In der Nähe von Bremen (Signale 61-82)

2x IFA-Treffen, 2x in Bremen - zeitgleich und doch weit weg von einander.

Zufällig und Geplant.

Der EDWFC e.V. traf sich zu seinem geplanten Jahrestreffen in diesem Jahr in der thüringischen Rhön. Ein gemütliches Waldhotel war unser Domizil. Wir besuchten die Gedenkstätte der innerdeutschen Teilung Point Alpha bei Geisa. Zum Abschluss das Automobilbaumuseum in Eisenach.

Ein Teil der befreundeten IG WTB und ein entsprechender Freundeskreis traf sich "ungeplant", wie immer, im Marschland vor dem Deich auf der Fährplate. Die große Stadt Bremen fast in Sichtweite.

Auf der Fahrt vom Hotel zur Gedenkstätte sah ich plötzlich ein Schild: Bremen 3 km! Das war überraschend! Also schnell ein Abstecher für ein Foto, zum Beweis, dass Geplantes überraschende Momente haben kann.

Erst jetzt kommt mir die Idee, dass wir im nahe gelegenen Vacha ein Schiffchen auf die Werra hätten setzen können. Mit Glück hätte es Frank Schwardtmann irgendwann am Deich vor seinem Haus auf der Weser vorüber schwimmen sehen.

Dass Wasser vom Osten in den Westen floss, konnten die Funktionäre von SED und KPdSU nicht verhindern. Wohl aber gaben sie sich alle Mühe, den Bewegungen der Menschen Einhalt zu gebieten. Die Geschichte ist bekannt.

Um zu gedenken, dass sich die Menschen aus West und Ost seit 25 Jahren wieder ohne Einschränkungen bewegen und begegnen können, hatte der EDWFC sein Jahrestreffen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze geplant.

Für die Gedenkstätte war eine Führung gebucht worden. Es ergab sich eine Mischung aus Vortrag und Gedankenaustausch. Ein Freund von mir aus Studienzeiten, der damals in Geisa innerhalb der Sperrzone gelebt hat und heute immer noch dort wohnt und unsere Fremdenführerin, die damals im nächsten Ort vor dem Schlagbaum lebte und heute im Nachbarort, erzählten lebhaft, aber doch still. Vermutlich haben diejenigen von uns, die im Osten während der Teilungszeit lebten, diese Stunden emotional anders erlebt als diejenigen aus dem Westteil des Landes. Durch Freunde aus dem Eichsfeld (Die Gegend um Halberstadt und Göttingen) wusste ich von der 5 km Sperrzone, die vom eigentlichen Grenzverlauf hinein in die DDR bestand, und dem ein- und ausgesperrt sein der Leute in dieser Zone. Doch wie sehr es an den Nerven gezerrt haben Muss, dort zu leben, kann ich erst jetzt richtig erfassen. Es so nah zu wissen und zu sehen, dass die Welt noch weiter geht und dort nicht hin zu dürfen, Muss oft an die Grenzen des Verkraftbaren gegangen sein. Willkürlich durfte der Dorfpolizist die Bewohner der Orte auch außerhalb dieser Sperrzone schikanieren. Wer sich dem nicht beugte, wurde verhaftet oder wenigstens eingeschüchtert. Noch größer als im übrigen Land Muss hier die innere Selbstunterwerfung gewesen sein, ja nicht beim System anzuecken.

Tod und Leid traf diejenigen, die versuchten, die Grenze zu überwinden, aber auch diejenigen, die sie bewachten. Nie geklärt wurden die Umstände des Todes eines DDR Grenzoffiziers, der von einem Offizier des Bundesgrenzschutzes erschossen wurde und an dem Jahre nach der Grenzöffnung vermutlich noch blutige Rache geübt wurde. Glück hatte ein durch Schüsse schwer verletzter Flüchtling, dass er doch überlebte. Jahre später erfuhr er, dass man im Westen glaubte, er wäre erschossen worden.

Überraschend, wie ernsthaft die Nato Strategien gegen das etwaige Eindringen des Warschauer Paktes entwickelt hatte. Ich und viele meiner Freunde und Bekannten hatten sich damals nicht vorstellen können, dass beide Seiten ernsthaft den Einmarsch ins andere Gebiet planten, weil es in unseren Augen Selbstmord gewesen wäre, vom Mord an der Gegenseite ganz zu schweigen. Umso überraschter war ich, als ich erfuhr, dass man im Westen Anfang der 80er Jahre bei der Aufrüstung mit atomaren Raketen in West und Ost tatsächlich Angst "vor den Russen" hatte. Vielleicht hatte uns das Gerede von der "friedliebenden Sowjetunion und der gesamten fortschrittlichen Welt" tatsächlich eingelullt.

Dies sind meine stärksten Eindrücke vom Besuch der Grenzgedenkstätte. Ich bin wieder ein wenig glücklicher, dass alles so geschehen ist, wie es vor 25 Jahren geschehen ist. Das Leben in Freiheit hat seine Mühen, denen ich mich nicht immer entziehen kann. Aber ich werde in kein System gepresst und muss mich nicht ständig zu ihm bekennen.

Eine Abrundung des Themas ganz anderer Art ergab sich beim Besuch des Automobilbaumuseums in Eisenach. Das kurz nach der Schließung des Werkes gefertigte Modell der Wartburg-Auto-Herstellungstätte wird derzeit bereits zum ersten Mal restauriert und perfektioniert. Herr Fiesinger konnte uns so äußert anschaulich schildern, wie absurd die Herstellungsabläufe in der historisch gewachsenen Ansammlung von Gebäuden teilweise war.

Da zieht einer mit dem Handwagen los, um Teile zu holen und bringt dabei gleich das Frühstück für die Brigade aus der Kantine mit. Wie nett, wie unproduktiv. Immer nur Produktion. Kein Wille, kein Geld, kein Raum für Effektivität und Innovation. Preisbildung für das Produkt an Hand der Kosten? Bis jetzt sind im erhaltenen Archivmaterial keine Unterlagen dafür aufgetaucht.

Es wurde hier spürbar, dass nicht nur politisch die Zeit für die DDR abgelaufen war, sondern auch wirtschaftlich. Meiner Meinung nach ist die immer größer werdende Diskrepanz zwischen dem ideologischen Anspruch und der Wirklichkeit in der späten DDR einer der Hauptgründe, warum sich die Menschen zum Protest entschlossen.

Mit unserem Treffen habe ich gute Tage verlebt. Ich genoss die Fahrt mit dem 312 Camping und schrieb mit ein bisschen Stolz an die Schwiegereltern: "Mit dem Wartburg auf die Wartburg. Ich hatte eine gute Reise" Das Erinnerungsfoto durfte nicht fehlen.

Es grüßt Euch Euer

Martin Völz