Es begann mit 3,5 PS (Signale 1976-S)

Wartburg Motorwagen (1898)

1896

Der interessierte Besucher, nach unmittelbarer Begegnung mit originalen Zeugen einer bedeutungsvollen Entwicklung trachtend und auch nach Informationen, dieser Besucher im Ausstellungspavillon Eisenacher Automobile trifft dort gleich links vom Eingang zuerst auf einen jener historischen Wartburgwagen aus der Zeit vor der Jahrhundertwende.

Am 3. Dezember 1896 hatte ein Bankenkonsortium die Fahrzeugfabrik Eisenach AG gegründet. Aufwendungen und Erträge, Aktienanteile und Dividenden standen zur Debatte. Die Vorstellungen eines bezeichnenden Kaiserzeit-Bildes vom deutschen Imperialismus in der Allianz von Junkertum und Großkapital rundet sich, wenn man erfährt, daß den Vorsitz damals der Geheime Baurat Ing. Heinrich Ehrhardt führte, dessen Konzern nächst Krupp größter deutscher Heereslieferant war. Die Fahrzeugfabrik Eisenach fertigte Geschützwagen, Protzen, Lafetten, Feldküchen und Fahrräder.

Und hinzu kamen Automobile.

 

Die Fahrzeugfabrik Eisenach baute, nach Benz in Mannheim und Daimler in Cannstatt, als drittes deutsches Unternehmen Kraftwagen.

Den Entschluß dazu bestimmten vorrangig kommerzielle Überlegungen, und um rasch zum Zuge zu gelangen, wurde anfangs auch keine zeitraubende und kostenaufwendige Eigenkonstruktion vorgenommen. Das Unternehmen schloß vielmehr ein Lizenzabkommen mit der Firma Decauville in Frankreich ab. Dort war der Kraftwagen in seiner Entwicklung schon etwas weiter vorangekommen als in Deutschland. Die Firma Decauville baute damals einen leichten Kraftwagen, der von einem Motor der Bauart De Dion angetrieben wurde. Dieser Wagen ergab das Vorbild für die ersten Auto- mobile der Fahrzeugfabrik Eisenach.

 

Zu dieser Zeit kannte man freilich die Bezeichnung Automobil noch nicht. Daher — in Anlehnung an die unverkennbare Ähnlichkeit mit der Pferdekutsche — nannte man die Erzeugnisse der Fahrzeugfabrik „Kutschierwagen". Ihr eigentlicher Name lautete: Wartburg-Motorwagen.

 

Der Wartburg-Motorwagen Modell 1 war mit diesem luftgekühlten Zweizylindermotor ausgerüstet.1898 wurden bereits zwei Modelle gebaut, die sich von ihren Motoren her unterschieden.

Das Modell 1, direkt vom Decauville-Baumuster abgeleitet, besaß einen luftgekühlten „Benzin-Zwillingsmotor", das heißt, der Motor war aus zwei einzylindrigen Motoren zusammengesetzt. Dieses Triebwerk befand sich mit einem Zweiganggetriebe direkt an der Hinterachse des Wagens. Das gleiche Fahrgestell und den gleichen Aufbau hatte das Modell 2, das in Herstellung und Verbreitung größere Bedeutung erlangte und deshalb allgemein als der erste Wartburg-Motorwagen in die Automobilgeschichte Einzug hielt. Sein Motor war ebenfalls ein Zweizylinder, jedoch wassergekühlt durch einen Schlangenrohrkühler vorn am Wagen und mit dem größeren Hubraum von 764 cm³, statt 479 cm³ des ca. 3,5 PS leistenden luftgekühlten Motors. Die Leistung betrug 5 PS bei 1000 U/min und wurde über ein Dreiganggetriebe auf die starre Hinterachse übertragen. Hinten hing der offene, zweisitzige Kutschwagenaufbau mit Stahlrohrrahmen weich in weit nach oben geschwungenen C-Blattfedern, vorn übernahm eine querliegende Blattfeder die Federung. Das Fahrtempo des Wagens betrug etwa 40 km/h — das war für damals sehr beträchtlich.

 

Schon vor der Jahrhundertwende erzielten Wartburg-Motorwagen, bei denen sich die Fabrik mehr und mehr vom Kopieren der Decauville-Konstruktion löste und noch während des Lizenzvertrages eigene Verbesserungen einführte, auf Ausstellungen und in Wettbewerben 22 Goldmedaillen und Erste Preise.

 

Was den Wartburg-Motorwagen sehr schnell hervorragenden Ruf einbrachte, waren die erstklassigen Eigenschaften der Konstruktion, die Leistungsfähigkeit und Gebrauchstüchtigkeit, die Präzision und Solidität in der Herstellung. Wartburg-Motorwagen wurden daher bevorzugt angeschafft und zählten bald zu den damals meistgefahrenen Wagen in Deutschland. Bemerkenswert ist auch noch, daß Wartburg-Motorwagen schon nach England und unter dem Namen „Cosmobile" nach Nordamerika verkauft wurden.

 

Es ist ferner bezeichnend, daß Eisenacher Wagen sogleich zu Rennen antraten und da ausgezeichnet abschnitten. Sogar mit einem eigens gebauten Rennwagen wartete die Fahrzeugfabrik Eisenach schon 1899 auf. Die Bestandteile dieses Fahrzeugs stammten vom „normalen" Wartburg-Motorwagen. Als Triebwerk hatte der Rennwagen jedoch zwei der Zweizylindermotoren in Fahrzeugmitte eingebaut. Mit 8 PS Motorleistung lag die Höchstgeschwindigkeit bei 60 km/h.

 

Die Herstellung der Wartburg-Motorwagen erfolgte gewissermaßen in Einzelstücken und durch überwiegend handwerkliche Fertigung. Für die Zeit der Ablösung der Manufaktur des 16. — 18. Jahrhunderts durch die kapitalistische industrielle Produktion — und da der Kraftwagen bereits ein einfaches mechanisches System darstellte — erscheint das etwas verwunderlich. Noch aber nahm das Automobil in der Fabrikation eine Sonderstellung ein. Zwar gab es eine bestimmte Modellgrundlage, nach der auch die Hauptbauteile, Motor und Chassis angefertigt wurden, die Technologie beeinflußte jedoch, daß nicht sozusagen „auf Lager" und erst recht nicht in größeren Stückzahlen und nicht völlig gleichartig fabriziert werden konnte. Die Anfertigung geschah je nach Eingang von Bestellungen und geäußerten Sonderwünschen der Kunden.

 

Eine derartige Herstellung erforderte handwerkliche Qualitätsarbeit sowie große Wendigkeit in der Ausführung von Aufträgen. Aber. auch gerade darin zeichnete sich die Eisenacher Automobilherstellung aus.

 

Im Stahlrohrrahmen hing, hinten unter der Sitzbank, das gesamte Triebwerk an der starren Hinterachse. Wartburg-Motorwagen wurden sehr bald schon in verschiedenen Variationen geliefert — Auftraggeber kamen vornehmlich aus den damals privilegierten Schichten —, als zweisitzige Wagen oder auch für drei Personen, wobei der dritte Passagier auf einem Sitz über der Vorderachse entgegen der Fahrtrichtung seinen Platz hatte, in einfacher Ausführung oder als luxuriöse Promenadenwagen, mit unterschiedlicher Polsterung der Sitze, ohne oder mit Klappverdeck und diversem Zubehör, etwa mit Azetylenlampen, Ballhupe und sogar einem Schirmbehälter.

 

Außerdem wurden, und das kennzeichnete neben erstklassiger Herstellungsqualität ebenfalls fortan den Eisenacher Automobilbau, in zunehmendem Maße eigene konstruktive Entwicklungsarbeiten geleistet.

So entstanden anschließend Wartburg-Motorwagen mit abgeänderter Vorderachse, mit Längsblattfedern, und auch mit stärkeren Motoren wurde bereits experimentiert. Ab 1902 entstanden schon Vierzylindermotoren.

 

Gleichzeitig gab es Ansätze zu einer Gesamtbauweise, mit der das Automobil auch äußerlich eine bisherige Ähnlichkeit zum Kutsch-wagen abzustreifen begann. In Eisenach wurde ein Wagen konstruiert, der zwar noch dem ersten Wartburg-Motorwagen verwandt erschien, der aber doch ganz neue Konstruktionsmerkmale aufwies. Im übernommenen Stahlrohrrahmen mit Starrachsen befand sich der wassergekühlte Zweizylindermotor vorn eingebaut, und die Kraftübertragung erfolgte über Lederkonus-Trennkupplung, Antriebswelle und Übersetzungsgetriebe auf die Hinterachse. Das von Längsblattfedern gefederte Fahrzeug hatte einen offenen zweisitzigen Aufbau mit Spritzwand vor der schrägstehenden Lenksäule und mit einer Motorhaube.

 

In dieser Grundkonzeption — also mit vorn untergebrachtem Motor, Hinterachsantrieb, Rahmen-Fahrgestell und einer nun spezifisch ausgebildeten Aufbauform — erlangte kurz nach der Jahrhundertwende das Automobil seine klassische konstruktive Gestalt.

Von da an setzten fortwährende Vervollkommnungen ein.

 


Titelbild: Wartburg-Urahn "Wartburg-Motorwagen" von 1898

Bild 1: Der Wartburg-Motorwagen Modell 1 war mit diesem luftgekühlten Zweizylindermotor ausgerüstet. Die Zylinderbohrung betrug 66 mm, der Hub 70 mm und der Zylinderinhalt 479 cm³. Der Motor hatte selbsttätige Einlaßventile und stehende, von einer Nockenwelle betätigte Auslaßventile. Er leistete 3,5 PS.

Bild 2: Im Stahlrohrrahmen hing, hinten unter der Sitzbank, das gesamte Triebwerk an der starren Hinterachse. Getriebe und Antriebskegelräder lagen frei. Außenbandbremsen wirkten am Achsantrieb sowie an beiden Hinterrädern.