Minutensache (Signale 1974-3)

Dies ist eine der vielen Stationen in der WARTBURG-Fertigung.

Vorbildliche Bewegung der Eisenacher Automobilwerker zu erhöhtem AWE-Arbeitsergebnis

 

1973 war das bisher erfolgreichste Jahr in der WARTBURG-Produktion des VEB Automobilwerk Eisenach. Der Plan 1974 und der von den Eisenacher Automobilwerkern aufgestellte Gegenplan,

in diesem Jahr zwei Prozent überplanmäßige Produktion zu bringen und damit erstmalig in der Geschichte des Werkes für eine Milliarde Mark Waren zu produzieren, setzen abermals höhere Ziele. Zur Realisierung fiel bereits im Vorbereitungsstadium auf den 74er Produktionsanlauf als ein Hinweis für den Lösungsweg das Stichwort Zeitgewinn. Damals entstand die 10-Minuten-Bewegung, eine der vielen Methoden, die dazu beitragen, die Aufgaben auf dem Gebiet der Zeit- und Kostensenkung und der Steigerung der Arbeitsproduktivität zu erfüllen. Schon wenige Wochen später, im Februar, beteiligten sich fast 5000 Werksangehörige mit eigenen Ideen und konkreten Verpflichtungen an dieser Zeitgewinn-Bewegung zur effektiveren Ausnutzung des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens. Das bedeutete bis dahin bereits die Buchung von 180 000 produktiven Stunden. Inzwischen ist die 10-Minuten-Bewegung bei den Eisenacher Automobilwerkern noch weiter in die Breite gekommen und ergab darüber hinaus ähnliche Initiativen in Produktionsbetrieben anderer Industriezweige.

 

Automateneinrichter Kurt Thiel,46, seit 25 Jahren im Werk, fünffacher Aktivist, erfahrener Neuerer und Vorsitzender der Ständigen Produktionsberatung im Getriebebau, ist Urheber der Minutenbewegung im AWE.

 

Doch worum geht es?

„Es geht in unserem Wettbewerb nicht um Sekundenhascherei und erst recht nicht um Hetzerei bei der Arbeit. Wir hoffen, auf die Art sogar Überstunden wegzubekommen, denn da sitzt man meist die Zeit nach, wo in der regulären Arbeitszeit Leerlauf war." Das sagte Kurt Thiel zur Sache und ergänzt: „Wir wollen nicht mehr Kraft anwenden, körperlich anstrengender arbeiten, sondern ganz einfach die uns zur Verfügung stehende Zeit besser nutzen. Dazu gehört eben auch, daß die Pausen nicht überschritten werden und keine Minute sinnlos vertan wird. Wenn jeder Automobilwerker täglich nur fünf Minuten an produktiver Zeit gewinnt, dann wächst ein Riesenvorteil heraus." So kam es dann zur 10-Minuten-Bewegung im Werk. Später unterstrich Betriebsdirektor Hellbach in einer Gesprächsrunde, daß die von Automateneinrichter Kurt Thiel ausgelöste Initiative letztlich bedeutet, „aus jeder Mark, jeder Stunde Arbeitszeit, jedem Gramm Material einen größeren Nutzeffekt" zu erzielen. Es wäre grundverkehrt, aus der 10-Minuten-Bewegung eine Normenbewegung zu machen, indem wir mit dem Hut herumlaufen und Minuten einsammeln. Es kommt vielmehr darauf an, daß jeder erst einmal darüber nachdenkt: Wie ist denn überhaupt meine eigene Einstellung zur Auslastung der Arbeitszeit? Weiter konkretisierte der Betriebsdirektor, die Arbeitszeit 10 Minuten produktiver zu nutzen, verlangt aber auch, die Leitung des Arbeitsprozesses zu qualifizieren. Wenn wir etwa an Ausfall-und Wartezeiten denken, dann spielen hier oft Leitungsprobleme mit eine Rolle. Hier liegt ein sehr wesentliches Aufgabengebiet vor für die Abteilung Wissenschaftliche Arbeitsorganisation.

 

Die bei den AWE-Produktionsarbeitern auf breiter Front vorangetragene 10-Minuten-Bewegung — gleich anfangs schon in 86 Kollektiven mit 2324 Werktätigen als Bestandteil der Bestenbewegung und der persönlich-schöpferischen Pläne im Mittelpunkt des Wettbewerbes stehend — schlägt mittlerweile auch um die produktionsvorbereitenden Abteilungen und Verwaltungsbereiche im Werk längst keinen Bogen mehr.

 

Vom Rechenzentrum wurde hingewiesen, daß und wie in der Verwaltung bei gleichbleibendem Arbeitsumfang 10 Minuten mehr Leistung zu einer Einsparung von 1,6 Prozent der bisher vorhandenen Arbeitskräfte führt bzw. bei Ansteigen der Arbeiten proportional zur Produktion die erforderliche Mehrleistung mit der gleichen Anzahl von Beschäftigten zu erbringen ist.

 

Viele Vorschläge zur weiteren Rationalisierung, die aus Kapazitätsgründen bisher nicht verwirklicht werden konnten, wurden im Zuge der 10-Minuten-Bewegung aufgerechnet. Weitere Maßnahmen für höhere Effektivität und Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen und nächste Schritte im Plan Wissenschaft und Technik werden früher als vorgesehen verwirklicht.

 

Beispielsweise konnte im Werkzeug- und Maschinenbau des Betriebes unmittelbar nach Beginn der 10-Minuten-Bewegung die Freisetzung von 18 292 Stunden im Planjahr 1974 für zusätzliche Aufgaben veranschlagt werden. Im Rationalisierungsmittelbau haben sich zwei Konstrukteure als abrechenbares Vorhaben entsprechend einer zusätzlichen Leistung in Höhe ihrer Jahresgehälter vorgenommen, zwei Sondermaschinen im Fahrwerkbau konstruktiv zu überarbeiten. Oder ein weiteres der vielen Beispiele für das umfassende Aufgreifen der von den Produktionsarbeitern ausgelösten Initiative ist das nun realisierbare Vorhaben der Technologen, eine Transferstraße und in der Lackiererei die Zweifarbenanlage zusätzlich zu rekonstruieren.

 

Jeder rechnet mit Minuten!

Was sich auf diese Weise überall im Werk, an den Fließstrecken und Bändern, Reißbrettern und in den Büros, zu wertvollem Zeitgewinn summiert, schlägt zu Buche erneuter Mehrproduktion WARTBURG 353.

 


Titelbild: Dies ist eine der vielen Stationen in der WARTBURG-Fertigung. Dort überall wird seit Jahr und Tag rationalisiert, und am 353, der von 1966 an in Serie läuft ist die ganze Technologie voll ausgereift. Dennoch erweist sich immer ausgefeiltere Arbeitsorganisation als Quelle neuer Reserven. Hier setzen die Eisenacher Automobilwerker, die Arbeiter wie die Ingenieure, ihre Bohrung nach Minuten an. Das geschieht keineswegs in irgendwelchen Alleingängen. Kollektiver Zeitgewinn führt zum Ziel weiterer Effektivitätssteigerungen im Werk.

 


"Es zeugt von der sozialistischen Einstellung zur Arbeit und einer tiefen Einsicht in die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge, wenn Millionen Arbeiter, Genossenschaftsbauern und Angehörige der Intelligenz zu Ehren des 25. Jahrestages der DDR im sozialistischen Wettbewerb unter der Losung: 'Aus jeder Mark, jeder Stunde Arbeitszeit, jedem Gramm Material einen größeren Nutzeffekt' stehen."

(Aus den Thesen des Nationalrates der Nationalen Front der DDR)