Ein Bild und seine Geschichte (Signale 61-82)

In einem Wartburg wie diesem fuhren Annemarie Reffert und ihre Tochter über die Grenze

Ein Wartburg eröffnete den DDR-Grenzverkehr gen Westen

Am 09. November 1989 hört Annemarie Reffert in den Nachrichten die legendäre Pressemitteilung von Günther Schabowski in der er die sofortige Öffnung der Grenzen der DDR in Richtung Bundesrepublik Deutschland verkündet. „Ohne Vorlage von Voraussetzungen“ hieß es. Das bedeutete im Amtsdeutsch der DDR ohne willkürliche Entscheidungen von Behörden.

Annemarie Reffert setzte sich mit ihrer Tochter Juliane in den familieneigenen Wartburg 353 und fuhr damit nach Helmstedt. Dort gelang ihr erstaunliches.

Ohne ein Visum ohne das die Grenzsoldaten wirklich informiert worden wären ließen sie die resolute Frau in die Bundesrepublik ausreisen.

Turbulente Szenen, wie in Berlin gab es zu dieser Stunde an diesem Ort nicht. Allein Frau Reffert verlangte durchgelassen zu werden und berief sich bei allen Kontrollposten immer wieder auf Günther Schabowski.

Jeder Posten versuchte die Wartburgfahrerin zur Umkehr zu bewegen. Es blieb jedoch bei eher lahmen und halbherzigen Worten.

Als sie endlich den hellerleuchteten Grenzübergang erreichte war der Zöllner vom leeren Kofferraum verblüfft.

Ihm war unklar warum Annemarie Reffert mit Kind und Wagen, aber ohne Gepäck ausreisen wolle. Sie erwiderte jedoch nur, dass sie eben nicht ausreisen wolle.

Auf die bange Frage ihrer Tochter, was denn wäre, wenn sie nicht mehr zurück dürften antwortete die Ärztin nur: „Die sind über jeden froh, der zurück kommt!“.

Auf der anderen Seite der Grenze wurde sie sofort von Kamerateams bedrängt.

Um 21:25 langten die beiden dort an. Zu dieser Zeit drängten sich in Berlin schon die Massen an der Mauer.

Nach einer kurzen Spritztour durch die verlassenen Straßen von Helmstedt reisten Annemarie Reffert und ihre Tochter zurück zur Grenze.

An der Grenzübergangsstelle hatte sich eine lange Schlange von Trabis, Wartburgs und Ladas gebildet. Alle wollte heraus aus der DDR. Nur nicht Frau Reffert. Mit ihrer Rückkehr erstaunte sie das Grenzpersonal noch mehr als mit ihrer Ausreise.

Um 23 Uhr reisten beide offiziell wieder in die DDR ein. Sie waren damit die ersten DDR-Bürgerinnen, die die neue Reisefreiheit in Anspruch nahmen und die es, wie viele andere Menschen auch, nicht mehr darauf ankommen lassen wollte, sich die Bedingungen der Reisefreiheit wieder einmal diktieren zu lassen.

Stephan Uske

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