Fahrzeuglexikon Wartburg (Signale 38-59)

Umschlagfoto

Wer immer schon mal wissen wollte, wie das Auto, dessen Daten in seinem Kfz-Brief nachzulesen sind, einmal wirklich aussah, und welcher Motor nebst Vergaser tatsächlich einst für Vortrieb sorgte, sollte sich das "Fahrzeuglexikon Wartburg" gönnen.

Endlich wird der tausendfachen mündlichen Überlieferung, was damals echt original war, eine ausführliche schriftliche Dokumentation entgegen gesetzt. Der Autor Jürgen Lisse hat sich ordentlich  Arbeit gemacht.

 

Leider kenne ich ihn nicht, so kann ich nicht beurteilen, welch umfangreiches Vorwissen er aus eigenem Erleben hat. Vieles muss aber aus dem Archiv neu recherchiert sein. Eine Zusammenstellung der vielen Fakten aus der zugänglichen zeitgenössischen und später erschienenen Literatur war so nicht möglich.

 

Nehmen wir einmal an, ein junger Wartburg-Enthusiast kauft sich eine 1958er weinrote 311er Limousine mit weißem Dach von einem Rentner, der sein Hobby aus Altersgründen aufgibt. Das Auto macht einen soliden Eindruck und ist auch nicht so teuer. Nach einiger Zeit beschließt der Neubesitzer das Fahrzeug neu auf zu bauen, da sich im Blech kleine Macken zeigen und der Wagen auch nicht mehr "so richtig läuft". Um alles richtig zu machen vertieft er sich in die Historie und muss feststellen, dass ein Motor mit 1000ccm Hubraum damals eigentlich nicht verbaut war und obendrein der Motorblock dem des Kumpels mit dem 353er verblüffend ähnelt... Die Scheibenwischer funktionieren zwar gegenläufig und damit passend zum Baujahr, doch die Innenverkleidungen der Türen sind leicht wellig mit Plastiküberzug. Die Kofferraumklappe ist mit einem Schloss von außen zu öffnen. Dafür fehlen auf der Motorhaube die Wartburg-Buchstaben. Im Kofferraum findet sich ein Ersatzrad, dessen Felge anders ist, als bei den montierten Rädern.

 

Dieser Wartburg-Freund hätte Glück, denn sein Auto hat wahrscheinlich noch soviel Originalsubstanz, dass es sich baujahrsgerecht wieder herstellen ließe. Meinen roten Camping dagegen müsste ich in eine Limousine in hellgrau zurückverwandeln.

 

Ohne jeglichen Textteil zur Wartburg-Automobilgeschichte findet man im ganzen Buch "nur" tabellarische Auflistungen. Sie sind gegliedert in: Geschichte des F9 über den Wartburg 311, Wartburg 353 bis zum Wartburg 1.3. Über alle Baujahre werden sämtliche Veränderungen und Weiterentwicklungen an den Fahrzeugmodellen aufgelistet. Daran anschließend werden erst die Motoren- und dann die Getriebetypen aufgezählt. Farbgebung, Polsterung und  Innenausstattung und sind in einem weiteren Kapitel beschrieben. Den Abschluss bilden die Fahrgestellnummern, ebenfalls nach Baujahr und Typ angegeben. Ganz am Schluss erfährt man noch kurz, was die Westverwandtschaft aus dem Hause DKW – Auto-Union zu bieten hatte. Diese Einteilung macht das Buch übersichtlicher, wenn man das Spezielle über das jeweils gesuchte Baujahr nachlesen möchte. Nur nach Baujahren geordnet wären alle Angaben wahrscheinlich zu verworren.

 

Leider konnte Herr Lisse in seinem Buch die genaue Herkunft des 3-Zylinder Zweitakt Motors nicht klären, es findet sich nur der Hinweis, dass er bereits 1933 als Bordaggregat für größere Flugzeuge in den DKW Werkslisten auftaucht. Da es soweit in die Vergangenheit zurück geht, liest sich die Geschichte des F9 recht spannend und beleuchtet nebenbei den schwierigen Anfang des Wartburg- Vorgängers nach 1945.

 

Etwas System versucht der Autor in die Modellreihe des Wartburg 312 zu bringen. Zu Beginn des Einsatzes des 1000ccm Motors bezeichnete das Eisenacher Werk dieses Fahrzeug selbst mit dieser Ziffernfolge, ging dann später aber zur Bezeichnung 311-1000 über. Im Lexikon wird die Bezeichnung 312 für den 311er mit 1000ccm Motor konsequent durchgehalten und klar zum 312/1 abgegrenzt. Dies war ja bekanntlich der sogenannte Zwitter mit der leicht modifizierten Karosse des alten Wagens mit dem schraubengefederten Fahrgestell des Nachfolgers.

 

Natürlich finden sich auch ein paar Lücken und Unklarheiten. So erfährt man im Kapitel der Modelljahrhistorie nicht, dass nach der Einstellung der Produktion der Limousine 312/1 im Juni 1966 die Typen Kombi und Camping bis September 1967 produziert werden. Der unwissende Leser wird sich vermutlich wundern, was denn da noch hergestellt wurde. Interessant dagegen zu erfahren, dass es die ersten Prototypen für den 353 schon 1964 gab. Die für den Wartburg 353 angegebene und im Bild gezeigte Sonderwunschausstattung Scheinwerferwaschanlage wird man vermutlich in der Wirklichkeit vergeblich suchen. Recht interessant dagegen ist die Angabe, wann die Ersatzteilversorgung für die verschiedenen Modelle ausgelaufen ist. Sehr ausführlich werden auch die Prototypen und Entwicklungen beschrieben, die nie in die Serienproduktion überführt wurden. Das gilt für Fahrzeuge ebenso wie für Motoren und Getriebe. Für den Restaurator ist das ein Nebenkapitel, für den Historiker äußerst aufschlussreich. Selbst dem Wartburg "Melkus" ist ein Kapitel gewidmet. Ein paar genauere Angaben hätte ich mir zu den unterschiedlichen Kupplungstypen gewünscht. Nach den Angaben im Motor- und Getriebekapitel kann ich noch nicht alle Kupplungsscheiben und –Automaten, die sich in meinem Ersatzteilfundus befinden, passend zuordnen. Sehr dankenswert ist es, dass es Herrn Lisse gelungen ist, für alle Baujahre die damals ausgeführten Farbgebungen herauszufinden. Wie oft wurde darüber auf fast allen Treffen und Stammtischen orakelt! Für die Innenausstattungen liegen ebenfalls recht detaillierte Angaben vor. Natürlich steht man heute nun vor der Aufgabe, die Materialien und Farbnummern zu finden, die dem Original nahe kommen. Gerade bei Polsterstoffen dürfte es die größten Schwierigkeiten geben. Manchmal fehlt es auch an konkreten Angaben im Buch, z.B. wenn man über die Sitzpolsterung des 311 /12 Kombis Angaben sucht. Für den Wartburg 312/1 Camping fehlt z.B. auch die Farbangabe kaminrot-weiß, die ich in einem Kfz-Brief von 1967 belegt habe.

 

So bleibt für die Zukunft noch etwas Detailarbeit. Vielleicht kann in einiger Zeit eine überarbeitete Ausgabe des Lexikons herausgegeben werden. In seinem Vorwort bittet Herr Lisse ausdrücklich um Ergänzungen, die bitte konkret belegt werden sollten. Angaben nach dem Motto: habe ich mal da oder da gesehen oder von dem oder dem gehört nutzen leider nicht viel.

 

Recht zwiespältig ist für mich die Bebilderung des Buches. Die Abbildungen aus historischen Zeitschriften von Testberichten sind je älter um so interessanter, aber nicht immer vollständig. Ein kompletter Testbericht zu jedem Fahrzeugtyp bei den größeren Modelländerungen wäre wünschenswert. So könnte der Neuling in der Materie sein Fahrzeug historisch besser einordnen. Historische- und Archivaufnahmen geben Zeitgeist wieder, ebenso Abdrucke aus Prospekten. Bei den Bildern von restaurierten oder original erhaltenen Fahrzeugen scheint die Aufteilung im Buch oft recht willkürlich. Die Bildunterschriften liefern manchmal nichtssagende Informationen. Ich finde es nicht wichtig, wo und wann das jeweilige Foto aufgenommen wurde. Für ein Lexikon hätte ich mir Bilder mit entsprechender Betextung gewünscht, die die Angaben aus dem Schriftteil ergänzen und beispielhaft darstellen. In Ansätzen geschieht dies. Eine Innenaufnahme eines Wartburg 311 Kombi findet sich an passender Stelle im Kapitel Innenausstattung. Ein Werksbild einer Innenaufnahme einer 353er Limousine mit Knüppelschaltung der Modellreihe ab 1985 ist als Beleg dafür, dass schon in der ersten Hälfte der 70er Jahre Knüppelschaltungen angeboten wurden, etwas fehl am Platz. Hier hätte ein Baujahr getreues Bild hingehört. Schön wären auch Bildbeispiele für Lackiervarianten und Zierleistenverläufe. Bilder von getunten oder äußerlich veränderten Fahrzeugen sind als Auflockerung ganz nett, aber nicht unbedingt für ein Lexikon sinnvoll, das den Originalzustand der Fahrzeuge bei Auslieferung beschreibt.

 

Einen Wunsch hätte ich noch zum Schluss: Da es noch lange Zeit komplette Ersatzkarossen für den 311/12 gab, würde ich gern wissen, wo diese hergestellt und in welchen Ausstattungs- und Farbvarianten sie ausgeliefert wurden. Oft geschah das vermutlich in Vertragswerkstätten oder kleineren Karosseriebaubetrieben, aber vielleicht auch nebenher in irgend einem Werksteil. Wie war das Verhältnis von Komplettkarossen zu Rohkarossen? Wurde die Kombi – Camping Ersatzkarosserie ohne Faltdach zwischen den Heckscheiben auch als komplettes Fahrzeug ausgeliefert?  Vielleicht ließe sich auch wenigstens ansatzweise herausfinden, welche und wie viele Autos in den verschiedenen Karosseriewerken Halle, Dresden und Meerane gebaut wurden, denn manchmal tauchen Autos mit Typenschildern auf, die es so nicht geben dürfte. Ich besaß einmal eine 353er Limousine von 1967 mit einer Typisierung: 353/900. Demnach hätte das Fahrzeug ein Tourist sein müssen. Fahrgestellnummer und andere Merkmale machten das Fahrzeug aber authentisch.

 

So könnte man vermutlich noch einige Wünsche äußern. Fest steht: Jürgen Lisse hat eine umfangreiche Arbeit geleistet, die ungemein dazu beiträgt, die Substanz der bis in unsere Tage erhalten gebliebenen F9 und Wartburg zu pflegen und zu verbessern. Ich vermute, dieses Buch ist für so manchen Wartburg – Fan doch ein Anreiz, sein Fahrzeug nicht nur fahrfertig und mit glänzendem Lack neu her zu richten, sondern sich dabei auch um die historische Authentizität zu bemühen.

 

Eine nettes Bilderbuch über Wartburg Fahrzeuge hat uns Peter Kurze beschert. Aus seiner Reihe "bewegte Zeiten" erfreut uns das Werk "Wartburg 311 / 312  Ein Favorit seiner Klasse". Geordnet nach den Modelltypen Limousine, Coupé, Camping, Sport usw. finden sich vor allem zeitgenössische Aufnahmen und Prospekt- und Werksabbildungen. Der Autor konnte anscheinend eine Privat-Bildersammlung erwerben. Die oft in Erfurt aufgenommenen Fotos zeigen einen Teil des real existierenden Sozialismus in Schwarz-Weiß mit den darin vorkommenden Wartburg in den 50er und 60er Jahren. Wegen dieser Bilder gefällt mir das Buch. Die anderen Abbildungen sind in der Regel aus verschiedensten Veröffentlichungen bereits bekannt. Ein ideales Geschenk für Vater, Opa oder Onkel, der mal einen "alten Wartburg" hatte uns sich gern daran erinnert.

 


 

Jürgen Lisse

Fahrzeuglexikon Wartburg

Gebundene Ausgabe,

208 Seiten,

Verlag: Böttger (Juni 2007)

ISBN: 3937496203

Preis: 29,80€