Vor 20 Jahren (Signale 38-59)

Martin Völz

1989 begann das Ende des ersten Arbeiter– und Bauernstaates auf deutschem Boden

«Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind»

So beschrieb Erich Honecker auf der Tagung des Thomas Münzer Komitees am 19. Januar 1989 seine Sicht auf die innenpolitische Situation der DDR. Wie Recht er hatte!

 

Ein Raunen ging durch die DDR: Da sich die Westeuropäischen Verhältnisse wohl nicht so schnell ändern würden, müsse man wohl nach Osten schauen: Also wurden die Bücher von Michael Gorbatschow, die es nicht zu kaufen gab, auf der Leipziger Buchmesse den Westverlagen weggeklaut. (Das war allerdings alte Tradition, schon Rolf Biermann hat in den 60er Jahren sich so seine Bibliothek ergänzt!)

 

Gruppen, die sich bereits, oft unter dem Dach der evangelischen Kirche in der DDR, gebildet hatten, formierten sich und dachten darüber nach, wie man zu den Kommunalwahlen am 07. Mai 1989 ein Zeichen gegen das etablierte SED-System setzen könnte. Bei den öffentlichen Auszählungen nach der Wahl kamen die Funktionäre in Bedrängnis: plötzlich interessierten sich DDR-Bürger für Wahlergebnisse! So ließen sich diverse Ungereimtheiten bezeugen, wenn auch nicht veröffentlichen. Das offizielle Ergebnis: für den Wahlvorschlag der nationalen Front stimmten 98,85% der Wahlberechtigten. Wir haben uns damals gefragt, wie man überhaupt eine gültige Gegenstimme gegen den Wahlvorschlag macht? Niemand wusste das so recht. Am sichersten war es wohl, alle Kandidaten einzeln durchzustreichen, die dort namentlich aufgeführt waren. Man war entsetzt: warum wollte die SED die Zeichen für den Unmut ihres Volkes nicht erkennen?

 

Die Quittung bekam sie mit dem Massenansturm auf die Westdeutschen Botschaften in den Hauptstädten Polens, der Tschechoslowakei und Ungarns mit Beginn der Urlaubsreisewelle in den Sommerferien 1989. Raus aus der DDR – das war die Alternative, die viele nur noch sahen. Der Kronprinz Erich Honeckers, Egon Krenz, hatte kurz zuvor im Juni die blutige Niederschlagung einer Oppositionsgruppe in Peking mit den Worten: es sei "etwas getan worden, um die Ordnung wiederherzustellen" als gut dargestellt.

 

Schon seit Mai 1989 trafen sich in der Leipziger Nikolaikirche vorwiegend junge Leute zu Friedensgebeten. Am 04. September entwickelte sich am Anschluss daran die erste größere Demonstration mit etwa 1000 Leuten.

 

Am 11. September 1989 öffnete sich dann erstmals der Eiserne Vorhang: Die Regierung Ungarns schaffte Schießbefehl und Kontrollen ab und Tausende DDR-Bürger, die darauf schon wochenlang vor Ort gewartet hatten, konnten ungehindert in den Westen strömen.

 

Wären wir eine Woche länger im Urlaub geblieben, hätten wir das auch gekonnt. Mit dem roten Wartburg Kombi-Camping waren wir zu dieser Zeit mit einem befreundeten Paar dort. Unsere kleinen Kinder hatten wir bei den Großeltern gelassen. Wir haben das österreichische Radio gehört. Wann würde die Grenze fallen? Es konnte jeden Tag passieren. Hätte man uns nach einem Abstecher nach Wien wieder zurück gelassen? Alles war ungewiss und spannend. Bei unsere Einreise in die DDR bekamen wir keinen Blumenstrauß, die immer mürrischen Grenzer ließen uns teilnahmslos passieren.

 

Am 30. September verkündet Hans Dietrich Genscher den Menschen in der Westdeutschen Prager Botschaft: "... dass heute Ihre Ausreise..." genehmigt wurde. Ein unbeschreiblicher Jubel.

 

Ende September: immer größere Montagsdemonstrationen in Leipzig und Berlin. Die SED feierte am 07. Oktober ihren 40. DDR-Geburtstag im Palast der Republik, draußen die Menschen, die nach Veränderung rufen. Dann, Montag den 09. Oktober in Leipzig: 100.000 Menschen demonstrieren unter der Losung "Wir sind das Volk". Die Staatsmacht ist ohnmächtig. Es wird nicht gewaltsam eingegriffen. Es wird nicht geschossen. Die alte DDR war einmal.

 

Die Maueröffnung am 09. November ist der emotionale Höhepunkt vom Ende der DDR. Die Genossen haben es vergeigt. Kaum Einer kann das Glück fassen.

 

Es war eine irre Zeit. Nichts blieb mehr wie es war. Alles veränderte sich rasend schnell. Niemand kannte den Weg in die Zukunft. Allenfalls Ahnungen gingen in den Köpfen umher. Mehr Fragen als Antworten.

Schon bald wurde der Ruf nach Freiheit von der Gier nach dem Westgeld ersetzt. Dann war der Weg vorgezeichnet und der Preis dafür zu zahlen. Hoffnungen wichen Enttäuschungen. Im Leben, dass in gewohnten Gleisen lief, gab es nun plötzlich Weichen. Selbstbestimmung, Initiative und Entscheidung waren gefragt. Das hatte kaum Jemand gelernt.

 

Trotzdem: es war ein Aufbruch zu neuen Ufern. Und viele, viele sind angekommen.

 

Mir hat nicht zuletzt mein Hobby dabei geholfen. Warum ich gerade Wartburg-Autos mag, kann ich ebenso wenig erklären, wie, warum ich gerade eine bestimmte Frau liebe, das ist nun mal so. Doch nicht nur das Ding mit der glänzenden Blechkarosse und den vier Rädern dran erfreut mich, sondern viel mehr die Freunde, die ich in West und Ost dadurch gefunden habe. Unsere Begegnungen und Gespräche, die gemeinsam gelebte Freude macht mir das Hobby erst richtig wertvoll.

 

Das wünsche ich mir und allen für das kommende Jahr. Die Autos für das Auge und die Freunde für das Herz.

 

Es grüßt Euer Martin Völz