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Anderseits: Krisen - und das Auto? (Signale 1974-1)

Anderseits: Krisen - und das Auto? (Signale 1974-1)

Gespeichert von Stephan am Di., 01.01.1974 - 14:48

Während die Eisenacher Automobilwerker Ende 1973 der Planübererfüllung zustrebten und in der UdSSR nach nur drei Produktionsjahren 1970 mit 21 700 Einheiten beginnend, bereits der millionste Shiguli das Hauptmontageband in Togliatti verließ — mit Generalplanrichtung, auf eine Million PKW Jahresausstoß —, zeigten sich in Ländern der westlichen Welt völlig gegensätzliche Bilder.

 

Unter der Überschrift „Das Auto fährt in die Flaute" berichtete die BRD-Zeitung „Die Welt", daß schon im Oktober die Bestellungen für Personenkraftwagen um 31 Prozent unter denen vom Oktober 1972 lagen. Die Automobilproduktion in den USA betrug bis Oktober insgesamt weniger als im Vorjahrsvergleichszeitraum. Der italienische Fiat-Konzern legte für fast drei Wochen die PKW-Produktion still. Verfügt wurden zeitweilige Fahrverbote und rigorose Geschwindigkeitsbeschränkungen. Schlagartig rückte die Energiekrise, in den kapitalistischen Ländern Diskussionsthema Nr. 1, Fragen der Existenz und Perspektive des Automobils in den Brennpunkt.

 

Indessen ist es in jedem Falle falsch, Wirkungen mit Ursachen zu verwechseln.

 

Zunächst wäre festzuhalten, daß es kein industriell hochentwickeltes Land gibt, das nicht mit Energieproblemen zu kämpfen hat. Bereits seit Jahren spricht man in der westlichen Welt von drohender Energiekrise, und jeder Winter stieß in den USA die amerikanische Bevölkerung mit Stromausfällen auf dieses Problem. Dabei unterzeichnete am 1. Januar 1973 Präsident Nixon einen Sonderbeschluß, die Importe von Erdöl maximal zu erhöhen — in der strategischen Spekulation, die eigenen Erdölvorkommen zu schonen und irgendwann einmal damit aufzutrumpfen, eine energiepolitisch geplante Erpressung auf lange Sicht. Jene Energiekrise in der kapitalistischen Welt wurde freilich vollends akut, als die arabischen erdölproduzierenden Länder ihr Ölembargo als legitimen Schritt im Kampf gegen den israelischen Aggressor und seine imperialistischen Verbündeten einsetzten.

 

Typisch für das kapitalistische System waren und sind Machenschaften und Abwälzverfahren.

 

Die Erdölkonzerne mit teils noch immer über-schwappenden Tanks horteten Öl obendrein und trieben auf Kosten der Endverbraucher ungeschoren Preise und Profite in die Höhe. Das Esso-Unternehmen Exxon verbuchte Gewinne um 80 Prozent über dem Vorjahrssaldo. Gulf hatte eine Gewinnsteigerung von 92 Prozent und Mobil von 64 Prozent.

 

Ganz knapp zusammengefaßt: In der von Währungskrisen und Inflation sowieso zerrütteten kapitalistischen Wirtschaft kam zu ökonomischen Widersprüchen der offene Ausbruch eines politischen Widerspruches — zwischen den imperialistischen Mächten und ihrem israelischen Satelliten gegenüber den arabischen Ländern — der einen neuen ökonomischen Widerspruch hervorrief. Wahrscheinlich läßt sich jene Energiekrise irgendwie steuern, die zyklische Krise wird jedoch deswegen nicht beseitigt sein, und die westliche Welt rechnet selbst mit „Stagflation", stagnierender Wirtschaft bei anhaltend hohem Inflationstempo und dazu einem rapiden Anstieg der Arbeitslosenzahl.

 

Das Auto hat damit alles und nichts zu tun. Es ist im Grunde nicht schuld am kapitalistischen System, Aber es offenbart — abgesehen davon, daß sich die Absurdität von großvolumigen 200-km/h-Prestigewagen herausstellt — eben beinahe alle eigentlichen Ursachen der Krisen, zumal wenn die Automobilindustrie ökonomisch dermaßen im kapitalistischen System exponiert ist wie in dein USA oder etwa der BRD. Entsprechend wir das Automobil von den Auswirkungen ebenso heimgesucht, was Teuerungsraten oder gravierende Einschränkungen betrifft, wie Heizung beispielsweise oder andere Gebrauchsartikel. Ganz zu schweigen von dortiger „Lebensqualität". Was demnach vom Automobil als einem Barometer angezeigt wird, ist: Flaute im kapitalistischen Wirtschaftssystem.

 

Solchen trüben Aspekten gegenüber hier jedoch eine sozialistische Automobil-Perspektive: Sowjetische Spezialisten errechneten als optimale Orientierungsziffer ein Verhältnis von 200 Personenkraftwagen auf 1000 Einwohner.