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Karosserie-Entwicklung (Signale 1973-4)

Karosserie-Entwicklung (Signale 1973-4)

Gespeichert von Stephan am So., 26.08.1973 - 21:24
Wartburg 353 Karosserievarianten

Technik, Mode und Funktion

 

Steht man im Eisenacher Automobil-Ausstel-lungspavillon dem ersten Wartburg-Motorwagen gegenüber, einem Repräsentanten der Anfänge, also im internationalen Automobilbau vor der Jahrhundertwende, so ist offensichtlich, daß schon damals der Aufbau das Bild des Personenkraftwagens bestimmte.

Aber was alles ist seither in der Entwicklung dieser Baugruppe geschehen!

 

Eine Erörterung sämtlicher Vorgänge wäre buchfüllend und ist daher hier ausgeschlossen. Dennoch scheint es interessant und angebracht, diesen Komplex — nachdem in SIGNALE 5/1972 der Fahrwerkbau kurz betrachtet wurde (und demnächst einiges über die Motorenentwicklung vorgesehen ist) — zu­mindest etwas zu durchleuchten, um Einsichten und Erkenntnisse zur Bedeutung und Rolle der Karosserie im Automobilbau zu wecken.

 

Karosserie ist hierzu sogleich das treffende Stichwort; denn es ist, aus dem Französischen kommend, abgeleitet von und direkt verwandt mit Karosse — ursprünglich der gut ausgestatteten Kutsche. Tatsächlich stammten die ersten Kraftwagenaufbauten von der Pferdekutsche.

 

Als dann kurz nach der Jahrhundertwende sich die sogenannte Standardkonzeption mit eigenständig konstruierten Fahrwerken und nun vorn im Chassis installiertem Motor durchsetzte, wie es die gesamte Eisenacher Dixi­Typenreihe dieser Zeit veranschaulicht, gaben demgemäße Aufbauten dem Automobil vollends seine klassische Gestalt. Dies, und so zeigt es ja gerade die Dixi-Epoche, geschah allerdings in einer Vielfalt von Formen offener, abdeckbarer, halb oder ganz geschlossener Wagen, von Phaetons, Landaulets, Coupés und Limousinen. Die Kotflügel wurden durch Trittbretter verbunden, um den Einstieg zu erleichtern, die Motorhaube verlief zu Windschutzscheibe und Seitenwänden, man verlegte die Rücksitze weiter nach vorn in den besser gefederten Raum zwischen den Achsen und rückte mit niedrigeren Aufbauten den Wagen­schwerpunkt tiefer. Die Aufbauten ergaben mehr Wetterschutz und Komfort, und schon zeichneten sich Auswirkungen der Karosserie auch auf die Fahreigenschaften des Wagens ab.

 

Fertigungstechnisch löste Stahlblech als Bau­material das bislang handwerklich verarbeitete Holz ab, und in der Automobilfabrikation wurde der Karosseriebau zu einer außerordentlich wichtigen Abteilung. Stärkste Einflüsse übte die nordamerikanische Automobilindustrie aus, die in Millionenauflagen am laufenden Band zum Standard-Fahrgestell nun auch die Standardkarosserie konfektionierte. Im Hinblick auf kostensparendste Großserienproduktion tat in den dreißiger Jahren die USA-Auto­mobilindustrie ebenfalls den ersten Schritt zur selbsttragenden Karosserie.

 

Natürlich war in der Karosserieentwicklung auch viel Modisches und pure Effekthascherei mit im Spiel, manch früherer „Stromlinien“-Barock, bloßer Zierat, Heckflossen, Kotflügelbuckel oder auch die zuweilen hektisch betriebenen „Modellwechsel“, nur in billigen Detailänderungen bestehend, um große Produktionsmengen erneut an den Mann zu bringen.

 

Aber auch über den lange und oft als „zeitlos schön“ bewerteten Eisenacher 327 gingen selbstverständlich Stilempfinden und Geschmack mittlerweile hinweg.

 

Heute gibt die Karosserie des WARTBURG 353 diesem jüngsten Eisenacher Automobiltyp un­verwechselbar Gesicht, Profil und Gestalt, mehr noch, sie ist infolge Form sowie ihrer konstruktiv und technologisch herausgearbei­teten Funktionstüchtigkeit maßgeblich an hochqualifizierten Eigenschaften und moderner Gesamtcharakteristik des WARTBURG 353 beteiligt.

 

Das reicht weit über herkömmliche Aufgabenbereiche einer Automobilkarosserie hinaus. Beispielsweise Gebrauchswertmerkmale betreffend: Daß der WARTBURG 353 als Wagen der unteren Hubraum-Mittelklasse bezüglich karosserieseitig bereitgestellter Sitzplatzzahl, Geräumigkeit und erzieltem Fahrkomfort her­vorragend abschneidet, ist hinreichend be­kannt und gehört zu seiner markanten Grund­konzeption. Es gibt aber noch andere Ge­brauchswertpluspunkte. So wurde nach sorg­fältig durchgeführten Studien ganz bewußt die Bauweise Rahmen + Aufbau praktiziert, dem­nach ohne die Karosserie noch mit den Funk­tionen eines tragenden Fahrwerk-Grundkörpers zu belasten, um hohe Standfestigkeit des Aufbaues, Klapperfreiheit und leichte Austauschbarkeit eventuell beschädigter Einzel­teile zu gewährleisten. Ferner wird bereits im Produktionsprozeß durch zielgerichtete Maß­nahmen, u. a. das Verfahren der Elektro­phorese-Tauchgrundierung, für Korrosions­schutz gesorgt. Und moralische Abwertung, alljährlich etwa durch belanglose Aussehens­veränderungen manipuliert, steht sowieso nicht im Eisenacher Verkaufsvokabular.

 

Die Form der WARTBURG-Karosserie — alles andere als vorübergehend modisch gestaltet und ebensowenig hypermodern abseitig — hat durch strömungsgünstige Ausbildung übrigens nennenswerte Anteile an der erzielbar hohen Endgeschwindigkeit des Wagens und seiner weitgehenden Seitenwindunempfindlichkeit. Damit ist schließlich ein Punkt angeschnitten, der unstreitig zu den aktuellsten Beurteilungsmerkmalen einer modernen Automobilkarosse zählt: Sicherheit. Es spricht eindeutig für die entwickelte Modernität der Karosserie des WARTBURG 353, daß sie gerade in solcher Beziehung einschlägige Forderungen erfüllt. Zu aktiver Sicherheit ist Seitenwindunempfindlichkeit jedoch nur einvon der Karosserie vermittelter Beitrag; weitere sind z.B. gute Sichtverhältnisse, weitgehende Ermüdungsfreiheit des Fahrers durch sorgfältige Ausstattung sowie leichte Bedienung und Kontrolle infolge entsprechender Karosserie-Ausführung. Sogenannte passive oder innere Sicherheit ergeben Abpolsterungen aufschlaggefährdenden Karosseriepartien, Ausstattung mit Dreipunkt-Sicherheitsgurten. Erwiesen ist vor allem auch, daß die WARTBURG-Karosserie Aufprallenergieverzehrende „Knautschzonen" in Bug und Heck aufweist und einen gestaltfesten Fahrgastraum mit sicher schließenden Türen. Das bestätigen absolvierte Crash-Tests und ist durch ECE-Zertifikate verbrieft und besiegelt.