollte es richtig losgehen. Stefan und Alex kamen und wir bereiteten die richtige Probefahrt vor. Zettel, Stift und etwas Werkzeug. Fahrtenbuch vorbereiten und los ging die Tour Richtung Sontra/Eschwege. Die Chance, dass ein echter Wartburgfan auf dieser Strecke einen Blick auf uns erhascht, war ziemlich gering. Und wenn schon, dann wird er noch heißer darauf das Auto mal aus der Nähe zu sehen. Wir fuhren ca. 60 km an diesem Tag. Eine Hälfte Stefan und eine Hälfte Alex. Ich saß hinten und schrieb alle Details auf, die wir noch erledigen müssen. Doch so viel war das gar nicht. Schmutzfänger vorne, schleifen in Kurven, Tempfühler geht nicht, Bremslast falsch eingestellt. Und noch so 10 Kleinigkeiten. Nachdem auch Alex und Stefan nun endlich eine große Runde gefahren waren, konnten wir einheitlich sagen, dass dieser Wagen so gelungen ist, wie wir es uns gewünscht hatten. Der Plan war erfüllt.

Die beiden stellten den LAD noch richtig ein, schraubten hier und da und alles war technisch für unser Wissen in Ordnung. In der Zwischenzeit war ich in der Nachbarschaft bei einer Kollegin, um alte Bettlaken für einen Überzug zu holen. Auf dem Weg dahin entdeckte ich eine Waage. Das mussten wir noch unbedingt erledigen, das Gewicht des Fahrzeugs. Ganz wichtig! Wie viel wiegt der nun mehr? Unsere Schätzung lag immer bei ca. 130 kg mehr als eine normale Limousine. Während ich mit dem Besitzer der Waage verhandelte, quietschte es ständig auf der Straße. Stefan und Alex prüften die Bremse.. Ich dacht nur: „Oh, mein Gott, die neuen Reifen!“ aber das müssen die aushalten.

Dann holten wir das Auto zur Waage und die Spannung stieg.

Er schob die Gegengewichte hin und her, bis wir das Ergebnis ablesen konnten:

1060 kg, also knapp über 1 Tonne. Das Leergewicht eines Tourist liegt bei 980 kg, also 80 kg mehr als ein Tourist und somit 140 kg mehr als eine Limousine. Das konnte sich sehen lassen. Genau in dem Rahmen, wie wir es immer geschätzt hatten. Wir waren zufrieden.

Zum Glück haben wir auf einen Wartburg Tourist aufgebaut und somit ein höheres zulässiges Gesamtgewicht als Grundlage. Denn dies ist entscheidend für die spätere Personenzulassung. Es bringt nichts ein Auto ewig lang zu machen, um dann schon im Leergewicht mehr zu wiegen, dass man keinen mehr zuladen kann. Denn das zulässige Gesamtgewicht ist immer davon abhängig, wie stabil die Fahrwerkskonstruktion einmal getestet wurde. Nur weil es länger ist, heißt das nicht, dass die Achsen mehr vertragen.

Allerdings gab es auch da früher schon Sicherheiten.

Dem Vollgutachten bei der Dekra stand jetzt nichts mehr im Weg. Der Termin 3. Juli war gerade mal noch eine Woche entfernt. Wir lagen also genau im Zeitplan.

 

Wartburg 353 Stretch des Allgemeinen Wartburgfahrerclub Eisenach (AWE)

Teil 14: Die Abnahme

 Da war er endlich, der lang ersehnte aber auch gefürchtete 3. Juli.

Natürlich brauchten wir uns keine Gedanken über unsere Arbeit machen, wenn es darum ging nach eigenem Gefühl zu denken, aber es kribbelt schon, wenn man so ein Projekt nun endgültig den Sachverständigen vorführt.

Eins vielleicht vorweg. Bevor man in Deutschland überhaupt anfängt irgendetwas zu bauen, was von der Norm abweicht, sollte man auf jeden Fall den Rat von Experten einholen.

So haben wir es auch gemacht. Joachim Bockris, Sachverständiger bei der Dekra in Eisenach, macht bei meinen Autos Hauptuntersuchungen und technische Abnahmen schon seit Jahren.

Ihr glaubt gar nicht, wie oft ich oder andere auch schon mit ihren Ideen abtreten durften, weil es technisch einfach nicht vertretbar gewesen wäre. Genauso war die erste Reaktion von ihm als ich mit dem Satz kam: „Wir wollen einen Wartburg strechen.“

Ich glaube seine Augen haben sich einmal im Kopf komplett rumgedreht und nicht nur geleiert, wie man so schön sagt. Der erste Satz war „Lasst die Finger davon!“.

Wir wären aber nicht wir, wenn wir da lockerlassen würden. Hatten wir doch schon Visionen und Ideen, die weiterreichten, als „wir wollen da mal was schrauben“.

 

Je mehr ich ins Detail ging und je mehr Achim darüber nachdachte, um so realer wurde der Gedanke ihn und seine Kollegen der Dekra als Betreuer zu gewinnen.

Man sollte vielleicht auch mal noch einen ganz anderen Aspekt hier nennen. Joachim Bockris ist derjenige, der damals als Ingenieur im AWE die Antragspapiere für das KTA der DDR erstellt hat, um für den Wartburg 1.3 eine Allgemeine Betriebserlaubnis zu bekommen. Er war derjenige, der mit anderen Kollegen den 1.3er überhaupt erstmal auf die Straße gebracht hat.

Wenn nicht er als Partner wer dann???

Kaum war er nach einigen Wochen der Nachforschung mit den ersten Recherchen fertig, kamen auch schon die Auflagen. Das so, das so, das so, das so auf keinen Fall, das geht gar nicht usw. Wir sprachen lange Zeit über viele Details. Jetzt war er in seinem Element. Er hatte Kontakte überall hin und schaffte über die ganze Bauphase, Kontakte zu alten Fachexperten, die ein Leben lang nichts anderes gemacht hatten und uns immer wertvolle Tipps gaben und auf die Finger schauten.

Na gut, will ich das mal nicht so endlos lang verfassen, aber zumindest mal im Ansatz das Gefühl vermitteln, was an so einer Geschichte dranhängt, wenn man etwas Legales und Sicheres bauen will.

Am 3. Juli fuhr ich früh mit Stefan los. Alleine schon dieses Mistgefühl mit dem Auto öffentlich auf der Straße zu fahren, wo einen jeder sieht. (Das ist doch mal ganz geheim oder?)

Na gut, nützt nix und die Reaktionen der anderen Verkehrsteilnehmer waren durchaus positiv.

Heimlich fuhren wir in Hessen auf die Autobahn, um nicht durch Eisenach zu müssen. Ziel war die Dekra in Gotha.

Da es sich bei dem Auto um einen kompletten Umbau handelt, wurde die Abnahme bei der Technischen Prüfstelle Dekra Gotha durch den Fachabteilungsleiter persönlich vorgenommen. Aber Achim stellte dazu im Hintergrund die Weichen und organisierte die entsprechenden Termine.

 

Enrico Martin

Alle Texte und Bilder mit freundlicher Genehmigung durch den Allgemeinen Wartburgfahrerclub Eisenach und Enrico Martin.

www.wartburgtreffen.de