Vom Handwerher - für Handwerker (Signale 39-60)

Rolf Ihling neben einem Wartburg Trans aus seiner Produktion

Rolf Ihling und seine Wartburg-Produktion

Wenn ich heutzutage in ein modernes Autohaus ginge, um mir einen passenden Kleintransporter auf PKW Niveau mit Ladefläche auszusuchen, würde ich sicher bei irgendeiner Marke mit meinen Vorstellungen fündig werden. Vermutlich würde es nur schwierig sein, das Armaturenbrett in Wurzelholzfurnier zu erhalten.

Vor 30 Jahren sah das noch anders aus. In Westeuropa gab es nur vereinzelt kleinere Pick-Up Transporter und in Osteuropa gab es dergleichen überhaupt nicht. Eigentlich braucht man sie auch nicht so recht, denn die zu erledigenden Transportaufgaben können ziemlich mühelos von der sogenannten VW-Bus Gattung übernommen werden.

 

In der Mangelwirtschaft der DDR war dagegen jedes Fahrzeug willkommen. Gerade die privaten Handwerksbetriebe hatten keine Möglichkeiten fabrikneue Betriebsfahrzeuge extra zu erwerben. Der B1000 war volkseigenen Betrieben vorbehalten und wurde zugeteilt. Es blieb nur die Möglichkeit, den über das sozialistische Bestellsystem zu erlangenden (Kombi) PKW für die betrieblichen Belange zu nutzen. Als Alternative blieben Gebrauchtfahrzeuge. Mit der Zeit fanden viele ausrangierte Framo-Transporter den Weg in private Hände und später auch einige Barkas. Meistens mußten diese erst wieder aufgebaut und fahrtüchtig gemacht werden.

 

Ein weiterer Ihling-TransDer Wartburg Trans sollte da ab 1983 die Lücken etwas schließen. Die Realität sah aber so aus, daß die Autos vornehmlich in den Export, hauptsächlich nach Ungarn, oder die verbliebenen Westmärkte gingen. Der DDR Handwerker bekam ihn nur, wenn die reiche Westverwandtschaft ein GENEX-Auto spendierte. Selbst die VEB oder PGH hatten keine Chance. Das wundert auch kaum, bei ca. 1000 produzierten Fahrzeugen im Jahr. Jürgen Lisse gibt in seinem Wartburg-Lexikon ca. 5300 Stück von 1983 – 89 vom Typ 353 und ca. 1100 von 1989 – 91 vom Typ 1.3 an. (Vom 311/12 Pick-Up wurden ca. 8155 Autos aller Varianten von 1956 – 66  gebaut.)

 

Viele, viele Geschichten ließen sich jetzt erzählen, wie mit dem Mangel umgegangen wurde. Geld war dabei zwar wichtig, noch wichtiger aber waren Beziehungen. Wer etwas Materielles wollte, mußte andererseits wieder etwas Materielles zu bieten haben. Aus Ersatzteilen wurden ganze Autos neu gebaut. Eine Garage und "goldene Hände" genügten dafür. So wurden aus totalen Schrottfahrzeugen Neue, denn die Papiere der Originalautos waren das Wichtigste. Es wurde von den Behörden kein tatsächlich vorhandener Wagen ohne gültigen KFZ-Brief des selben Typs zugelassen, um gerade den Neubau aus Ersatzteilen zu verhindern. Der Wiederaufbau eines einmal vorhandenen Teils war dagegen machbar. Eine neue Fahrgestellnummer, die sich ggf. ergab, wurde neu in den Brief eingetragen. Ein Klempnermeister aus unserer Stadt wußte sich mangels eines Briefes für seinen neu aufgebauten B1000 Pritsche folgendermaßen zu helfen: einen regulär zugelassenen B1000 hatte er bereits. So wurde der zweite optisch identisch gemacht und mit einem Zweitexemplar des Fahrzeugscheins betrieben, denn schließlich kann das Original mal verloren gehen und dann braucht man eben einen zweiten Schein .... Mein Vater ließ für unseren Betrieb Anfang der 80er Jahre einen schrottigen B1000 Kleinbus in einer VEB-Werkstatt, zu dessen Chef er gute Beziehungen geknüpft hatte, neu aufbauen. Das kostete lt. Rechnung doppelt so viel wie ein Neuwagen, sowie eine "inoffizielle Prämie" an Werkstattmeister und Belegschaft und bescherte uns eine Prüfung des Finanzamtes, weil der Betriebsgewinn durch die hohe Ausgabe in jenem Jahr gegen Null ging. Aber alles war rechtens. So entwickelten sich Geflechte, in denen man sich gegenseitig half und dem sozialistischen Mangel konspirativ entgegen wirkte. Je nach persönlicher politischer Einstellung unterstützten manche Mitarbeiter der unteren behördlichen Ebenen diese "Kreise". Das war nicht nur bei Fahrzeugen so, sondern auch bei Bauvorhaben oder der Materialbeschaffung für den gewöhnlichen Betriebsablauf. Sonnst wäre wohl die DDR-Wirtschaft schon einige Jahre früher am Abgrund gewesen.

 

Diese Erinnerungen werden alle wieder wach, wenn ich meinen grünen 353W Universaltransporter mit  vergrößerter, tiefergelegter Ladefläche und Plane betrachte.

 

Es ist ein Auto vom Handwerker für den Handwerker. Der Hersteller war eine Wartburg – Vertragswerkstatt aus Bad Salzungen, der Käufer ein Glaskristallschleifer aus Berlin, beides Privatbetriebe.

 

Wartburg 311 TransporterIm Sommer 2006 erhielt ich vom Erstbesitzer einen Anruf, ob Interesse an einem Wartburg-Transporter bestünde. Da ich es bis Berlin nicht so weit habe, sah ich mir das Auto an. Daß es sich um keinen gewöhnlichen Trans handelte, sah ich sofort.  Der Besitzer erzählte mir bereitwillig seine Geschichte und so erfuhr ich zum ersten Mal davon, daß es in Thüringen Jemanden gegeben hatte, der solche Autos in seiner Wartburg Werkstatt hergestellt hatte. Sein Name ist Rolf Ihling und er ist der Bruder von Horst Ihling, der das legendäre Werk: "Wie helfe ich mir selbst" für den Wartburg über mehr als zwei Jahrzehnte immer wieder neu verfaßt hat. Beide legen Wert darauf, nicht miteinander verwechselt zu werden. Nach kurzer Bedenkzeit sagte ich den Kauf zu und wurde im September 2006 Besitzer des Fahrzeugs. Nach Austausch des Zylinderkopfs, Überarbeitung der Bremsanlage und Schweißarbeiten an der Rahmenauflage des Fahrerhauses konnte ich zwei Monate später das Auto offiziell als LKW (macht steuerlich Sinn) zulassen.

 

Vermutlich fahre ich nun einen der letzten original erhaltenen Transporter dieses Typs. Einschließlich Fahrerhaus gleicht der Transporter dem originalen Trans. Das besondere ist die Ladefläche. Sie ist unter Verwendung der Transteile gegenüber dem Werkswagen um etwa 50 cm verlängert und um ca. 20 cm tiefer gelegt. Die Radkästen ragen daher in die Ladefläche hinein. Das ging nicht ohne eine Änderung des hinteren Rahmens, der völlig neu konstruiert wurde. Eine Starrachse an längs liegenden Trabantblattfedern nimmt die Hinterräder auf. Ein Barkastank wurde noch hinter der Hinterachse unter die Ladefläche gehängt. Die Auspuffanlage wurde etwas gekürzt und das Endrohr ragt seitlich vor der Hinterachse heraus. Ohne die Plane wirkt das Ganze etwas disproportioniert. Aber für schwere Teile ist die niedrige Ladekante ganz praktisch. Die zulässige Nutzmasse wird in den Papieren mit 300 kg angegeben und liegt damit überraschender Weise 100 kg unter der des Tourist und 150 kg des Trans. Im Fahrerhaus sitzt man etwas eng. Das liegt wohl in der Natur der Sache. 10 cm mehr Gehäuselänge täten der Sitzposition gut, aber das Problem werden die meisten der PKW-Pick-Up haben (z.B. Golf 1 Caddy). Eine Besonderheit ist die Firmenbeschriftung am Auto für den Berliner Kristallschleifermeister. Rolf Ihling ließ alle von ihm gebauten Autos für den Auftraggeber extra beschriften und das recht auffällig. An der Heckklappe wies der Schriftzug auf seine Firma hin: Wartburg RIS Universal, RIS für Rolf Ihling, Bad Salzungen. Die Schrift ist klassisch von einem Beherrscher dieser Kunst auf den Fahrzeuglack gemalt. Selbst das Stadtwappen von Bad Salzungen und das Landeswappen von Thüringen fehlen nicht, was damals schon ein kleiner Pieckser gegen das System war, denn die Länder gab es ja nicht und für Wappen hatte man auch nichts übrig.

 

Um mehr über die Firmengeschichte von Rolf Ihling zu erfahren, besuchte ich ihn im Juni 2008. Natürlich fuhr ich mit dem Transporter, der Besuch des Trabbitreffens in Zwickau und des Wartburg Treffens in Dornburg waren willkommene Anlässe für die weite Reise. Das Buch " DDR Automobil-Klassiker" von Eberhard Kittler hatte die Firma von Rolf Ihling bereits offiziell vorgestellt. Beim ersten Lesen war mir aber nicht bewußt geworden, welche besondere Handwerksgeschichte dort erzählt wurde. Erst mit meinem Auto erwachte mein Interesse.

 

Martins "Ihling"Es fällt mir nicht leicht, unsere Begegnung zu schildern. Rolf Ihling hatte sich zum Zeitpunkt meines Besuchs gerade erst von einem Schlaganfall erholt. Im Laufe unseres Gesprächs mußte ich dann erfahren, daß er nach der Wende mit einem Opel-Autohaus keinen wirtschaftlichen Erfolg erzielen konnte. Das hat ihn und seine Frau schwer getroffen. Zu anders waren die Wirtschaftsbedingungen nach der Wende in der ehemaligen DDR. Nun zählte nur noch das Geld, die alten Beziehungsgeflechte waren nicht mehr gefragt und brachen in sich zusammen. Gerade in der Grenznähe zu den alten Bundesländern kam hinzu, daß man dort vermeintlich alles viel billiger bekam und sehr viele Leute kauften ihre Autos in den westlichen Niederlassungen. Die Vertriebspolitik der Autokonzerne ließ den Händlern kaum Spielraum, oft waren die Folgen finanziellen Engagements kaum überschaubar. Und das von allen damals angenommene Wirtschaftwunder Ost fiel bekanntlich nicht so üppig aus. Ich kann diese Tragik nachvollziehen.

 

Leider besitzt Herr Ihling keine Unterlagen mehr aus der Zeit, in der er seine Wartburg Werkstatt führte. Aus seinen Erinnerungen heraus konnte er mir keine Stückzahlen der von ihm gebauten Transporter nennen, auch nicht, wann der Erste Wagen entstanden war und vielleicht aus welchem Anlaß. Gerade das hatte mich am meisten interessiert. So bleibt fest zu halten daß es von den speziellen, verlängerten Transportern eventuell 10 Stück pro Jahr ab Anfang der 80er Jahre waren und von den Werkstrans etwa 5 Stück. In der Regel wurden die Fahrzeuge auf ein altes Fahrgestell aufgebaut, daß der Kunde ein Form eines Gebrauchtfahrzeugs anliefern mußte.

 

An Hand der Fotoalben, die mir Herr Ihling zeigte und aus den Erzählungen läßt sich in etwa folgende Firmengeschichte beschreiben: schon mit 23 Jahren machte sich Rolf Ihling mit einer Autowerkstatt 1961 selbständig. Vielleicht stand der Vater Pate, der ein Taxi-Unternehmen besaß. Nebenher betrieb der junge Mann Motorsport. Nicht mit dem Auto, sondern mit Booten. Es gab damals, bis in die 70er hinein, eine aktive und erfolgreiche Szene. Zur Verwendung kamen hauptsächlich Boote mit Wartburg-Motoren. Aus dieser Zeit stammten seine guten Beziehungen zu Leuten im Eisenacher Wartburg Werk.

 

Foto aus dem Album von Rolf Ihling.Schon in den ersten Jahren baute er sich den ersten Abschleppwagen oder Transporter auf Basis eines 311er Wartburg mit doppelter Hinterachse. Ein Foto davon gibt es allerdings nicht. (Allerdings hat ein Freund von mir in den 90ern ein Fragment eines 311er Dreiachsers aus der Prignitz erworben, dessen Geschichte aber nicht mehr feststellbar war. Nur das Fahrerhaus fand noch Verwendung für den Neuaufbau eines 311er Pritschenwagens auf Normalrahmen.) Mitte der 70er Jahre erfolgte dann der Aufbau eines zweiten Abschleppwagens als 3-Achser auf Basis eines 353. Die hintere Doppelachse wurde unter Verwendung der Schraubenfederkonstruktion hergestellt. Daher war das Auto für seine Aufgaben eigentlich zu "weich", so daß zusätzliche Gummipuffer eingebaut wurden. Die Aufzugswinde wurde aus einer Ikarus-Lichtmaschine konstruiert. Dieses Fahrzeug nutzte Rolf Ihling ca. 10 Jahre lang, gab es dann an das Werk in Eisenach, daß es zu einem Rallye-Transporter umbaute. Danach schuf er eine verbesserte Konstruktion. Mit diesen Abschleppern fuhr er auch oft Fahrzeuge im Auftrag des Werkes Eisenach z.B. zu Werbefotoaufnahen für Prospekte und GENEX-Kataloge. In der Regel wurden sie natürlich zum Heim bringen liegen gebliebener Kundenfahrzeuge genutzt.

 

Ende der 70er Jahre muß dann der erste Transporter gebaut worden sein. Den Trans gab es noch nicht. Es kamen noch die Originalrahmen zum Einsatz, der Pritschenaufbau war eine Eigenkonstruktion aus Rechteckprofilen und eingefügten Glasfaserplatten als Bordwände. Das Fahrerhaus wurde von der Limousine abgeleitet und erhielt eine Rückwand aus Blechen. Es ähnelt aber schon sehr stark den späteren Trans-Kabinen. Wann die selbst konstruierten, verlängerten Rahmen zum Einsatz kamen, kann ich nur vermuten. Es dürfte kaum vor 1984 gewesen sein, da erst dann Trans-Teile zur Verfügung standen. Die Unterteile für die Pritschen wurden vom Kranbau Eberswalde gefertigt. Die Planen waren wohl schwierig zu beschaffen, daran konnte sich Herr Ihling erinnern. Da hatte er verschiedene Lieferanten. Lackiert wurde mit den handelsüblich verfügbaren Farben in Meiningen, wo vermutlich auch die Beschriftung aufgebracht wurde.

 

Martins "Ihling" vor der WartburgDie Fotos aus den Alben belegen, daß die meisten Autos in der Thüringischen Region geblieben sind. Nicht nur ein Klempnerbetrieb oder Wartburg Werkstätten waren seine Kunden, sondern auch Genossenschaften und sogar der Rat der Stadt Bad Salzungen. Besonders stolz ist Rolf Ihling auf einen von ihm gebauten Werkstattwagen mit Glasfaserplastgehäuse über der Pritsche. Das war ein staatlicher Auftrag, da man für eine Schießweltmeisterschaft in Suhl eine mobile Werkstatt benötigte. Für dieses Auto gab es ein LVO-Sondermaterialkontingent. LVO hieß abgekürzt nur Lieferverordnung. Doch solch ein LVO-Schein öffnete Türen zu sonst verschlossenen Material- oder Ersatzteilbeständen. In der Regel waren diese für die "gesellschaftlichen Bedarfsträger" wie NVA, Ministerium des Innern oder die Staatsbehörden reserviert. Dieser Gehäuseaufbau blieb ein Einzelstück und wurde später von Familie Ihling für Campingzwecke genutzt. Dabei entstand die Idee, einen richtigen Campingaufbau herzustellen. Die Zeichnung dafür gab es bereits, doch es kam nicht mehr dazu.

 

Die Behörde in Bad Salzungen sorgte unproblematisch für die Zulassung der Umbauten. Der potentielle Besitzer des Fahrzeugs mußte beim Rat des Kreises eine Umbaugenehmigung beantragen, die dann auch bewilligt wurde. Die Berliner brauchten dafür zwei Jahre und mehrere Sondergenehmigungen. Mein Auto ist 1987 gebaut worden und wurde erst 1989 im August regulär zugelassen. So lange lebte offiziell der Wartburg Tourist der Kristallschleiferei, mit dessen Papieren und einem Hilfsschein das Auto unter der alten Kennzeichennummer bewegt wurde. Für die Zulassung der Autos war eine generelle Typengenehmigung des Kraftfahrzeugtechnischen Amtes der DDR (KTA) nötig. Auch hier hatte Herr Ihling die entsprechenden Kontakte. Mit dem Militärverlag in Berlin verband Herr Ihling eine besondere Beziehung, die der Art war, daß von dort ausgesonderte Autos und auch Ersatzteile aus NVA-Beständen zu beschaffen waren. Dafür durfte der Militärverlag einen blauen Pritschenwagen aus dem Hause Ihling fahren.

 

In gewisser Weise hatte unter der manufakturhaften Transporterproduktion der Werkstattbetrieb zu leiden. Reparaturkunden waren ausgesucht und wurden immer weniger. Man hatte alle Hände voll mit der "Produktion" zu tun, was auch angenehmer war, als die oft in die Jahre gekommenen Altautos zu reparieren. Trotzdem wurden nebenher ebenfalls "Generalinstandsetzungen" an Serienfahrzeugen ausgeführt, was ja praktisch auch den Neubau von Autos bedeutete. Eine Zeit lang hat Frau Ihling im Keller des Wohnhauses sogar Schaltwellen oder Schaltgestänge für das Getriebe regeneriert. Auch wurden Motore aus der Schleiferei der Firma Richter aus Ilmenau für verschiedene Sport- und Rallyeautos in der Werkstatt zusammengebaut. Im Beziehungsgeflecht mit der in Ronneburg ansässigen Felgenfirma wurden die sogenannten ausgestellten Felgen mit der um 180 Grad gedrehten Radnabe geschweißt.

 

Es gelang Herrn Ihling auch sich aus dem Hause ROBOTRON die damals modernste Bürotechnik mit elektrischen Schreibmaschinen zu besorgen. In Spitzenzeiten hatte der Betrieb neun Mitarbeiter. Im Laufe der Zeit wurden 10 Lehrlinge ausgebildet und 5 Gesellen legten nach und nach ihre Meisterprüfung ab.

 

Auch verschiedene Ehrenämter nahm Rolf Ihling wahr. Eine Zeit lang war er Obermeister der KFZ Innung des Bezirkes Suhl. Dort existierte zur Ersatzteilversorgung der KFZ-Werkstätten auch eine Einkaufs- und Liefergenossenschaft (ELG), in deren Vorstand er ebenfalls tätig war. Das sicher nicht uneigennützig, den hier saß man direkt an der Ersatzteilquelle und lernte die maßgeblichen Leute in den Herstellerwerken kennen. Diese Liefergenossenschaften hatten größtenteils neben den staatlichen Handelseinrichtungen die Großhandelsfunktion für das Handwerk und waren auf Grund der genossenschaftlichen Struktur relativ eigenständig. Mein Vater war auch im Vorstand einer solchen Genossenschaft für das Elektrohandwerk und es gibt herrliche Geschichten, mit welchen Mitbringseln sich wo das benötigte Material den zuständigen Leuten in der volkseigenen Industrie aus dem Kreuz leiern ließ. Räucheraal öffnete die meisten Türen, Barbesuche mit einflußreichen Sekretärinnen erleichterten erheblich den Warenfluß. Rolf Ihling legte auch eine Prüfung zum Schweißtechnologen ab, um auch in diesem Bereich mit seinem Betrieb unabhängig zu sein.

 

Herr Ihling und sein KollektivNoch etwas besonderes hatte die Firma Ihling: eine junge KFZ-Meisterin, die den Betrieb einmal übernehmen sollte. Man kann sich eben nur wünschen, daß man einen Sohn haben möchte, die Natur entscheidet nicht danach. Ihr Meisterstück war ein aufwändig aufgebauter 353 mit "allen Schikanen", wie man damals so sagte. Das alles geschah auf einem relativ kleinen Grundstück in Mitten von Bad Salzungen, auf dem die Werkstattgebäude nach und nach für damalige Verhältnisse großzügig ausgebaut worden waren.

 

Ich bedaure es sehr, daß hier ein Stück Handwerks- und Wirtschftsgeschichte der DDR fast in Vergessenheit geraten ist. Transporter sind eben keine Sportwagen. Doch es zeigt sich, was alles ging, wenn Initiative ergriffen wurde und mit Bedacht die nötigen Beziehungen eingefädelt werden konnten.

 

"Es war gut, mal wieder über die alten Zeiten geplaudert zu haben." So verabschiedete mich Herr Ihling. Wir hatten vier Stunden zusammen gesessen und dabei nicht nur über die Autos, sondern auch über die Zeit als Handwerker in der DDR geredet, die ich ja im Betrieb meines Vaters noch einige Jahre mit erlebt hatte. Ich danke Herrn Ihling, daß er sich für mich so viel Zeit genommen hat. Ich durfte die Bilder aus seinen Alben abfotografieren, was mir allerdings nicht besonders qulitativ gelungen ist. Einige Fotos bekam ich auch geschenkt.

 

Wenn es möglich ist, würde ich die Geschichte der Firma Ihling gern noch weiter vervollständigen. Ansätze habe ich bereits. Auch die Geschichte meines Autos will ich später noch ausführlicher erzählen.