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Das Auto in jüngster Zeit (Signale 1974-6)

Das Auto in jüngster Zeit (Signale 1974-6)

Gespeichert von Stephan am So., 15.12.1974 - 21:25

In unserem Mitteilungsblatt beginnt hiermit eine Aufsatzreihe, die sich mit generellen Positionen, Problemen und Perspektiven des Personenkraftwagens in der Gegenwart befaßt; denn wir sind der Ansicht, daß damit nicht nur diese oder jene Frage angeschnitten wird, sondern ein allgemein ebenso hochaktuelles wie bedeutungsvolles Thema aufzugreifen ist. Sicher rücken wir bei den Erörterungen und Informationen hin und wieder das Eisenacher Automobilbauerzeugnis ins Blickfeld

— wer wollte uns das verübeln —, aber es geht bei dieser Artikelserie vor allem um klärende Übersichten auf Entwicklungen im großen und ganzen.

 

Jetzt sind ohnehin überall Wochen der Abschlüsse, genau bis in Kommastellen, und hinsichtlich permanenter Aufrechnungen ist das Automobil davon weniger ausgenommen denn je.

 

Global läßt sich sogar die Schlußfolgerung ziehen, daß 1974 das Automobil die wohl kritischste und entscheidendste Phase in seiner gesamten bisherigen Entwicklung durchlaufen hat. Diese Worte sind hier mit Bedacht gewählt. Es ist nämlich festzustellen, daß die Ereignisse während der zurückliegenden zwölf Monate

— das individuelle Verkehrsmittel Automobil erst recht in das Zentrum öffentlicher Diskussion und Auseinandersetzung rückten,

— weltweit zum Überdenken der Stellung des Personenkraftwagens in der Gesellschaft und seiner Technik-Konzeption veranlaßten

— und aufzeigten, daß das Automobil auch weiterhin und so oder so ein bestimmender Faktor in der allgemeinen Entwicklung bleiben wird.

 

Will man dafür kennzeichnende Hauptnenner finden, so erhebt sich die Frage, was eigentlich passierte und vorgeht.

Gewiß war das Automobil schon vor mehr als Jahresfrist gerade in der westlichen Welt zum Ansatzpunkt von sich tiefsinnig und zeitkritisch gebenden Betrachtungen geworden. Nicht selten glaubte man, meist gegen besseres Wissen, Sperrfeuer vor eine „Blechlawine" legen zu müssen. Wir hatten schon früher in SIGNALE auf jene Erscheinungen hingewiesen, und wir werden auch in dieser Aufsatzreihe selbstverständlich auf Grundfragen der Automobilisierung einzugehen haben.

 

Doch den mehr oder weniger mit Schlagwörtern gespickten Debatten machte vorerst die sogenannte Energiekrise, aufgedeckt durch das als Waffe angewendete Embargo der arabischen Erdölförderländer, ein jähes und gänzlich untheoretisches Ende. Erst unter dem Eindruck von rigoros erhöhten Benzinpreisen der ölverarbeitenden Konzerne, von Sonntagsfahrverboten und drastischen Geschwindigkeitsbeschränkungen wurde in der kapitalistischen Welt die Energiesituation, und nicht nur sie und nicht nur den Autofahrern, bewußt. Gleichlaufend verdüsterten Wirtschaftskrisen und wachsende Inflationsraten das Gesamtbild. In den Hochburgen kapitalistischer Automobilindustrie grassieren Kurzarbeit und Entlassungen, die Produktionszahlen sanken rapide.

 

Offensichtlich wurden die Verflechtungen der Automobilisierung mit Politik und Wirtschaft. Man sah jedoch, daß das Auto als Gebrauchsgut nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken ist. Aber es traten auch zwangsläufige Wandlungen ein. Selbst der letzte Farmer auf dem Auto-Kontinent Nordamerika besann sich auf das Unrationelle großvolumiger Straßenkreuzer, und westeuropäische Automobilkonzerne schwenken eilends auf zeitgerechte oder in ihrem Falle krisengemäße Großserienmodelle um, mit denen sie sich einen neuen profitablen „Auto-Frühling" erhoffen. Das liest sich nun kraß schwarz-weiß. Die harten Konturen setzt jedoch die Wirklichkeit. Den Krisen und dem Konkurrenzkampf in der kapitalistischen Welt, wo die Monopole etwa schon nach mexikanischen Ölvorkommen zu greifen trachten, stehen die Kontinuität und Kooperation in den Ländern des Sozialismus gegenüber — kontinuierlich steigende Automobilproduktion, Zusammenarbeit im Rahmen der sozialistischen ökonomischen Integration, beispielhaft als Teilbeitrag zur Lösung von Energieproblemen am Gemeinschaftsprojekt der Erdgastrasse ab Orenburg, die Kooperation z. B. bis zum Detail der gemeinsam mit dem Bremsenwerk Autobrzdy Jablonec ent-wickelten Scheibenbremsanlage für den WARTBURG 353 W.