Das Auto... (Signale 1976-S)

Dampfmobil

...zwischen Traum und Taten

Jahrtausende schon dachte der Mensch in seiner Entwicklung an schnellere und bequemere Fortbewegung. Er hatte dafür viele Gründe. Der Mensch spannte Tiere ein und setzte Segel.

Doch die Verwirklichung des von selbst fahrenden Wagens blieb lange aus und geriet erst in greifbare Nähe mit der Entdeckung geeigneter Antriebsquellen. Der Verbrennungsmotor brachte dann den entscheidenden Schritt. Heute vervielfältigt moderne Industrieproduktion die unübertroffenen Vorzüge des Automobils.

 

Aber bis dahin war es ein langer und weiter Weg.

Der rollende und von Pferden gezogene Wagen — ein inzwischen über 4000 Jahre altes Gefährt — stellte eine Entdeckung dar. Mit Antrieb durch Muskelkraft, auch der von Menschen, womit Hautsch 1649 und Farfler 1655 ihre mechanischen Wagen bewegten, war man jedoch von einer Lösung weit entfernt.

 

Noch fehlte zum Wagen der Motor.

Erste Entdeckungen dazu machte der Magdeburger Bürgermeister Otto von Guericke 1661. Dessen Untersuchungen über Vakuum brachten Ansätze, daß Arbeitsleistung durch Spannung eines Gases erreichbar sei. So ist auch der atmosphärische Pulvermotor von Christiaan Huygens aus dem Jahre 1673 als Vorläufer der Verbrennungskraftmaschine zu werten. Hundert Jahre später gelang durch die Arbeiten von Savery, Newcomen und James Watt die Verwirklichung der Dampfmaschine, die umwälzende Einflüsse auf die Entwicklung von Gewerbe, Industrie und Verkehrswesen ausübte und in Ablösung von Muskelkraft das erste Fahrzeugantriebsaggregat ergab. Der Dampfwagen von Cugnot war 1769 der Anfang der Vorgeschichte des Automobils.

 

Die anschließend gebauten Dampfwagen bildeten jedoch keine Alternative zu der im Landtransport viel rationelleren Eisenbahn. Dampfkraft erfüllte nur bedingt die Forderungen beim Antrieb von selbstfahrenden Wagen auf der Straße. Da kamen erneut, wie bei der Dampfmaschine, Anstöße aus dem Bereich der materiellen Produktion. 1859 baute Lenoir in Paris einen Motor, in dem Luft durch Verbrennung von Gas ausgedehnt wurde. Auf dieses Prinzip stützte sich Nikolaus August Otto und schuf den wirtschaftlich arbeitenden stationären Verbrennungsmotor. Der Viertaktmotor wurde Otto 1876 patentiert. Die Weiterentwicklung zum schnellaufenden kleinen und leichten Motor erfolgte durch Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Sie bauten 1885 den ersten spezifischen Fahrzeugmotor. Zu gleicher Zeit befaßte sich Carl Benz mit der Herstellung eines Motorwagens im Ganzen und erhielt 1886 das Patent für dieses Fahrzeug. Es war der „Patent-Motorwagen", das erste Automobil der Welt.

 

Benz Petrolium-ReitwagenMit der Erfindung selbst und einem ersten Baumuster war jedoch bei weitem nicht alles getan.

Trotz aller vorhergegangenen und fortwährenden Träume vom selbstfahrenden Wagen blieb das entstandene Automobil zunächst unbeachtet. Behaftet mit einer Vielzahl von Unzulänglichkeiten schienen die vereinzelten Motorwagen kaum in der Lage, jemals mit Pferdegespannen konkurrieren zu können, und es dauerte fast ein weiteres ganzes Jahrzehnt, ehe die motorisierten „Wagen ohne Pferde" bei der 1894 von einer französischen Zeitung veranstalteten Wettfahrt von Paris nach Rouen Aufsehen erregten. Gesellschaftliche Hintergründe, lohnendere Profite in anderen Fabrikationszweigen, rückständige Straßenverhältnisse, Ablehnung und Vorurteile hemmten vorläufig die Verbreitung des Automobils. Neben der Verbesserung des Antriebsaggregats galt es, geeignete Fahrgestelle zu schaffen. Lange blieb der Kraftwagen am Kutsche-Vorbild stecken, und dauernd bedurfte es konstruktiver Pionierleistungen, um zu einer eigenständigen Konzeption des Automobils zu gelangen. Daneben wurde erst mit serienmäßiger Herstellung, wenn auch in einer Art handwerklicher Fabrikation und zunächst geringen Stückzahlen, die Motorisierung des Straßenverkehrs eingeleitet.

 

Seit jener Zeit, als das Auto sozusagen die  ersten Schritte laufen lernte, hat der Eisenacher Automobilbau vieles beigetragen zu einer Entwicklung und dem Wachstumsprozeß, dessen Ausmaß noch vor wenigen Jahrzehnten kaum jemand abzusehen vermochte.

 

Das Automobil ist heute weltweit und massenhaft das Individualverkehrsmittel, und wohl kein anderes Industrieerzeugnis ist so populär und von so großer Bedeutung im persönlichen Leben der Menschen und auf gesellschaftlichen Ebenen. Diese gravierende Tatsache hat jedoch höhere Ansprüche und neue Forderungen ausgelöst. Die Skala reicht, auszugsweise, von optimierter Sicherheit über weiter verbesserte Gebrauchswerteigenschaften bis zu gesteigerter ökonomischer Effektivität im Anwenderbereich wie in der Volkswirtschaft. Wie nun die Lösung der erwachsenen Probleme insgesamt erfolgt, das ist maßgebend für das Automobil von heute und morgen.

 


1661 Otto von Guericke beweist, daß ein Vakuum und damit Kraftwirkung erreicht werden kann.

1673 Christiaan Huygens baut' eine Verbrennungskraftmaschine, den Pulvermotor.

1859 Jean Etienne Lenoir entwickelt den mit Leuchtgas betriebenen Motor.

1876 Nikolaus August Otto erhält das Patent auf den von ihm entwickelten Viertaktmotor.

1885 Gottlieb Daimler u, Wilhelm Maybach schaffen den leichten schnellaufenden Benzinmotor.


 

Titelbild: Dampfkraftwagen

Bild 1: Petrolium-Reitwagen