Die Wartburg-Entwicklung (Signale 1976-S)

IFA F9

Aus der Weichenstellung mit dem IFA F 9 entwickelte der Eisenacher Automobilbau ein ganz neues PKW-Konzept und schuf die modernen WARTBURG-Automobilgenerationen. Die Aufnahme des kleineren und zweitaktmotorisierten IFA F 9 verlief im Werk anfangs nicht ohne Zurückhaltung und Vorurteile.

Wartburg 311Alsbald aber stand das gesamte Werkskollektiv fest für den neuen Typ ein. Stückzahlen und Erzeugnisqualität stiegen ständig. Gleichlaufend zur Serienproduktion des IFA F 9 erfolgten binnen kurzer Zeit schon erhebliche Verbesserungen des Wagens.

 

Die Verbesserungen am IFA F 9 bestätigten, wie schnell es im Werk gelang, spezielle Pro-bleme des Zweitaktmotor-Frontantriebautomobils nicht nur zu erkennen, sondern diese auch auf Anhieb zu beherrschen und neuen Lösungen zuzuführen. So wurde die Leistung des 900- cm³-Motors von 28 auf 32 und dann auf 34 PS gesteigert, verbesserte Nebenaggregate, ge-änderte Schaltung und Karosserieretuschen brachten weitere Aufwertungen.

Wartburg 353Inzwischen aber, bereits 1954 beginnend und schon ein Jahr später in Versuch und Fahrerprobung abgeschlossen, wurde vom Werk an durchgreifender Weiterentwicklung gearbeitet. Die hierzu klar formulierte Zielstellung lief auf einen neuen Eisenacher Automobiltyp hinaus, der auf der bereits weiterentwickelten Baugruppenbasis von Fronttriebwerk und Fahrwerk nun auch eine vollkommen neue Karosserie auf-weisen sollte. Die ersten Nullserienfahrzeuge dieses neuen Eisenacher Mittelklasse-Frontantriebwagens liefen bereits Ende 1955. Das Bau-muster trug die Typ-Numerierung 311.

Zur Leipziger Frühjahrsmesse 1956 fand die Vorstellung der neuen Modelle unter der von nun an geltenden Markenbezeichnung WART-BURG vor der breiten Öffentlichkeit statt.

Der WARTBURG 311 steckte bei seinem Erscheinen schon vollkommen neue Automobil-Maßstäbe ab: Der neue Eisenacher Typ war von der Motor-Basis her in der Hubraumskala zwischen Kleinwagen und bisherigem Mittelklassebereich platziert. Dort knüpfte er nach unten hin an günstige Kosten- und Wirtschaftlichkeitsfaktoren an und stellte andererseits Leistungsmerkmale, Geräumigkeit und Komforteigenschaften bereit, die sonst erst von der Hubraum-Mittelklasse erwartet wurden. Konstruktiv abweichend von üblichen Mittelklasse-Standards waren der bereits 37 PS leistende Zweitaktmotor und der progressive Frontantrieb mitbestimmend für neue Gebrauchswerteigen-schaften und kennzeichnend für die vorbildliche Gesamtkonzeption.

Wartburg 353 ChassisIn solchem Zusammenhang ist wieder ein Blick auf die Entwicklung im internationalen Automobilbau jener Jahre aufschlußreich und interessant. Besonders der mit dem WARTBURG anvisierte Hubraumbereich wurde bald ausgesprochen populär und daher zu einem stark belegten Aktionsfeld auch anderer europäischer Automobilwerke. Es kristallisierte sich die Kategorie genau der „Tausender" heraus. Dort wurde indessen fast ausschließlich mit Hecktriebwerken operiert. Der Frontantrieb, heute bei Wagen der unteren Hubraum-Mittelklasse überwiegend angewendet, hielt erst sehr viel später Einzug im europäischen Automobilbau.

Der VEB Automobilwerk Eisenach entwickelte während dieser Zeit den viertürigen, großräumigen Frontantriebwagen WARTBURG 311 zügig weiter.

Wartburg 353 Montage sws 50-PS-Motors 353-1 (1969)Die Modellreihe mit Standard-Limousine, zweitürigem Kabriolett und Kombiwagen wurde 1957 bereits aufgestockt durch Limousine de luxe, Coupé sowie eine international neue Variante, nämlich die fünftürige Camping-Limousine und ferner einen zweisitzigen Sportwagen. Parallel erfolgten ständige Vervollkommnungen. Sie reichten von einem neuen Ziergitter über das vollsynchronisierte Vierganggetriebe bis zu Befestigungspunkten für Sicherheitsgurte — sie waren damals noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Ab 1962 kam für den WARTBURG 311 der auf 992 cm³ Hubraum vergrößerte Motor zum Einsatz.

Mit nun 45 PS Leistung sowie einem max. Drehmoment von 9,5 kpm dieses Fronttriebwerkes und mit seiner großformatigen Karosserie rangierte der WARTBURG 311 über dem Durch-schnitt vergleichbarer Wagen der Einliter-Hubraumklasse.

Bereits 1963 aber wurde vom Werk intern wieder ein vollkommen neues Prototypmodell vorgeführt. Es gab schon genaue Aufschlüsse über die Zielabsichten und die Wege zur Realisierung. Als neue Aufgabe wurde, ausgehend von der WARTBURG-Grundkonzeption und bezogen auf längerfristige Gültigkeit im Perspektivzeitraum, formuliert: Schaffung eines modernen Frontantriebwagens der in mehrfacher Hinsicht als vorteilhaft erkannten unteren Hubraum-Mittelklasse mit optimierten Gebrauchs-werteigenschaften und überdurchschnittlichen Komfortmerkmalen.

Die demgemäß verwirklichte Neuentwicklung wurde stufenweise in die Serienproduktion überführt.

Die erste Phase bestand im Einsatz des 45- PS-Fronttriebwerkes zusammen mit einem vollständig neuentwickelten Fahrwerk ab Herbst 1965 bei dem sogenannten Übergangsmodell 312, dieses noch mit dem bisherigen Aufbau. In der zweiten Stufe folgte dann der Einsatz der ebenfalls vollkommen neuentwickelten Karosserie. Der Schritt dazu erfolgte nach so präzisen Vorbereitungen, daß keine Fertigungsunterbrechung eintrat, planmäßig am 1. Juli 1966.

An diesem Tage begann die Serienproduktion des Eisenacher Automobiltyps WARTBURG 353.

 


Bilder: 1966 erschien der WARTBURG 353, gekennzeichnet durch die neue Fahrwerkskonstruktion mit Schraubenfederung und Einzelradaufhängung aller vier Räder und durch eine nach modernsten Kriterien gestaltete neue Karosserie (Bilder links und oben).

Ein Teilstück in der 353er Weiterentwicklung war der Einsatz des 50-PS-Motors 353-1. Dieser neue Motor wurde zur Leipziger Herbstmesse 1969 als Schnittmodell vorgestellt und fand großes Publikumsinteresse.