Zu Zweiliter-Sechszylindern... (Signale 1976-S)

BMW 328

... und einem Trümmerfeld

 

Jene Eisenacher Automobilepoche gipfelte im charakterisierenden und berühmten Sportwagen, dem 80 PS leistenden 328. Wie mit zwei obenliegenden Nockenwellen, so sah der 328er Motor äußerlich aus.

 

MotorschnittAber die V-förmig hängenden Ventile wurden, wie beim Normalmotor, von einer untenliegenden Nockenwelle gesteuert.
Das Besondere lag jedoch in der Betätigung durch Stoßstangen und Kipphebel sowie horizontale Stoßstangen und Umlenkhebel.

Der so großartig gelungene und in der Öffentlichkeit treffend angekommene Dixi-Klein-wagen befand sich nicht lange in der Fabrikation — als Dixi jedenfalls nur bis 1929. Denn dann erschienen die gleichen Autos unter dem neuen Markenzeichen BMW und wurden unverändert noch bis Anfang 1931 gebaut. Anschließend folgte Weiterentwicklung um Weiterentwicklung, auch nach oben in der Hubraumskala, bis sich das Typenprogramm auf ein Sortiment hochqualifizierter Sechszylinderwagen der oberen Mittelklasse erstreckte, die alle eine ganz markant herausgearbeitete Charakteristik aufwiesen. Davon und dafür war das Modell 328, der bei Rennen überaus erfolgreiche und im normalen Fahrbetrieb voll taugliche sowie in größeren Stückzahlen hergestellte Gebrauchssportwagen, fast so etwas wie ein Statussymbol.

Während dieses Abschnittes im Eisenacher Automobilbau wurden tatsächlich abermals kennzeichnende Marksteine automobiltechnischer Entwicklung gesetzt. Das gilt für die Konstruktion ebenso wie für Fertigungsprinzipien. Hier in Eisenach wurde damals der Markenbegriff für BMW-Automobile und deren spezifisches Image herausgearbeitet. Fest steht aber auch, daß in diesem Abschnitt alle Delikte kapitalistischer Ausbeutungspraktiken und faschistischer Diktatur verschärft in Erscheinung traten. Das Markenzeichen BMW für Eisenacher Automobile dokumentierte also ebenfalls eine Vergangenheit, die im Werk längst überwunden ist.

BMW 3/15Man sollte deshalb nicht allein die gewiß faszinierende technische Entwicklung sehen, wie sie — gleichsam als ein automobiles Denkmal — im Eisenacher Ausstellungspavillon der Sportwagen 328 zum Ausdruck bringt.

1929 erreichte die Wirtschaftskrise volle Wucht und erschütterte besonders die anfällige Kraftfahrzeugindustrie. Ausländische Konkurrenten gewannen an Boden, und das nordamerikanische Monopolkapital griff nach deutschen Werken. Opel ging in den Besitz des General-Motor-Konzerns. Schapiro geriet in finanzielle Schwierigkeiten und stieß das Eisenacher Werk an die Bayerische Motoren Werke AG ab. Kurz darauf versuchte BMW, die Fabrik wieder an Ford zu verkaufen, Ford jedoch begann deutsche Automobilproduktion in Köln. Die kapitalistische Konzentration in der deutschen Kraftfahrzeugindustrie wurde vorangetrieben und vom Staat unterstützt. Namhafte Firmen gingen unter, und es behaupteten sich die Konzerne mit dem mächtigsten Kapitalrück halt, so die aus Audi, DKW, Horch und Wanderer gebildete Auto Union mit der Sächsischen Staatsbank im Rücken, Adler seitens der Dresdener Bank und die von der Deutschen Bank kontrollierten Unternehmen Daimler-Benz und BMW. Der Konzentrationsprozeß fand 1933 in einer Monopolvereinbarung einen vorläufigen Abschluß.

BMW Kabriolett mit 45 PSInzwischen hatte das Eisenacher Werk das letzte Dixi-Modell, den 750-cm³-Kleinwagen, als erstes BMW-Automobil gebaut (die Bayerische Motoren Werke AG fabrizierte bis dahin Flugmotoren und Motorräder). Noch im gleichen Jahr, 1929, erzielten diese kleinen Eisenacher Wagen gegen weit stärkere Automobile mit der Erringung des Alpenpokals bei der Int. Alpenfahrt einen geradezu sensationellen Erfolg und erhärteten damit die großartige Gebrauchstüchtigkeit dieses Modells. Ein modifizierter Sportwagen des Typs, zweisitzig und 105 km/h schnell, erhielt die Bezeichnung „Wartburg".

Dann wurde die Entwicklung zu größeren Automobilen forciert. 1932 erschien ein 20 PS leistender 800-cm³-Vierzylinder mit Zentralrahmen und von Querblattfedern abgefederten Rädern, also mit Schwingachsen vorn und hinten. Diesem Wagen schloß sich 1933 gleich das Modell 303 an, mit dem bereits das Konstruktionsprofil einer ganz neuen Reihe Eisenacher Automobile erkennbar wurde. Der 303 war relativ geräumig und mit 650 kg Eigenmasse doch leicht. Seine noch kantige Karosserie trug schon ein fortan typisches „Kühlergesicht". Ein neues Fahrgestell mit Einzelradaufhängung vorn und hinterer Starrachse, mit Zahnstangenlenkung und Zentralschmierung wurde zur Basis für die Folgemodelle bis hinauf zum Sportwagen 328. Und der 303 war, mit 1,2 Liter Hubraum nur, der erste BMW-Sechszylinder.

Dem 30 PS leistenden 1173-cm³-Sechszylin-derwagen 303 folgten, neben dem 845-cm³- Vierzylinder 309, ab 1934 der SechszylinderTyp 315 mit 1490 cm3 Hubraum und 34 PS Leistung bei 4000 U/min sowie 1936 der Typ 319, dessen 1911-cm³-Sechszylindermotor bei 3750 U/min 45 PS leistete.

zerstörte Werkhalle 19451936/37 markierten sodann der zweitürige Typ 320 und der viertürige 326 nun Form, Technik — mit 1971-cm³-Sechszylindermotor, Bohrung/Hub 66/96 mm, Tiefbettkastenrahmen, vorn Einzelradaufhängung und Querblattfeder, hinten starre Achse an Längsblattfedern geführt —und den Standard der Eisenacher Automobilkonzeption. Zum Gesamtniveau hieß es in einem Testbericht der „Allgemeinen Automobil-Zeitung" von 1936: „Zusammenfassend kann gesagt werden, daß hier ein Fahrzeug der Mittelklasse entworfen ist, das die Grenze des Vollkommenen nahezu erreicht. Darunter ist nicht nur der hohe Stand aller technischen Einzelheiten zu verstehen, sondern auch ihr Zusammenwirken zu einem geschlossenen, ausgeglichenen Ganzen."

Vervollständigt wurde das Eisenacher Typenprogramm derart eindrucksvoller Zweiliter-Sechszylinderautomobile 1937 durch die sportlichen 2/2-sitzigen Coupé- und Kabriolettausführungen 327 und den aufsehenerregender Sportwagen 328, der sofort bei Wettbewerben in ganz Europa zum damals erfolgreichsten Fahrzeug dieser Kategorie hochstieß. 1938 begann der 321 in Angleichung an die Parallelmodelle den Zwischentyp 320 abzulösen.

1939 erschien schließlich noch der große BMW-Sechszylindertyp 335 mit einem bei 3500

16 U/min 90 PS leistenden 3485-cm³-Motor und 145 km/h Höchstgeschwindigkeit.

große Zerstörung im BMW-Werk EisenachZieht man die technischen Daten, Konstruktion, Eigenschaften und die allgemeinen Einschätzungen jener Eisenacher Wagen in Betracht, so ergibt sich daraus sowohl eine Analyse zu Eisenacher Baupraktiken als auch deren Wertung in der gesamten Automobilentwicklung. Während der dreißiger Jahre wurde, so läßt sich formulieren, die klassische Bauart des Automobils abgeschlossen. Während dieses Vervollkommnungsprozesses prägte der Eisenacher Automobilbau mit den letzten Vorkriegsmodellen eine ganz bestimmte Tendenz heraus. Es wurde konstruktiv maßgebend der qualifizierte leichte Mittelklassewagen mit sportlicher Note erarbeitet, dessen funktionstüchtiges Fahrwerk eine hervorragende Ausnutzung hochentwickelter Motorleistungen ermöglichte. Zugleich erfolgte auch in Herstellungspraktiken sowie Stückzahl- und Kostenrelationen die Einordnung zwischen teure Luxusfahrzeuge und Durchschnittswagen damaliger Massenproduktion. Auch in der Karosserieform wurde ein unverwechselbarer Stil her-ausgearbeitet.

1940 statuierte der 328 mit dem Gesamtsieg bei der Mille Miglia noch ein Exempel für die Qualifikationen und Leistungen der Eisenacher Facharbeiter, Techniker und Ingenieure während jener Ära im Eisenacher Automobilbau.

1941 lief die Herstellung der damals so epochemachenden Personenkraftwagen aus.

 

Das Kapital und mit ihnen der BMW-Konzern hatten mit dem Hitlerfaschismus paktiert. Die Teilhaber trieben an zu Rüstungsproduktion großen Ausmaßes, zur Herstellung von Motoren und Triebwerksverkleidungen für Flugzeuge der faschistischen Wehrmacht. Noch wenige Monate vor Kriegsende forderte BMW von Göring 60 Millionen Reichsmark — und kassierte sie auch. Am Ende des zweiten Weltkrieges waren die Werksanlagen zu mehr als 60 Prozent zerstört und lagen in Schutt und Asche. In ausgebrannten Werkhallen, unter Trümmern und abgedeckten
Dächern rosteten Maschinen und Werkzeuge.

 

 


Titelbild: BMW 328

Bild 1: Schnittzeichnung eines BMW-Triebwerks der 1930er Jahre

Bild 2: Das war der in Eisenach gebaute erste BMW, der als Dixi mit dem neuen Markenzeichen versehene 3/15-PS-Wagen von 1929.

Bild 3: Viertürige Kabriolettausführung in der Mo­dellreihe mit 45 PS leistendem 1971-cm³-Sechszylindermotor.

Bild 4 und 5: Durch Bombardierung war das Eisenacher Werk zu mehr als 60% zerstört.