Wartburg-Rallye (Signale 61-82)

Eisenach 1900 –im Wagen Nr. 6 (Wartburg-Tourenwagen-Ingenieur Oestreich am Steuer, im Wagen Nr. 5(Wartburg-Tourenwagen) der elfjährige Harry Ehrhardt, der hier durch den Werksfahrer Fritz Kirchheim eingewiesen wird.

Beim ersten Autorennen in Eisenach fuhr ein elf Jahre alter Junge mit einem Wartburg

Seit Dezember 1898 wurden in der Fahrzeugfabrik Eisenach Wartburg-Motorwagen nach einer französischen Lizenz produziert. Man musste also das neue Produkt Automobil aus Eisenach bekannt machen.

Dabei befand man sich in einer schwierigen Lage. Auf Grund der sich zu Ende des Jahrhunderts abzeichneten Fahrradkrise infolge einer Marktsättigung, stiegen zu diesem Zeitpunkt viele deutsche Fahrradhersteller und mechanischen Fabriken in den Automobilbau ein. Auch die Übernahme der Lizenz des erfolgreichen französischen Motorwagenherstellers Decauville stellte für Eisenach noch kein Alleinstellungsmerkmal dar. Begann doch fast zeitgleich der Nähmaschinenhersteller Dürkopp in Bielefeld mit der Automobilproduktion nach einer französischen Lizenz von Panhard & Levassor und der Schreibmaschinenhersteller Adler aus Frankfurt baute fortan Autos nach dem Vorbild von Renault.

 

Aus Amerika wusste man: Autorennen fördern den Verkauf

 

Gefragt war also Öffentlichkeitsarbeit, um mit dem neuen Produkt Auto auf dem Markt erfolgreich zu werden. Dazu war der Eisenacher Fabrikdirektor Gustav Ehrhardt genau der richtige Mann. Der Sohn des Firmengründers Heinrich Ehrhardt war nach einem mehrjährigen Aufenthalt aus Amerika zurückgekehrt und war von dem dort sich rasant entwickelten Automobilismus angesteckt worden. Autos zu bauen, war die Mission seines Lebens, der er sich mit Leib und Seele verschrieb, genauso, wie selber Rennen zu fahren. Aus den USA kannte er bereits genau die publikumswirksamen Faszinationen von Autorennen und deren Einfluss auf das Image und Verkauf einer Marke. So ließ er bereits im Frühjahr 1899 die ersten Rennwagenkonstruktionen vom Typ Wartburg bauen.

Ebenso umtriebig arbeitete er aktiv in den unterschiedlichen Automobilclubs in Deutschland mit, um dem Auto eine Lobby zu verschaffen. Er war auch Vorsitzender des 1899 in Eisenach gegründeten Mitteldeutschen Automobil-Clubs. Neben dem technisch geprägten Mitteleuropäischen Motorwagenverein mit Mitgliedern wie Carl Benz, gab es den aristokratischen Deutschen Automobil-Club unter der Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin. Darüber hinaus war in Deutschland eine Vielzahl von regionalen Automobilclubs entstanden. Um aber künftige einheitliche Regeln für Wettfahrten und Ausstellungen zu haben, ergriff Gustav Ehrhardt die Initiative und lud alle Vertreter nach Eisenach ein. So trafen sich unter seiner Leitung am Sonnabend, den 5. Mai 1900 Delegierte aus Berlin, Mannheim, Nürnberg und Frankfurt im Hotel „Rautenkranz“ mit dem Ziel der Gründung eines Dachverbandes deutscher Automobilclubs. Am anderen Morgen fand dann als publikumswirksames Rahmenprogramm eine Wettfahrt durch den Thüringer Wald statt. Diese fand ein so über-regionales Interesse, dass sogar die am 13. Mai 1900 in Wien erscheinende Allgemeine Automobil-Zeitung schrieb: „Die Automobil-Gebirgs-Fernfahrt des Mitteldeutschen Automobil-Clubs Eisenach hat, abgesehen von einigen Maschinendefekten, den denkbar günstigsten Verlauf genommen.“

Der Automobilwettbewerb wurde am Sonntag, den 6. Mai 1900 pünktlich um 7 Uhr in Höhe von Schloss Fischbach gestartet. Dieses Ereignis war von umwerfender Bedeutung, so dass von einer „vieltausendköpfigen Menschenmenge“ berichtet wird, „die die Chaussee von Fischbach bis nach Eichrodt und weiter darüber hinaus dicht besetzt hielt. Der Sicherheitsdienst auf der gesamten Wegstrecke wurde von Radfahrern besorgt und war vorzüglich organisiert.“

 

Achsbruch und Motorschaden bei den beiden führenden Wartburgs

 

An den Start gingen 10 Fahrzeuge, davon waren 6 Eisenacher Wartburg-Wagen. Während in der Rennwagenklasse neben Direktor Gustav Ehrhardt und dem Eisenacher Werksfahrer Fritz Kirchheim an den Start gingen, berichtet die Zeitung weiter: „Die Tourenwagenklasse startete zuerst und zwar fuhren in Abstand von zwei Minuten ab Herrn Procurist Reuter: Herr Kaufmann Hüsner, Herr Ingenieur Oestreich und Harry Ehrhardt, der circa 11 Jahre alte Sohn des Herrn Direktor Ehrhardt.“ Die Wettfahrt führte 140 km über Waltershausen, Oberhof, Zella-Mehlis, Meinigen und zurück nach Eisenach. Unterwegs sind 4 Wagen ausgefallen. Nach 2 Reifenpannen hatte leider der in der Rennwagenklasse führende Eisenacher Fritz Kirchheim in Georgenthal einen Achsbruch und Direktor Ehrhardt musste 2,5 km vor dem Ziel mit Motorschaden aufgeben. Der Zieleinlauf war unter großen Andrang des Publikums an der Gaststätte „Phantasie“ im Mariental. Das Eintreffen der Fahrer wurde von den einzelnen Kontrollposten unterwegs bereits telegrafisch dem Ziel vorab angekündigt. So siegte in der Rennwagenklasse Wilhelm Tischbein aus Hannover mit einer Zeit von 4 Stunden und 23 Minuten. Über den weiteren Einlauf ist zu lesen: „Um 1 Uhr 32 Minuten verkündeten lebhafte Hochrufe das Eintreffen eines weiteren Fahrers, es war Herr Ingenieur Oestreich, der sich auf einem Tourenwagen den ersten Preis in dieser Klasse errang. 36 Minuten später traf Harry Ehrhardt ein, der ganz besonders ob seiner braven und tüchtigen Leistung begrüßt und beglückwünscht wurde. Er hatte die ganze Strecke den Wagen selbst gesteuert und gefahren, so dass der ihn begleitende Monteur nicht in Funktion zu treten brauchte.“ In der Tat war der 11 jährige Harry der Held des Tages in Eisenach, auch wenn er in seiner Klasse nur den zweiten Platz errang, was beim abendlichen Fest der Teilnehmer im Hotel „Zum Löwen“ nochmals hervorgehoben wurde. Harry Ehrhardt trat bereits frühzeitig mit demselben Engagement in die Fußstapfen seines Vaters Gustav. Einen einheitlichen Führerschein und einheitliche Zulassungsbestimmungen gab es damals im Deutschland der 26 Kleinstaaten noch nicht. Dabei hatte auch hier schon ein Jahr zuvor ein Wartburg-Wagen Pionierarbeit geleistet.

 

Deutschlands erstes Autokennzeichen an einem Wartburg

Autokennzeichen Nr. 1 München und Führerschein Herrmann Beissbarth, München

Als die ersten Generalvertreter der Eisenacher Fahrzeugfabrik, die Gebrüder Beissbarth in München, einen Wartburg-Motorwagen am 14. April 1899 der dortigen Polizeibehörde vorführten, erhielt man eine handgeschriebene Genehmigung zum Betrieb und Fahren des Fahrzeugs. Dies war der Führerschein Nr. 1 in Deutschland. Der Wartburg-Motorwagen bekam gleichzeitig die Zulassungsnummer „1“ und war damit auch das erste Fahrzeug in Deutschland mit einem behördlichen Autokennzeichen. Beides – das Autokennzeichen und die erste Führerscheingenehmigung – sind heute im Deutschen Museum München zu besichtigen.

Insofern hatte der kleine Harry Ehrhardt Glück, dass diese Bestimmungen im Mai 1900 sich noch nicht bis in die Thüringer Großherzogtümer Sachsen-Weimar und Sachsen-Coburg-Gotha herumgesprochen hatten.

Die Gebirgs- Fernfahrt im Mai 1900, kann man nach unseren heutigen Maßstäben, durchaus als die erste durchgeführte „Rallye“ in der Wartburgstadt ansehen werden.

Matthias Doht