Das volle Programm (Signale 53-74)

Martin Völz

Wartburg oder Porsche? Das ist hier die Frage!

 

Da sind Zwei, die ein altes Auto Neu haben wollen.

Der Eine geht mit kühlem Kopf vor, um ein selbst gestecktes Finanzlimit von 20.000,- € einzuhalten, der Andere gibt eher emotional 16.000,- € aus, weil er ein schönes Auto für sich haben will.

Der Eine wählt einen Porsche 911, der den entsprechenden Marktwert nach der Wiederherrichtung auch hat, der Andere einen Wartburg 311 Camping, der dem ausgegebenen Geld nicht den Marktwert gegenüberstellen kann.

Machen hier zwei Leute etwas falsch?

Ja und Nein. Wenn es ums Geld geht, ist der Eine klar im Vorteil und liegt richtig, der Andere bleibt auf einem Teil seiner Kosten sitzen. Der Eine erbringt den Beweis, daß man auch ein eigentlich recht teures Auto für halbwegs erschwinglichen Aufwand besitzen kann.

Der Andere beweist, dass man sich verlieben kann, ohne auf die Folgen und Kosten zu achten.

Glücklich können sich beide schätzen, wenn ihre Erwartungen erfüllt werden und die Autos den gewünschten Spaß bereiten. Unglücklich wird es dann, wenn Technik oder Ökonomie zurückschlagen.

Der Eine könnte sich ärgern, nicht doch etwas mehr investiert zu haben, um ein dauerhaft besseres Ergebnis zu erzielen, der Andere muß dem nachtrauern, daß sein Aufwand nicht honoriert wird.

311 und 911. Das klingt nach Verwandtschaft, doch fremder können Autos einander kaum sein. Und da ich zum 911 nichts sagen kann, außer, dass ich ihn schön finde, will ich mich dem 311 zuwenden, da dieser Autofamilie meine Liebelei gilt und ich fast alle Mitglieder von klein auf kenne.

Der eigentlich 16.000,- € teure Wartburg Camping von 1960 soll für 11.500,- € verkauft werden und ist in der Zeitschrift "Oldtimer Markt" 1/2013 näher beschrieben.

Ich plane schon seit Jahren, mir einen 312 Kombi wieder richtig schön aufzubauen. Die Hoffnung auf ein glückliches Ende habe ich noch nicht aufgegeben, auch wenn derzeit das Vorhaben kaum real existiert. Aus bisheriger Erfahrung mit anderen Wartburg ist mir bewußt, daß der ökonomische und zeitliche Aufwand hoch sein wird. Doch ich träume vom richtig schönen Auto.

Der bisherige Besitzer dieses Wartburg hatte sich seinen Traum erfüllt und über einen längeren Zeitraum der Wiederherstellung bezahlt. Jeder andere, der ein ebenso schönes Auto haben möchte, hätte ähnlich viel Geld ausgeben müssen. Da es kaum noch original sehr gut erhaltene Wartburg gibt, bewegt sich der Marktwert doch recht steil nach oben und mir scheint es gerechtfertigt, auch Geld über dem vermeintlich feststehenden Wert zu verlangen und auch zu bezahlen.

Sehe ich mir nun die Bilder an und lasse den Text nachwirken, möchte ich anmerken: Ein schönes Auto steht da. Die hängende Hecktür allerdings würde ich auch nicht tolerieren, die nicht so guten Reparaturen des Innenkotflügels und der Türen schon eher. Interessanter scheint mir die ersichtliche Historie des Autos. Es ist ein Auto, daß so wie es vor uns steht, nicht das Werk in Eisenach (oder den entsprechenden Teilbetrieb in Dresden) verlassen haben dürfte. Es handelt sich nämlich um die Camping Ersatzkarosserie ohne das charakteristische, nutzlos – skurile Faltdach zwischen den hinteren hochgezogenen Seitenscheiben. Wann wer wo diese Karosserie gebaut hat und das Auto damit bestückt, ist ohne genaue Besitzervorkenntnis heute nicht mehr erkennbar. Die Karosserien wurden aus Teilen in kleinen Werkstätten oft in Handarbeit zusammengefügt und haben daher kaum schöne Spaltmaße. Die Zweifarbigkeit des Autos mit den originalgetreuen Aluzierleisten und dass der Wartburg von seinem jetzigen Besitzer als Camping bezeichnet wird, läßt vermuten, daß der Originalwagen auch ein Camping mit Faltdach war. Das Baujahr wird wohl aus einem vorhandenen KFZ-Brief stammen. Doch die Technik komplett nicht. Man darf davon ausgehen, daß bei einem früheren Wiederaufbau des Autos Motor und Nebenaggregate vom 900ccm- System auf das 1000 ccm- System ausgetauscht wurden. In dem Zusammenhang erhebt sich auch die Frage, ob der Rahmen überhaupt noch original ist. Solche Autos sind durch ihre spezielle DDR- Geschichte nicht ungewöhnlich. Durch einen Unfall mit seinem 311 Kombi war mein Vater auch einmal Besitzer solch eines 311 Camping mit Ersatzkarosserie, der durch weitere lebenserhaltene Umbauten und Reparaturen heute als 312 noch in meinem Besitz ist.

Daß das in der Zeitschrift vorgestellte Auto kein Original ist, mindert meiner Meinung nach zwar seinen historischen Wert, ist aber als Zeitzeuge der Mangelwirtschaft der DDR trotzdem interessant. Wie das den finanziellen Wert des Autos beeinflußt muß individuell entschieden werden, ein Gutachten kann da nur Richtlinie und nicht Absolutheitsanspruch sein. Ich würde mich über Leute freuen, die das zu würdigen wissen. Der alte Fritz hätte gesagt: "Es soll jeder nach seiner Facon glücklich werden."

In diesem Sinne freue ich mich auf das neue Jahr mit einer hoffentlich angenehmen Oldtimersaison und vielen sehenswerten Autos.

herzliche Grüße  Euer

 

/ Martin Völz