Das Konzept (Signale 1974-3)

Kurzkommentar zu aktuellen Automobil-Fragen

 

Wer sich in der Geschichte des Automobils auskennt, der weiß, daß seit der Jahrhundertwende die als Formeln bezeichneten Reglements ganz bestimmte technische Richtlinien für Rennwagen darstellen. An Limits für Hubraum oder Masse und dergleichen mehr führt da für die Konstrukteure kein Weg vorbei.

 

Für das Normalautomobil jedoch existieren, abgesehen selbstverständlich von Zulassungsordnungen für den Straßenverkehr, allgemein derartige Vorschriften nicht - so jedenfalls schien oder scheint es bislang. Jedem Werk war und ist von solcher Warte her überlassen, in welcher Hubraumklasse oder Preisetage und Kategorie es sein Serienmodell etabliert. Nicht zuletzt auf diese Weise kristallisierten sich im Laufe der Zeit gewisse Marken-Spezialitäten heraus. Die Palette reicht da vom Kleinwagen über gehegtes Image ausgeprägter Sportlichkeit bis zum hochkarätigen Nobelauto.

 

Indessen trügt, wie gar oft auf den ersten Blick, der bloße Schein.

 

Der Automobilbau - im kapitalistischen Teil der Welt eingespannt in die Profitinteressen der dort herrschenden Klasse, unsererseits gemäß der Gesellschaftsordnung integriert in die Sicherung der Bedürfnisse aller Menschen - hat hinsichtlich der Entwicklung von Personenkraftwagen in zunehmendem Maße technische Reglements und Vorschriften zu respektieren. Beispielsweise ECE-Richtlinien zur Sicherheit oder Abgasbestimmungen. Weitere Normen, etwa was Fahrzeugabmessungen und daher den Flächenbedarf anbelangt, werden zwangsläufig von der Verkehrsentwicklung auf der Straße selbst abgesteckt.

 

Aber jüngst wurden noch ganz andere Schranken offenkundig.

 

Da rückte auf einmal schlagartig die sogenannte Ölkrise, gar manche gleichsam aus dem Dornröschenschlaf aufschreckend, schwerwiegende und erst recht künftig ausschlaggebende Automobil-Aspekte ins grelle und, wie wir meinen, ins rechte Licht der Realitäten. Plötzlich brachte die Konfrontation mit notwendigen Sparmaßnahmen und Geschwindigkeitsbegrenzungen ernüchternde Besinnung sowohl bei den Personenkraftwagen-„Konsumenten" als auch, widerstrebend zwar und nach außen hin teils uneingestanden, im Management westeuropäischer Automobilwerke: Was eigentlich ist für heute und morgen die zeitgerechte, vernunftgemäße Automobil-Grundidee überhaupt, und in welchem Rahmen, sei es bezüglich Hubraum oder Leistung oder Geschwindigkeit, sollte oder kann und wird sich der normale Personenkraftwagen „bewegen"?

 

Oder um es gleich so zu formulieren: Beste und reellste Chancen hat in allererster Linie der Personenkraftwagen als effektiv zweckvoller Gebrauchsgegenstand - die Zeiten, da man das Automobil als Ausdruck von Sozialprestige hervorkehrte oder nur als reines Sportinstrumentarium betrachtete, sind nun wohl endgültig vorbei. Darüber können nostalgische Tagträumereien von einsamen Straßen und aufregenden 200-km/h-Wagen kaum noch hinwegtäuschen.

 

Gewiß ist es da kein Zufall, daß große Werke nun eilends kleinere Wagen vorbereiten und eines der bedeutendsten westeuropäischen Unternehmen seine im Herbst erscheinende Großserien-Novität als Frontantriebswagen in der Hubraumskala zwischen 900 und 1100 cm³ mit 40 bzw. 50 PS Leistung angesiedelt hat. Auf eine derartige Gebrauchswagen-„Formel" lautet jedoch bekanntlich schon seit 20 Jahren der Generalnenner für die Modellkonzentration Eisenacher Automobile, und mit jetzt vorrangig entscheidenden Gebrauchswert-Parametern qualifizierten sie sich fortwährend auf dem internationalen Automobilmarkt.

 

Mit einer irrigen Ansicht sei allerdings bei dieser Gelegenheit noch aufgeräumt. Auch oder erst recht in solchem Gebrauchswagen-Formelkonzept werden nicht geringere, sondern erhöhte Ansprüche an die Konstruktion gestellt. Das gilt in jeder Hinsicht, sei es bezüglich Leistung und Drehmoment aus verhältnismäßig wenig Hubraum oder rationeller Kompaktbauweise, Komfort und sicheren Fahreigenschaften. Denn etwa eine mindere Achskonstruktion wird auf kurvenreicher Landstraße viel eher fragwürdig als bei hohem Autobahntempo.